02:31 29 Januar 2020
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    Anschlag von Nizza (111)
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    Der blutige Anschlag auf Nizza hat die ganze Welt erschüttert. Während der Feiern zum französischen Nationalfeiertag war am späten Donnerstagabend in Nizza ein Lastwagen zwei Kilometer weit in eine Menschenmenge gerast.

    Nach neuesten Angaben kamen 84 Menschen ums Leben, weitere rund 200 wurden verletzt. In Nizza befindliche Russen, die zum Zeitpunkt des Anschlags vor Ort waren, schildern die furchtbaren Szenen der Tragödie.

    „Leichen lagen auf der Straße“

    Reiseführerin Rita Dawletowa saß am Abend kurz vor Tragödie mit Freunden auf einer Restaurant-Terrasse. Bei ihnen war eine Freundin, die in der Stadtverwaltung von Nizza im Sicherheitsbereich arbeitet. Als der rasende LKW auftauchte, alarmierte sie ihre Freunde, sich sofort in Sicherheit zu bringen.

    „Sie wusste sofort, dass etwas passiert – der Lastwagen fuhr mit sehr hoher Geschwindigkeit. Die Freundin sagte uns, wir sollten uns drinnen im Casinosaal verstecken. Ich sah, wie Menschen mitten auf der Straße umfielen. Wir versteckten uns, die Menschen von der Promenade liefen ebenfalls zu uns. Wir schlossen die Tür, sahen jedoch durch einen Spalt, was im Foyer geschah. Dorthin wurden Verletzte gebracht, es waren sehr viele“, sagte Rita.

    Polizei, Ambulanz und Rettungsdienste am Anschlagsort in Nizza
    © AFP 2019 / Valery Hache
    Polizei, Ambulanz und Rettungsdienste am Anschlagsort in Nizza

    Gegen ein Uhr in der Nacht durften sie hinausgehen. Im Hauptsaal lag eine Leiche, abgedeckt mit Bettlaken.

    „Auf der Straße gab es viele Leichen. Wir hatten Angst, auseinanderzugehen. In Nizza gibt es sehr viele Russen. Ich habe eine Bekannte, die aus Moskau ist. Ich konnte sie gestern telefonisch nicht erreichen. Sie soll ebenfalls bei dem Feuerwerk gewesen sein. Im Casino gab es auch einen jungen Russen, der an uns vorbeilief und telefonierte; als er den Kopf umdrehte, sah er den Lastwagen und rannte mit uns mit. Er konnte seine Mutter am Telefon nicht erreichen. Eine Frau, die mit einem Kinderwagen ins Casino lief, weinte sehr, weil ihr Mann auf der Straße umgefallen war.“

    Polizisten in Nizza, wo ein Lastwagen in eine Menschenmenge raste
    © REUTERS / Eric Gaillard
    Polizisten in Nizza, wo ein Lastwagen in eine Menschenmenge raste

    „Es waren keine Polizisten da“

    Alina Schabanowa und ihr Ehemann waren aus Paris gekommen. Am Abend aßen sie auf der Terrasse eines Restaurants an der Promenade des Anglais.

    „Am Abend gab es in Nizza eine Parade anlässlich des Nationalfeiertages. Ein Teil der Promenade, darunter die Straße, wurde gesperrt. Nach der Parade wurde die Straße als Fußgängerzone genutzt. Der Lastwagen durchbrach die Absperrung, obwohl dies nicht schwer war – die Metallteile waren leicht. In der Mitte gab es eine Bühne, auf der eine Rockgruppe auftrat, daneben ein Feuerwerk. Am späten Abend leerte sich Nizza, alle waren zur Promenade des Anglais gekommen, weshalb es dort sehr viele Menschen gab“, so Schabanowa.

    Alina saß zusammen mit ihrem Mann gegenüber der Bühne. Ihr zufolge ereignete sich der Anschlag fünf bis sieben Minuten nach dem Feuerwerk.

    „Mein Ehemann sah, wie der Lastwagen die Absperrung durchbrach und in Richtung Menschenmenge raste. Er schrie mir zu, ich sah, wie die Menschenmenge in Panik auf mich zu rannte. Alle, die sich in dem Gebäude befanden, liefen in den Keller des Restaurants. Es war sofort klar, dass etwas Schreckliches geschah“, so Schabanowa.

    Sie lief mit ihrem Ehemann durch den Hintereingang des Restaurants hinaus. Ihr zufolge leitete ein Polizist die Bewegung der Menschen.

    „Auf der Straße roch es nach verbranntem Pulver, ich habe jedoch keine Schüsse gehört. Der Polizist wies uns mit Gesten und Rufen an. Alle Menschen halfen sich gegenseitig. Es war schrecklich. Jemand hatte wohl Verwandte auf der Promenade, sie wollten zurückkehren, es wurde ihnen aber nicht erlaubt.“

    Der Frau zufolge waren die Sicherheitsvorkehrungen bei der Veranstaltung nicht ausreichend. Während bei der Parade Polizisten auf der Straße zu sehen waren, gab es am späten Abend fast keine mehr.

    „Lastwagen raste gezielt zum Töten“

    Kira Kalinina fuhr während des Feuerwerks mit dem Auto nach Nizza. Sie kehrte mit ihrer Familie unversehrt nach Hause zurück.

