17:07 17 Februar 2020
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    Bei dem Terrorverdächtigen Jaber Al-Bakr ist bei der Erstuntersuchung in der JVA Leipzig keine akute Suizid-Gefahr festgestellt worden, wie auf der Pressekonferenz in Dresden mitgeteilt wurde. Die Zelle des Syrers wurde dann alle 15, später nur noch alle 30 Minuten kontrolliert. Lesen Sie hier weitere Details zum Selbstmord des Syrers.

    Laut der für diesen Fall hinzugezogenen Psychologin sei der Syrer ruhig und zurückhaltend gewesen. Von einer emotionalen Instabilität habe jede Spur gefehlt. Wie der Leipziger JVA-Leiter Rolf Jacob jedoch einräumte, hatte die Psychologin bislang keine Erfahrung mit Terroristen.

    Der Anstaltschef teilte zudem mit, es habe Verständigungsschwierigkeiten mit dem 22-jährigen Syrer gegeben, da dieser der deutschen Sprache nicht mächtig war. Ein Dolmetscher war erst Morgen des zweiten Tages, am Dienstag, in Leipzig vor Ort. Dann erst wurden dem Häftling Haftbefehl und Belehrungen übersetzt. Für Freitag sollte erneut ein Dolmetscher einberufen werden.

    Die letzte Kontrolle hatte Jacob zufolge am Mittwoch um 19:30 Uhr stattgefunden. Gegen 19:45 Uhr hatte eine junge Mitarbeiterin den Häftling erhängt aufgefunden. Sie habe umgehend die diensthabende Allgemeinärztin des Anstaltskrankenhauses zur Zelle gerufen und einen Notarzt sowie die Polizei alarmiert haben. Sofortige Reanimationsversuche blieben jedoch erfolglos. Gegen 20:15 Uhr habe man die Reanimationsversuche eingestellt.

    In al-Bakrus Zelle gab es keine Videoüberwachung. Eine Sitzwache vor der Zelle wurde nicht für notwendig gehalten. Da der Syrer als gefährlich für andere Personen eingeschätzt wurde, war er einzeln untergebracht worden.

    Jacob bestätigte außerdem, der Syrer habe eine Lampe von der Decke gerissen und den Wächtern zu verstehen gegeben, dass diese schlicht heruntergefallen sei. Der Strom wurde daraufhin in der Zelle abgeschaltet, die Reparatur war für den nächsten Tag in Auftrag gegeben worden. Am nächsten Tag haben die Mitarbeiter Jacob zufolge auch eine manipulierte Steckdose aufgefunden. Da es in dem Haftraum jedoch sowieso keinen Strom gab, habe man den Vorfall nicht weiter beachtet, hieß es.

    Al-Bakrs Pflichtverteidiger, Alexander Hübner, sprach zuvor von einem Justizskandal. Er war davon ausgegangen, dass sein Mandant ständig beobachtet werde.

    Die Kontrollfristen lagen bei 15 Minuten, dem Höchstmaß, so Jacob. Während der Stromsperre habe man Al-Bakr mit Taschenlampen kontrolliert. Auf Vorschlag der Mitarbeiter und Bestätigung des stellvertretenden Anstaltsleiters sowie des Abteilungsleiters wurden diese auf alle 30 Minuten verlängert. Auch der Aufsichtsabteilung sei dies mitgeteilt worden. Jacob zufolge ist es durchaus möglich, sich in dieser Zeit zu erhängen, wenn man die feste Absicht dazu hätte.

    Al-Bakr, der sich mit seinem T-Shirt stranguliert haben soll, habe in der Zelle nur seine Anstaltskleidung bei sich gehabt, darunter eben jenes T-Shirt, Unterwäsche und eine Jogginghose. Jacob, der bis zum Mittwoch übrigens noch im Urlaub war, bestätigte, es habe bereits zuvor Suizidversuche mit Anstaltskleidung in der Leipziger JVA gegeben. Eine hundertprozentige reißfeste Kleidung gebe es einfach nicht.

    Der 22-jährige Syrer war zudem kurz nach seiner Festnahme in Hungerstreik getreten. Man habe ihm dennoch immer Essen und Trinken angeboten. Zuletzt habe er einen Becher Wasser angenommen, ob er dieses jedoch trank, wisse man nicht.

    „Kommunikation ist das Wesentliche zur Reduzierung von Suizid-Fällen“, so der Chef der Leipziger JVA. Man wolle aus der Situation lernen. Jacob gab zu, im Nachhinein müsse man sich fragen, ob man nicht ein wenig „zu gutgläubig“ gewesen sei. Generell sei aber „alles so gelaufen, wie es die Vorschriften“ erfordern.

    A-Bakr war am Montag in Leipzig festgenommen worden. Der mutmaßliche Bombenbauer soll laut Verfassungsschutz einen Sprengstoffanschlag auf einen Berliner Flughafen vorbereitet haben. Nach mehrtägiger Flucht konnte er in der Wohnung von syrischen Landsleuten in Leipzig aufgegriffen werden, die ihn in Fahndungsaufrufen erkannt, gefesselt und die Polizei verständigt hatten.

    „Es wäre ein sehr schöner Ermittlungsansatz gewesen, wenn Albakr — ich sag es mal unschön — im Ermittlungsverfahren ausgepackt hätte“, sagte später Generalstaatsanwalt Fleischmann. Die Behörden in Dresden ermittelten jedoch nur zum Suizid. Mit den Terrorhintergründen sei die Generalbundesanwaltschaft betraut.

    Der sächsische Justizminister Sebastian Gemkow sagte, er übernehme die politische Verantwortung für das Geschehen. Grund für einen Rücktritt seinerseits sehe er jedoch nicht.

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    Tags:
    Terroralarm, Suizid, Sebastian Gemkow, Deutschland