12:09 10 Dezember 2019
SNA Radio
    Fukushima-Jahrestag: Am 11. März 2011 kam es in Fukushima zu der NuklearkatastropheFukushima-Jahrestag: Am 11. März 2011 kam es in Fukushima zu der Nuklearkatastrophe

    Picknick am Rande der Sperrzone. Teil 2. Fukushima

    © AP Photo / Ahn Young-joon © AP Photo / Francois Mori
    1 / 2
    Panorama
    Zum Kurzlink
    6418
    Abonnieren

    Sputnik setzt die virtuelle Reise zu den gefährlichsten Nuklearobjekten der Welt, den Kernkraftwerken Tschernobyl und Fukushima, fort. Diesmal geht es nach Japan.

    Die Havarie im AKW Fukushima passierte erst vor relativ kurzer Zeit – im Jahr 2011. Ihre Folgen sind noch nicht endgültig beseitigt worden, aber Touristen besuchen bereits die Sperrzone. Wer kommt eigentlich auf die Idee, ein Wochenende in radioaktiven Ruinen zu verbringen? Wer sind diese Enthusiasten, die Reiseführer für Touristen werden, die diese  Ruinen besuchen wollen? Ist der Begriff „Tourismus“ überhaupt angebracht, wenn es um den Besuch des Ortes einer Katastrophe geht? All diesen Fragen gingen die Japan-Korrespondenten von Sputnik nach.

    Zum ersten Mal trat der japanische Philosoph Hiroki Azuma gemeinsam mit einigen anderen Enthusiasten mit der Initiative zur Entwicklung des Tourismus in Fukushima auf. Das Projekt bekam den Namen „Plan zur Verwandlung von Fukushima-1 in eine touristische Sehenswürdigkeit“ (Fukuichi Kanko Project). Das Projekt wurde nur ein Jahr nach dem Unglück, im Herbst 2012, initiiert. Der Plan bestand darin, dass Menschen aus aller Welt Fukushima besuchen und mit eigenen Augen sehen können, wie die Entseuchung erfolgt. Es war geplant, dass die Besucher schon im Jahr 2036 keine Schutzanzüge mehr tragen müssen. Das Projekt wurde jedoch von den regionalen Behörden gestoppt, die vehement dagegen waren, dass in Bezug auf die Katastrophe das Wort „Tourismus“ gebraucht wird.

    Bei der Entwicklung dieses Projekts stützte sich Hiroki Azuma auf die Erfahrungen in Tschernobyl. Er besuchte mehrmals das ukrainische AKW, schrieb ein Buch zu diesem Thema (Chernobyl Dark Tourism Guide). Seine Firma Genron Co. organisiert Reisen für japanische Touristen nach Tschernobyl.

    Auch wenn Azumas Projekt von den Behörden abgelehnt wurde, gibt es in Fukushima trotzdem Touristen. Eine der Firmen, die Reisen zum AKW organisieren, ist die Non-Profit-Organisation Nomado. Ihr Aufsichtsratschef Hiroshi Miura sagte in einem Interview für Sputnik, er habe bereits im April 2012 zum ersten Mal Touristen durch seine Heimatstadt Minamisoma geführt. Seitdem steige die Zahl der Menschen, die den Ort der Katastrophe besuchen wollen.

    Eine Touristenführung in Fukushima-Sperrgebiet
    © Foto : Hiroshi Miura
    Eine Touristenführung in Fukushima-Sperrgebiet

    „Ich leitete die ersten Rundgänge hier schon ein Jahr nach der Fukushima-Katastrophe. Damals, am 15. April 2012, begleitete ich zum ersten Mal eine Gruppe von Menschen, die mich gebeten hatten, einen Rundgang in der Nähe von Minamisoma zu organisieren, wo ich lebte. Im Oktober 2012 gründete ich die Nichtkommerzielle Organisation Nomado und setzte diese Arbeit fort, indem ich die Route ‚20 Kilometer von Fukushima-1‘ entwickelte. Bis 2014 habe ich allein mehr als 5000 Menschen empfangen. Seit 2015 arbeiten auch andere Reiseführer mit mir zusammen. Bislang haben wir schon mehr als 10 000 Menschen bedient.“