    „Wir hörten die letzten Salven. Es gab keine Polizeisperren bei der Einfahrt in die Stadt, man konnte problemlos von der A8 zur Promenade fahren. Wir standen vor der Ampel, um auf den Boulevard Gambetta zu biegen, als wir wildes Geschrei hörten. Menschen rannten erschrocken weg, danach raste ein großer Lastwagen in sie hinein. Das war zwei Meter von uns entfernt. Mir schien, dass er mit einer Geschwindigkeit von 100 bis 120 km/h raste – er wollte eindeutig direkt und gezielt töten.“

    Verletzter beim Nizza-Anschlag
    © REUTERS / Eric Gaillard
    Verletzter beim Nizza-Anschlag

    „Wir kamen auf eine Straße, die nach unten zum Markt und zur Stadtverwaltung führt, doch da gab es einen Autounfall bzw. die Straße war nach dem Feuerwerk gesperrt. Ich begann zu wenden, da rannten schreiende Menschen um die Ecke.“

    Laut Kalinina kam die Feuerwehr 20 Minuten nach der Tragödie aus Richtung Cannes nach Nizza.

    „Der Lastwagen tauchte etwa sieben bis zehn Minuten nach dem Feuerwerk auf. Viele Menschen gingen bereits auseinander, sonst hätte es viel mehr Opfer gegeben“, so Kalinina.

    „Menschen suchten nach einem Versteck“

    Maria ist zu einem Sprachkurs nach Frankreich gekommen. Während der Tragödie befand sie sich unweit der Promenade. Dass sich etwas Schreckliches ereignete, verstand sie, als sie die in Richtung Zentrum rennenden Menschen sah.

    „Ich versteckte mich im Hausflur. Menschen liefen vor allem in Restaurants und Läden, weil die Hausflure geschlossen waren. In meinem Fall öffneten die Besitzer die Tür und riefen die Menschen hinein, damit sie sich in Sicherheit bringen konnten. Wir hielten uns dort zwei Stunden lang auf, danach gab es einen Sondereinsatz und wir wurden weggebracht“, so Maria.

    Erste Minuten nach dem Anschlag. Video eines Augenzeugen

    Heute ging sie nicht zum Unterricht, wie viele andere Studenten auch. „Ich will bis zum Ende des Studiums bleiben, doch viele sind schockiert und überlegen, ob sie früher wegfahren sollen.“

    „Ich wurde nicht ins Hotel gelassen“

    Olga Jakowlewa aus Moskau war in Nizza auf Urlaub. Sie sah sich das Feuerwerk von einem Motorboot im Meer an – gegenüber dem bekannten Hotel Negresco, das sich an der Promenade des Anglais befindet.

    „Eine Frau, die bei uns war, wurde von einer Freundin angerufen, die ihr sagte, dass sie sich auf der Promenade befindet und dort Panik ausgebrochen ist, es gab Schüsse, viele Tote, Menschen versuchten wegzulaufen, doch sie wurden von den Polizisten nicht weggelassen, selbst die Besucher der Cafés durften nicht raus. Etwa 15 Minuten lang gab es keine Bestätigungen, im Fernsehen wurde die ganze Zeit das Feuerwerk vor dem Eiffelturm gezeigt“, so Olga.

    Verwandte der Opfer des Nizza-Anschlags. 15. Juli 2016
    Valery Hache
    Verwandte der Opfer des Nizza-Anschlags. 15. Juli 2016

    Ihr zufolge waren nach der Tragödie viele Polizisten in der Stadt; die Promenade wurde gesperrt.

    „Ich konnte wegen der Absperrungen nicht ins Hotel. Es flogen Hubschrauber mit Scheinwerfern, es hatte den Eindruck, dass sie nach jemandem im Wasser suchten. Ich musste bis zum Morgen draußen bleiben und die Nacht bei Freunden verbringen. Jetzt wird allen empfohlen, in den Hotelzimmern zu bleiben. An den Stränden patrouillieren jetzt Polizisten, es gibt da keine Urlauber.“

    Russische Opfer des Anschlags

    Bei dem Anschlag in Nizza kam die 20-jährige Moskauer Studentin Viktoria Sawtschenko ums Leben. Ihre Freundin Polina Serebrjannikowa befindet sich mit gebrochenen Zehen im Krankenhaus.

    Опубликовано Victoria Savchenko 4 апреля 2015 г.

    Die Studentinnen waren auf Sommerferien in Europa. Viktoria postete auf Facebook viele Fotos von ihrer Reise. Vor Frankreich hatten sie Litauen besucht.

    Dieses Foto erschien auf Polinas Instagram-Seite, wenige Stunden vor dem Anschlag. Da lässt sie sich vor der Fontaine du Soleil auf dem Place Massena fotografieren.

    Polina ist jetzt in Sicherheit. Wie ihre Universität in Moskau mitteilte, wird sie notwendige Hilfe bekommen. Laut dem Prorektor der Hochschule, Alexander Koscharinow, ist ihr Handy derzeit nicht erreichbar, man wird allerdings versuchen, mit ihren Eltern Kontakt aufzunehmen.

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    Tags:
    Terrorismus, Anschlag, Viktoria Sawtschenko, Olga Jakowlewa, Kira Kalinina, Alina Schabanowa, Rita Dawletowa, Nizza, Frankreich, Russland