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18:31 19 August 2019
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    007 an der Strippe: Künstlerkollektiv stellt Telefonverbindung zu Geheimagenten her

    © REUTERS / Benoit Tessier
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    Einfach mal beim CIA oder BND anrufen und mit einem echten Agenten über das Leben plaudern? Das Peng! Collective macht das möglich! Die Aktivisten führen Veranstaltungen durch, wo ganz normale Menschen telefonisch mit Geheimdienstmitarbeitern aus der ganzen Welt verbunden werden. Jetzt kann man sich solche Aktionen auch ins Büro bestellen.

    Wie das Ganze funktioniert, das hat Sputnik-Korrespondentin  Ilona Pfeffer Ariel Fischer vom Künstlerkollektiv Peng! gefragt.

    Herr Fischer, das Peng Kollektiv hat vor kurzem eine Hotline vorgestellt, bei der man als Anrufer mit Agenten verschiedener Geheimdienste verbunden wird. Das Ganze heißt Call A Spy. Zunächst zur Klärung: Wie genau funktioniert das?

    Es gibt ein ganz normales Telefon, das mit einem Computer verbunden ist. Im PC gibt es wiederum eine Datenbank mit verschiedenen Nummern. Das Ganze geht dann über Voice Over IP ins Netz. Auf diese Weise können die Gespräche nicht geortet werden, alles bleibt anonym.

    Wie kommen Sie an die Nummern der Geheimagenten?

    Die meisten Nummern bekommt man im Internet. Manche findet man in professionellen Netzwerken, andere sind durch Leaks veröffentlicht worden. Man muss einfach nur recherchieren.

    Um welche Geheimdienste handelt es sich?

    Wir haben mehrere. Darunter sind die kanadische Intelligence Agency, NSA, CIA, FBI, BND, Verfassungsschutz. Auch italienische und französische Geheimdienste stehen auf der Liste. Wir sind auch immer auf der Suche nach Menschen, die uns weitere Nummern besorgen, damit wir Call A Spy in unterschiedlichen Ländern zeigen können.

    Wie kam es zu der Idee und was soll damit gezeigt werden?

    Zunächst hatten wir das Projekt Intel Exit, wo wir den Versuch machten, Mitarbeitern der Geheimdienste beim Ausstieg zu helfen. Das war auch der erste Versuch, mit diesen Menschen direkt zu kommunizieren. Und dann dachten wir an die andere Seite, die Zivilgesellschaft. Wir wollten zeigen: Diese Agenten sind auch Menschen, die sitzen nicht wie in Hollywood-Filmen in dunklen Kammern und kontrollieren alles, was passiert. Wenn man das versteht, dann kann man auch dagegen arbeiten. Diese Menschen bekommen Aufträge von unseren Regierungen, die uns eigentlich schützen und nicht ausspionieren sollten. 

    Jetzt haben Sie das ganze schon bei mehreren Veranstaltungen getestet: Wie ist es gelaufen?

    Sehr gut ist es gelaufen! Die Reaktionen waren sehr positiv, manchmal auch sehr emotional. Man muss dazu sagen, dass Call A Spy drei mögliche Varianten hat. Es gibt die Telefonzelle, die wir installieren und wo Leute reingehen und ein Gespräch führen können. Dann gibt es die Variante Call Center, wo wir eine Art Workshop durchführen und mit den Leuten auch über Taktiken sprechen, wie man so ein Gespräch führen kann, um interessante Informationen von dem Geheimdienstmitarbeiter zu bekommen. Und es gibt die Gameshow, was eigentlich wie eine Theatervorstellung ist. Da gibt es dann live auf der Bühne einen Wettbewerb, wer der beste Spy-Caller ist.

    Die Reaktionen hängen auch immer vom Format ab. Beim Theater ist das relativ klar. Bei den Workshops hingegen ist es sehr interessant zu sehen, wie unterschiedlich die Leute darauf reagieren, denn es ist auch immer eine Konfrontation mit dem eigenen Ich. Die Teilnehmer finden die Idee sehr spannend, aber wenn es dann wirklich zu dem Telefonat kommt, bekommen manche von ihnen Ängste. Sie fangen an zu stottern, vergessen ihren Decknamen und ihre Coverstory. Plötzlich wird ihnen klar, dass auf der anderen Seite ein Mensch sitzt, der auch wissen will, wer sie sind und warum sie anrufen. Insgesamt gibt es schon eine große Bandbreite von Reaktionen, von Begeisterung bis Angst.

    Wenn ich da anrufen würde, könnte ich mir dann aussuchen, mit welchem Geheimdienst ich rede oder wird das zufällig gewählt? Und haben die Anrufer auch versucht, den Agenten kritische Fragen zu stellen und etwas über ihre Tätigkeit rauszufinden?

    Das System ist so konzipiert, dass man zunächst das Land wählen kann, also z.B. 1 für Deutschland, 2 für die USA usw. Dann wiederum kann man eine Organisation in diesem Land wählen, also 1 für BND, 2 für Verfassungsschutz. Man kommt also gezielt an eine Organisation und dann wählt das System eine zufällige Nummer aus der Database.

    Zur zweiten Frage: Die Gespräche bewegen sich zwischen lustigen, kurzen Telefonstreichen und ganz ernsthaften Gesprächen über moralische Fragen, die Arbeit und die Haltung der Geheimdienstmitarbeiter. Diese Menschen sehen sich ja normalerweise als große Patrioten, die hinter dem, was sie tun, auch stehen. Sie haben natürlich etwas zu sagen und bekommen heutzutage ja auch viel Kritik in den Medien. Es ist aber immer wieder die Frage, wie man sein Anliegen formuliert und die Brücke baut, sodass diese Person überhaupt mit Einem redet. Das ist nicht leicht, aber machbar.

    Nun wird sich nach einigen Anrufen ihre Aktion rumgesprochen haben. Gibt es Gegenmaßnahmen? Werden die Anrufe blockiert?

    Diese Menschen sind es natürlich nicht gewohnt, unter diesen Rufnummern Anrufe zu bekommen. Sie sind aber auch geschult und es ist spannend, mitzubekommen, wie sie reagieren, welche Fragen sie stellen und dass sie automatisch anfangen, nachzubohren, und wie professionell sie dabei sind, keine Informationen rauszugeben.

    Maßnahmen gab es unterschiedliche. Es kam vor, dass unsere ganze Verbindung nach Großbritannien nicht mehr funktionierte. Wir hatten verschiedene technische Probleme, die zeitlich eindeutig mit von uns durchgeführten Testläufen verbunden waren. Man kann nichts beweisen, aber es gab öfter suspekte Aktionen. Wir müssen immer wieder technische Lösungen finden, aber bis heute funktioniert es.

    Sie hatten angekündigt, dass man sich Call A Spy künftig auch in seinen Verein, seine Schule oder seine Theateraufführung bestellen kann. Was müsste man dafür machen?

    Sie müssen lediglich auf unsere Seite www.call-a-spy.org gehen. Dort gibt es alle Informationen und Sie können uns einfach kontaktieren. Das einzige, was man für die Aktion braucht, ist eine Internetverbindung. Jeder kann mitmachen, wir sind da ganz offen.

    Interview: Ilona Pfeffer

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    Tags:
    Geheimdienst, Call A Spy, Bundesnachrichtendienst (BND), FBI, CIA, NSA, Ariel Fischer