    Eine Touristenführung in Fukushima-Sperrgebiet
    © Foto : Hiroshi Miura
    Eine Touristenführung in Fukushima-Sperrgebiet

    Ferner sprach Miura darüber, wie die Entseuchung verläuft und welche Gefahren in Fukushima künftig möglich wären:

    „Die Situation in Fukushima-1 wird in den Medien immer seltener erwähnt, es sei denn es geht um regionale Medien. Dabei wird ständig behauptet, es wäre hier ‚äußerst gefährlich‘, die Sicherheit Fukushimas wäre ‚ein unbegründeter Mythos‘ usw. Früher lebte ich zwölf Kilometer vom Kernkraftwerk entfernt und war Landwirt. Dort ist alles so geblieben, wie es unmittelbar nach dem Tsunami war – da wurden gar keine Arbeiten durchgeführt. Die Regierung behauptet, wenn aus dem Meiler geschmolzener Brennstoff geborgen würde, könnte es zu einer neuen Havarie kommen. Allerdings bringt die Regierung die Aufhebung des Befehls zur Aussiedlung der hiesigen Einwohner schnell voran. Sollte es aber künftig wieder zu einem Erdbeben oder einem Tsunami kommen, bestünde die Möglichkeit, dass während der Arbeiten am Meiler eine Explosion mit dem Ausstoß von radioaktiven Teilchen geschehen könnte.“

    Die Sputnik-Korrespondenten sprachen auch mit dem selbstständigen Reiseführer Yuta Hirai, der in Fukushima Gäste aus aller Welt empfängt, die ihn über die Webseite einer Reisefirma finden. Er erzählte, dass hierher viele Ausländer kämen, allerdings keine Russen:

    „Es kommen verschiedene Menschen: Wissenschaftler, Studenten. Auch Menschen kommen, die selbst oder deren Familien hier früher lebten, die eine Verbindung zwischen der Fukushima-Tragödie und ihrem eigenen Leben spüren. Es gibt auch viele Forscher und Journalisten, die Informationen sammeln. Wenn Gruppen kommen, dann sind das 20 bis 30 Personen pro Monat. Manchmal aber kommt niemand hierher. Es gibt viele Ausländer, aber Russen kamen bislang nicht – sie besuchten andere Orte in Fukushima. Ich habe auch gehört, dass Besucher aus der Ukraine und aus Weißrussland gekommen wären.“

    Hirai ist überzeugt, dass seine Rundgänge eine wichtige Rolle für den Wiederaufbau der Präfektur spielen können:

    „Ich denke, es ist sehr wichtig, dass die Einwohner der Präfektur verstehen, dass viele Menschen von außerhalb auf sie schauen. Sie haben deswegen gemischte Gefühle: ‚Ich will das vergessen, will aber nicht in Vergessenheit geraten‘. Wenn wir daraus eine Lehre ziehen und verstehen, dass sich so etwas nie wiederholen darf, dann wird das den Fukushima-Einwohnern helfen, an sich selbst zu glauben und auf sich stolz zu sein. In Japan gibt es die Tendenz, Meinungen von außerhalb mehr zuzuhören als Meinungen von innerhalb. Also wenn möglichst viele Menschen aus anderen Präfekturen oder anderen Ländern hierher kommen und selbst sehen, wie die Situation hier ist, dies spüren und anderen darüber erzählen, dann könnte sich die jetzige deprimierende Stuation in Fukushima wieder verbessern.“

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren

    Zum Thema:

    Fukushima – Vier Jahre nach der Katastrophe
    Tepco-Berater: Fukushima-Wasser gehört in den Pazifik
    Tokio 2020: Präfektur Fukushima bittet um Austragung von Olympia-Wettkämpfen – Medien
    Weltweit erster Reaktor der Post-Fukushima-Ära in Russland angefahren
    Tags:
    Tourismus, Hiroki Azuma, Fukushima, Tschernobyl, Japan