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    Der „Cyber-Trojaner“ des Kremls: Russland unter dem Deckmantel des IS?

    © REUTERS / Amir Cohen
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    Das Russland-Bashing in den deutschen Medien erreicht ein absolut neues Niveau. Nun soll der Kreml sogar hinter den Hackerangriffen des IS stehen, wie Spiegel Online berichtet. Dabei führt die Seite, wie so oft bei solchen Berichten, überhaupt keine Beweise an und spricht von zweifelhaften „Indizien“. Solch ein Vorgehen ist aber nicht neu.

    Worte findet mal wieder eine der bekanntesten deutschen Nachrichtenseiten, um dem Leser eine anti-russische Meinung zu verschaffen: „Das sogenannte Cyber-Kalifat des "Islamischen Staates" (IS) ist womöglich eine russische Erfindung.“

    Dabei sprächen etliche Indizien dafür, dass „die dem ‚Cyber-Kalifat‘ zugeschriebenen Angriffe tatsächlich unter falscher Flagge von Hackern des Kreml verübt worden sind“. IT-Spezialisten der Terrormiliz Daesh (auch IS, Islamischer Staat genannt) seien nämlich selbst nicht in der Lage, große Hackerangriffe durchzuführen.

    Anscheinend ist das Grund genug für den Spiegel, die Schuld sofort Moskau zuzuschieben, und zwar ohne Beweise, bedeutende Argumente und Logik. Im Westen nichts Neues, könnte man dazu wieder sagen, denn unbegründete Anschuldigungen sind für deutsche Medien absolut normal, vor allem wenn man berücksichtigt, dass sie unter den europäischen Russland-Bashern immer ganz vorne liegen.

    Ende Dezember 2015 hatte Sputnik die westliche Berichterstattung über Russland in einer Jahresbilanz unter die Lupe genommen. Die deutschen Medien landeten damals ganz oben auf der Liste der negativen Publikationen, vor allem solche bekannten Zeitungen wie die FAZ und „Die Welt“.

    Mehr zum Thema: Insbesondere deutsche Medien mögen Russland nicht

    Man darf sich kurz an den Skandal rund um die Panama Papers im April erinnern. Damals hatte das Internationale Konsortium Investigativer Journalisten (ICIJ) 11,5 Millionen Dokumente mit Daten über Offshore-Konten mehrerer agierender und ehemaliger Spitzenpolitiker veröffentlicht. Diese Berichte beruhen auf einem Datenleck in der Anwaltskanzlei Mossack Fonseca mit Sitz in Panama-Stadt, die juristische Unterstützung bei der Registrierung von Briefkastenfirmen erweist.

    Und obwohl der Name des russischen Präsidenten Wladimir Putin in keinem einzigen Dokument erschienen war, war genau er die beliebteste Zielscheibe der westlichen Medien bei Berichten zu diesem Thema. Die Süddeutsche Zeitung hatte fast täglich in ihren Artikeln über die Panama Papers den russischen Staatschef erwähnt. Dabei standen die Namen ranghoher Politiker aus anderen Ländern, im Gegensatz zu Putin, tatsächlich in den enthüllten Dokumenten.

    Putin selbst äußerte sich damals kurz und knapp zu der Kritik gegen ihn in Bezug auf die Panama Papers. „Mein Name steht nicht auf der Liste und damit ist alles gesagt“, sagte er. Außerdem mache die Einheit der russischen Nation den Gegnern im Ausland Sorgen.

    • Luftwaffenstützpunkt Hmeimim
      Die ARD behauptete, dass Russlands Luftstreitkräfte eine Klinik in Syrien angegriffen hatten, legte aber keine Beweise vor.
      © Foto : Russian Defence Ministry
    • Süddeutsche Zeitung
      Als die Panama Papers veröffentlicht wurden, prangte vor allem der Name des russischen Präsidenten auf den Titelseiten der deutschen Medien. Dabei kam Putin in keinem der 11,5 Millionen Dokumente vor.
      © AFP 2019 / Christof Stache
    • Russische Fans in Frankreich
      Auch die Unruhen, an denen sich russische Fußballfans während der EM 2016 in Frankreich beteiligten, sollen aus dem Kreml gesteuert worden sein. Diese These wurde jedoch nicht mit Fakten belegt.
      © AFP 2019 / Leon Neal
    • Die Schuld am Bürgerkrieg im Donbass schieben deutsche Journalisten oft Moskau und persönlich Wladimir Putin zu. Bis jetzt sind die Vorwürfe ebenfalls unbewiesen.
      © Sputnik / Valeriy Melnikov
    • Leichtathletik
      Der Doping-Skandal ist ein weiteres Thema für interessante Theorien. Anfang Dezember 2015 hatte die ARD in einer Doku berichtet, dass russische Leichtathleten systematisch dopen würden. Später hatten Vertreter des Senders eingestanden, dass im Film zitierte Aussagen russischer Sportler nicht authentisch sind.
      © Sputnik / Aleksandr Vilf
    • Wrackteile der malaysischen Boeing MH17
      ´Die „Bild“ behauptete, dass am Abschuss der malaysischen Boeing MH17 über der Ukraine direkt russische Militärs beteiligt waren, aber zu dieser Behauptung gibt es bislang nur Vermutungen und Modalwörter wie „angeblich“.
      © AFP 2019 / Bulent Kilic
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    © Foto : Russian Defence Ministry
    Die ARD behauptete, dass Russlands Luftstreitkräfte eine Klinik in Syrien angegriffen hatten, legte aber keine Beweise vor.

