14:34 15 November 2019
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    Ein afrikanischer Flüchtling vor der italienischen Küste

    Perfide Praktiken der Schleuser: Lebensgefahr durch Benzin-Trunk

    © AFP 2019 / ANDREAS SOLARO
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    Mediziner schlagen Alarm: Rätselhafte Lungenentzündungen bei Flüchtlingen aus Afrika stellen sich als Vergiftungen durch das Trinken von Benzin heraus. Ein betroffener 16jähriger aus Mali gibt an, die Schleuser hätten ihm das Benzin „verabreicht“, um ihn zu beruhigen. Inzwischen sind auch weitere ähnliche Fälle bekannt geworden.

    Ein Flüchtling beim Beten
    © REUTERS / Darrin Zammit Lupi
    Am 11. November 2016 erschien in der renommierten medizinischen Fachzeitschrift „Lancet“ erstmalig ein Bericht, der auf die Problematik aufmerksam machte. Anhand von drei dokumentierten Fällen zeigen die Mediziner aus München und New York, wie ein Benzingemisch, das den Flüchtlingen auf der Überfahrt über das Mittelmeer zur Beruhigung verabreicht wurde, schwere Lungenentzündungen auslöste.

    Bei den Betroffenen handelte es sich um einen 16jährigen Jugendlichen aus Mali, einen 18jährigen aus Äthiopien und einen 21jährigen aus Eritrea, die unabhängig voneinander per Boot nach Europa gekommen waren. Aufgefallen sei das neue Krankheitsbild durch Gespräche mit Kollegen auf Fachmessen, so  Dr. Christoph Spinner  vom Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München.

    „Wir haben dieses Phänomen bei drei Patienten beobachtet, gehen aber ganz sicher davon aus, dass davon einfach zu wenig berichtet wird. Uns ist das bei Fachdiskussionen mit den Kollegen aus dem Städtischen Klinikum München und dem Jamaica Hospital New York aufgefallen, als wir von Flüchtlingen berichteten, die wenige Wochen nach der Überfahrt plötzlich schwerste Lungenentzündungen hatten und in allen diesen Fällen es nicht gelungen war, einen üblichen Erreger der Lungenentzündung nachzuweisen.“

    Migranten auf der griechischen Insel Lesbos
    © AP Photo / Sergey Ponomarev/The New York Times/Columbia University
    Alle drei dokumentierten Fälle ähnelten sich. In einem Fall sei der Patient aufgrund der Schwere der Lungenschädigung verstorben, die beiden anderen hätten aber überlebt, so Dr. Spinner. Einen der Überlebenden, den 16jährigen aus Mali, konnten die Ärzte mit Hilfe eines Übersetzers detailliert befragen und er sei es gewesen, der von dem ihm verabreichten Benzin-Trunk erzählt habe.

    „Benzin hat ein gewisses Suchtpotential und wird zumindest in ressourcenärmeren Ländern geschnüffelt. Weshalb es getrunken wird, ist nicht abschließend klar. In unserem Fall scheint es so zu sein, dass die Schleuser den Menschen Benzin verabreicht haben, um sie während der Überfahrt ruhig zu stellen.“, erklärt der Mediziner von der TUM.

    „Benzin gehört zu den aromatischen Kohlenwasserstoffen, das gibt es in unterschiedlichen Zusammensetzungen. An sich ist es ein Giftstoff für den Körper.  Die aromatischen Kohlenwasserstoffe verursachen nach dem Konsum Übelkeit und Magen-Darm-Beschwerden und können nicht selten zu schweren Organschäden oder eben einer schweren Lungenentzündung führen.“

    Hierbei sei nicht klar, wie hoch die Dosis sein muss, um eine lebensbedrohliche oder gar tödliche Wirkung zu entfalten. Man könne aber sagen, dass bereits wenige Schlucke ausreichen, um eine schwere Lungenentzündung auszulösen.
    Bei den bisher untersuchten Fällen sei die Krankheit 12 bis 16 Wochen nach Einreise ausgebrochen und die Symptome seien in allen Fällen ähnlich denen einer schweren Lungenentzündung gewesen: Luftnot, Fieber und eine deutlich beschleunigte Atemfrequenz.

    Theoretisch bestünde die Chance, dass eine solche Erkrankung folgenlos abklingt, so Dr. Spinner. Es gelte aber, die Ärzte für die Problematik zu sensibilisieren.

     „Das Problem ist, man kann als Mediziner fast nicht zwischen einer normalen Lungenentzündung und so einer Benzin-Lungenentzündung unterscheiden. Im Kontext mit dem Migrationshintergrund und dem Ausbruch der Krankheit 12-16 Wochen nach Einreise über das Mittelmeer muss es auf jeden Fall als differentialdiagnostische Erwägung in Betracht gezogen werden – und das hoffen wir mit unserem Artikel zu erreichen“, betont der Arzt.

    Ilona Pfeffer

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    Tags:
    Flüchtling, Benzin, Schleuser, Mali, Afrika