10:52 02 Juni 2020
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    Der 22-jährige Student Ali Can hat ein offenes Ohr für die Anliegen von „besorgten Bürgern“. Bei seiner Hotline versucht der aus der Türkei stammende junge Mann, Dialog herzustellen – auch mit Pegida-Aktivisten und AfD-Anhängern. Und viele nehmen das Gesprächsangebot des „Asylbewerbers Ihres Vertrauens“ an.

    Sputnik-Korrespondentin Ilona Pfeffer hat mit Ali Can über sein Projekt gesprochen.

    Herr Can, Sie haben eine Hotline für besorgte Bürger eingerichtet, wo diese dann mit Ihnen als „Ausländer ihres Vertrauens“ sprechen können. Wie kam es zu dieser Idee?

    Im März habe ich im Osten Deutschlands eine Friedensreise gemacht, unter anderem bin ich bei Pegida mitmarschiert. Ich habe Antworten auf die Frage gesucht, wie ich mich rechtsgesinnten Menschen friedlich annähern und mit ihnen sprechen kann, sodass sie sich langfristig interkulturell öffnen. Da habe ich herausgefunden, dass es in jeder zwischenmenschlichen Beziehung Wertschätzung braucht, dass man einander auf Augenhöhe begegnet, einander zuhört und sich fragend annähert – aber nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit netten Worten.

    Wer ruft bei Ihnen an?

    Bei der Hotline rufen die unterschiedlichsten Menschen an – vom ganz rechten Spektrum bis hin zu Menschen, die sich für Flüchtlinge engagieren wollen, aber nicht wissen, wie sie Zugang erhalten. Das Besondere an meiner Hotline ist, dass ich sage: Egal, was dich bedrückt oder woran du interessiert bist – du kannst mich anrufen und ich höre dir zu.

    Könnten Sie „rechtes Spektrum“ präzisieren? Rufen bei Ihnen Leute an, die bei Pegida mitmarschieren oder vielleicht solche, die einfach konservative Werte vertreten?

    Das ist sehr heterogen, man kann nicht pauschal sagen, die Anrufer seien bei Pegida oder wählen alle die AfD. Es gibt solche, die mir von vorn herein gesagt haben, dass sie die AfD wählen und dass sie einfach mit der Einwanderungspolitik nicht zufrieden sind. Die wollen die Sicherheit, dass keine Terroristen ins Land kommen und dass Menschen mit Pässen einreisen sollen, damit man weiß, wer sie sind. Andere wiederum beklagen sich über die Flüchtlinge, weil sie den Platz vor der Erstaufnahmeeinrichtung zumüllen. Derjenige sagte, er sei an sich tolerant, aber es würde ihn aufregen, wenn Gesetze nicht eingehalten werden. Wie gesagt, nicht alle besorgten Bürger sind Pegida-Aktivisten oder AfD-Wähler, es gibt auch einfach Menschen, die normale Fragen haben.

    Wie ist Ihre Position? Diskutieren Sie mit den Anrufern, versuchen Sie, Ihre Ansichten zu ändern? Oder hören Sie einfach nur zu?

    Der Zweck der Hotline ist es, eine Plattform zu bieten, wo man in einem vertrauten Rahmen mit einem Asylbewerber sprechen kann. Die „Strategie“ ist, dass ich erstmal zuhöre, meine Wertschätzung dafür entgegenbringe, dass jemand anruft und das Gespräch aufnimmt. Wenn derjenige seinen Fall geschildert hat, versuche ich, fragend an eine Lösung zu kommen. Ich versuche Tipps zu geben, wie der Anrufer mit dieser kulturellen Vielfalt umgehen kann oder mit seinem Anliegen. Dem Anrufer mit dem Müllproblem habe ich z.B. angeboten, hinzufahren und es mir selbst anzusehen.

    Sie selbst leben ja seit der frühen Kindheit in Deutschland. Sehen Sie sich selbst als Ausländer? Wie nehmen Ihre Gesprächspartner Sie wahr?

    Eigentlich gibt es keine Ausländer. Sobald jemand nach Deutschland kommt und langfristig hier lebt, ist er kein Ausländer mehr. Ich habe mich selbst nie als wirklich fremd wahrgenommen, weil ich schon früh Freunde hatte, die mich eingeladen haben, weil ich mich hier wohl fühle. Ich identifiziere mich mit keiner Nation.

    Bei Ihrer Initiative gehen Sie dennoch ganz offen mit Ihrem Migrationshintergrund um. Meinen Sie, dass das eine große Rolle dabei spielt, dass die Leute Sie überhaupt anrufen und wie die Gespräche verlaufen?

    Ich glaube, dass es manchmal sogar hinderlich ist, weil sie einem nicht glauben, dass man ihnen mit Wertschätzung entgegen kommt. Manche denken auch, das sei Satire. Ich glaube schon, dass es manchmal besser wäre, wenn der Bio-Deutsche Otto von nebenan die Hotline anbieten würde. Die Menschen würden sich vielleicht eher trauen und hätten keine Vorbehalte. Auf der anderen Seite erreiche ich die Menschen, die anrufen, ganz gut. Sie merken dann: Hey, da ist ein Asylbewerber, der spricht hochdeutsch und hat sich integriert. Und vielleicht erzählen sie beim nächsten Stammtisch: ich habe da mit einem Asylsuchenden telefoniert, der war ja doch ganz nett. Wenn sie das weitererzählen würden. Wäre das schon ein Schritt in die richtige Richtung, nämlich dass sie merken, dass man nicht pauschalieren sollte.

    Gab es auch solche, die Sie beschimpft oder bedroht haben?

    Ja, bisher gab es zwei solche Anrufe. Einmal hat mich einer 20 Sekunden am Stück beleidigt bis ich dann aufgelegt habe.

    Wie gehen Sie damit um?

    Bundeskanzlerin Angela Merkel (Archivfoto)
    © AFP 2020 / Сдуьуты Ишдфт
    Ich nehme mein Ego zurück und denke mir, dass es solche Menschen überall geben kann. Es hat nichts damit zu tun, dass derjenige gegen Ausländer ist. Er beleidigt ja auch nicht mich persönlich, sondern eine Person, die er sich in seinem Kopf zusammengeschustert hat. Das nehme ich mir nicht zu Herzen und gebe einfach dem nächsten Anrufer eine Chance.

    Ihre Initiative ist ja bisher sehr erfolgreich. Was glauben Sie, woran das liegt?

    Ich nehme die Menschen ernst, spreche mit ihnen auf Augenhöhe, differenziere. Das Besondere ist ja, dass wir selber mal als Asylbewerber hierhergekommen sind. 2008 haben wir erstmals den Duldungsstatus verlassen und einen eingeschränkten Aufenthaltstitel bekommen. Und dass einem ein ehemaliger asylsuchender diese Wertschätzung entgegenbringt, bewegt die Menschen.

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    Tags:
    Flüchtingskrise, Partei Alternative für Deutschland (AfD), PEGIDA, Deutschland