     

    „Deshalb versucht man, intern zu destabilisieren, uns fügsam zu machen. Der einfachste Weg ist, in der Öffentlichkeit Misstrauen gegenüber den Behörden zu säen, die Einen gegen die Anderen aufzuwiegeln. Diese Methode war in den tragischen Jahren des Ersten Weltkrieges glänzend angewendet worden, als das Land in den Zerfall getrieben wurde“, fügte Putin hinzu.

    Der russische Präsident und Russland werden überhaupt für viele negative Weltgeschehnisse verantwortlich gemacht, ob es die Migrationskrise oder der Bürgerkrieg in der Ukraine ist. Auch bei den Krawallen der russischen Hooligans bei der EM-2016 in Frankreich erkennen die Medien angeblich einen Befehl aus dem Kreml. Der Sprecher des russischen Staatschefs, Dmitri Peskow, hat die richtigen Worte für diese Bashing-Tendenz gefunden:

    „Das erfordert unsererseits keinerlei Reaktion. Es ist ein weiteres Beispiel davon, wie weit einige Menschen in ihrer russophoben Hysterie gehen können“, sagte er.

    „Hysterie“ scheint überhaupt zum Mittel der anti-russischen Berichterstattung geworden zu sein. Wer braucht schon Fakten, wenn es solche Wendungen wie „nach Spiegel-Informationen“ gibt. Der Otto-Normal-Leser wird schon wie ein Staubsauger den notwendigen Informationsmüll in seinen Verstand aufnehmen und nichts überprüfen können, hoffen sich jedenfalls anscheinend die Medien… Zum Glück sind die Rezipienten schlauer und glauben nicht jeden Quatsch, der auf solchen Plattformen erscheint.

    Der deutsche Journalist Jakob Augstein hatte schon im Februar darüber geschrieben, dass Putin in den westlichen Medien verteufelt wird. Der russische Präsident werde für alle möglichen Sünden verantwortlich gemacht.

    „Demnächst noch für Merkels Frisur. Putin ist wie ein Geist. Aber wie für alle Geister gilt auch für diesen: Den Putin, den wir überall sehen, den erfinden wir uns selbst“, so Augstein.

    Es gibt jedoch auch einen anderen Weg, Menschen zum Glauben zu überzeugen: Wenn man keine Beweise liefern kann, kann man diese erfinden oder zumindest jemanden bezahlen, der sich als Zeuge vorstellt und aussagt. Die „Ich hab´s gesehen“-Methode kann gut funktionieren, geht aber schnell den Bach runter, sobald die Wahrheit ans Licht kommt.

    So war das z.B. bei der ZDF-Dokumentation, die unter dem Titel „Machtmensch Putin“ erschien. Beim zweiten Teil dieser Doku ging es um die Ukraine-Krise und vor allem um den Krieg im Donbass. Ein Mann, der sich Igor nannte, sprach in dem Film über die angebliche Beteiligung Russlands an den militärischen Handlungen im Osten der Ukraine. Später sagte ein und derselbe Mann im russischen Fernsehen aus, dass das ZDF ihm für diese Aussagen gezahlt habe und sein Name nicht einmal Igor sei. Einen großen Wirbel gab es zwar damals, aber die deutschen Medien scheinen wenig aus dieser Lektion gelernt zu haben.

    Anfang Dezember 2015 hatte die ARD in einer Doku berichtet, dass russische Leichtathleten systematisch dopen würden. Als Zeugen sagten die 800-m-Läuferin Julia Stepanowa und ihr Mann Vitali Stepanow, Ex-Mitarbeiter der russischen Anti-Doping-Agentur RUSADA, aus. 800m-Olympiasiegerin Marija Sawinowa soll in einem ausgestrahlten Handymitschnitt ihren Gebrauch von Doping eingestanden haben. Allerdings zeigte das Video die Mittelstreckenläuferin verschwommen, die Stimme wurde nachgesprochen.

    Deshalb konnte man allein an dem ausgestrahlten Video wohl nicht identifizieren, was sie wirklich gesagt hatte. Der Russische Leichtathletik-Verband WFLA fragte bei der ARD nach nicht geschnittenen Video- und Audiooriginalen an, erhielt jedoch keine Antwort. Anschließend hatte der WFLA den Filmautoren vorgeworfen, mehrere Leichtathletik-Stars zu kompromittierenden Äußerungen provoziert zu haben.

    Im Februar hatte das Internetportal Bellingcat einen Bericht veröffentlicht, in dem vermutet wurde, dass am Abschuss der malaysischen Boeing MH17 über der Ukraine direkt russische Militärs beteiligt waren. Dabei kann man im Text des Berichts ständig solche Modalwörter wie „angeblich“, wahrscheinlich“ und „vermutlich“ treffen. Für Bild war das aber anscheinend schon genug, um dem Leser ein Material unter dem Titel „Neuer Bericht zum MH17-Abschuss — Die Spur führt zu Putin“ zu präsentieren.

    Und nun ist das Thema der IS-Cyberangriffe an der Reihe: Spiegel zufolge sprechen die deutschen Sicherheitsbehörden von 4.000 Hackern im Dienst des Kremls. Diese sollen also unter der Flagge des IS gehandelt haben. Auf diese Weise soll dem Leser, mal wieder ohne jegliche Beweise, die neue Art der sogenannten „russischen Aggression“ vorgestellt werden — im Informationsbereich.

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    Tags:
    Cyberattacken, Terrormiliz Daesh, Wladimir Putin, Russland