09:14 19 Oktober 2017
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    Till Lindemann in Moskau, 18. November 2016

    Zu „Arschloch Liebe“ und Traumstadt Moskau – Rammstein-Frontmann im Sputnik-Interview

    © Foto: Verlag Exmo
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    Der deutsche Rock-Sänger und Rammstein-Frontmann Till Lindemann ist zu Gast in der russischen Hauptstadt, um seinen neuen Gedichtband vorzustellen. Im Sputnik-Interview spricht er darüber, warum es für ihn wichtig war, das Buch auch auf Russisch zu veröffentlichen, über die russische Seele und russische Frauen.

    Aus Lindemanns Sicht gibt es grundsätzlich gar nicht so große Unterschiede zwischen Deutsch und Russisch: „Arbeiten – ‚rabota‘– das ist alles irgendwie similär. Also ich glaube, in der Musik wird von den Russen das Deutsche mehr angenommen als Englisch, weil es ihrer Sprache eigentlich zu fremd ist. Deshalb glaube ich, sie mögen einfach die Expressionen der Aussprache mehr als das Englische.“

    Dies sei seiner Meinung nach auch das Erfolgsgeheimnis der Band Rammstein in Russland: „Ich kann´s mir nicht anders erklären. Das ist trotzdem Wahnsinn. Ich wundere mich ja jedes Mal selber.“

    Gedichte vom Rocker für Russland

    Trotzdem war es ihm wichtig, seinen zweiten Gedichtband auch in russischer Sprache zu veröffentlichen.

    „Ich habe da ganz gedrängelt, dass das irgendwie passiert. Die erste Übersetzung war Holländisch. Dann ging es weiter mit Polnisch, jetzt Schwedisch. Dann kam die englische Übersetzung. Und ich habe immer d‘rauf gewartet: Finden wir einen Verlag, der sich dafür interessiert…“

    Es sei zunächst nicht einfach gewesen, aber „auf einmal ging das alles sehr schnell“.

    „Und ich wusste einfach, in Russland gibt es Leute, die einfach Gedichte mögen und auch Gedichte lesen, auch frei rezitieren. Und es gibt keine Rezitationsangst. Als Kind weiß man, man musste an die Tafel und dann musste man ein Gedicht aufsagen. Das war das Schlimmste, was je passierte.“

    In Russland, so scheint es Lindemann, sei dies aber ganz anders.

    „Auch gerade bei russischen Mädchen oder Frauen – die erzählen sofort los und können rezitieren. Das ist ein riesiger Unterschied zu Deutschland. Ich habe mich so gefreut, weil es eben hier extrem angenommen wird, gerade Lyrik. Also für Gedichte interessiert sich in Deutschland relativ keiner.“

    Erfolg in Russlands Damenwelt

    Viele Rammstein-Fans in Russland sind Frauen. Ob das vielleicht ein extra Anreiz ist, öfter nach Moskau zu kommen? Lindemann lacht: „Das muss ich jetzt nicht beantworten, sonst krieg ich Ärger zu Hause.“

    „Ich finde, egal wie die Frauen aussehen, russische Frauen machen sehr viel aus sich. Sie sind immer gepflegt und gucken sehr viel auf ihre Mode, ihr komplettes Äußeres, die Frisuren. Und ich mag z.B. auch Pelze. Das ist hier wirklich Teil der Modekultur, auch dass hier Pelz getragen wird. Pelze sind einfach sexy. Also Frauen in Pelzen – doppelt.“

    Rammstein-Fans in Moskau, 18. November 2016
    Rammstein-Fans in Moskau, 18. November 2016

    Angetrieben vom Zeitlosen

    Über seinen Gedichtband „In stillen Nächten“ hatte Lindemann früher einmal gesagt: „Die allermeisten meiner Gedichte hätten auch ein paar Hundert Jahre früher geschrieben werden können.“ Denn Kern des Buches sind zeitlose menschliche Empfindungen:

    „Was ich damit gemeint habe: Das sind einfach menschliche Triebe und Umtriebe, die es eben schon vor tausend Jahren gab. Und deshalb würde man sich wahrscheinlich da genauso wieder finden, wie heute. Weil es, wie gesagt, um ganz natürliche Bedürfnisse geht, die uns belasten, die auch Spaß machen.“

    Aber weniger die positiven Erfahrungen prägen Lindemanns Lyrik:

    „Großes Thema ist immer Beziehung, Liebe, dann aus der kaputten Beziehung entstehender Hass, kaputte Liebe, zerbrochene Liebe und eigentlich die Folgeerscheinung ist meistens dann Leid. Vorher ist es Leid, danach ist es Leid. Und das Bisschen Glück mittendrin spielt eigentlich keine Rolle, weil das überbewertet wird. Also im Großen und Ganzen ist es ein leidiges Thema. Wir haben ein Sprichwort im Deutschen: Liebe ist ein Arschloch“, fügte der Rammstein-Frontmann hinzu.

    Till Lindemann. In stillen Nächten
    Till Lindemann. "In stillen Nächten"

    Eigenes, Fremdes und Krasses

    Im Vergleich zum Konzept der Rammstein-Konzerte zeigten die Gedichte eher etwas Persönliches von dem als harter Rocker bekannten Lindemann.

    „Man kann jetzt versuchen, sich in eine Rolle hineinzudenken und das seiner Phantasie zu erlassen, aber viel Persönliches oder auch Eigencharakter schwallt natürlich immer in so ein Gedicht rein. Auch Erfahrungen, Wünsche, Träume und Albträume. Das sind alles Sachen, die da einfließen.“

    Gleichzeitig könne er sich aber auch „relativ einfach in jemand anderes hineinversetzen und dann aus dessen Perspektive schreiben“.

    „Ich habe mich eine Weile mit diesem Mann beschäftigt, der dieses Mädchen in Österreich im Keller gehalten hat – Kampusch. Das ist unfassbar. Was geht in einem vor? Ohne ein Psychogramm von ihm erstellen zu wollen… Aber was geht in so einem Menschen vor?“

    Till Lindemann mit Rammstein-Fans in Moskau, 18. November 2016
    Till Lindemann mit Rammstein-Fans in Moskau, 18. November 2016

    Nahe Zukunft schon fertig

    Inzwischen sei eigentlich schon das nächste Buch fertig, welches jedoch noch nicht gedruckt werden dürfe.

    „Ich habe eigentlich das nächste Buch schon fertig. Ich muss das jetzt liegen lassen, weil ich eigentlich zu schnell für die Verlage produziere. Ich arbeite sehr effektiv, weil eigentlich sehr viel von den Liedtexten übrigbleibt“, so Lindemann.

    Gleichzeitig sei auch ein neues Album von Rammstein in der Vorbereitung.

    „Wir sind gerade im Studio und machen ein neues Album, aber müssen das im Frühjahr unterbrechen, weil wir nochmal eine Festivaltournee machen – 15 bis 17 Auftritte in Europa, Kanada und den USA.“

    Und Moskau?

    Der Rockmusiker genieße seine Zeit hier, sagt er.

    „Ich werde hier sehr verwöhnt. Es ist fantastisch. Und vor allen Dingen ist es so extrem anders vom Rest der Welt. Wir haben extra ein Lied über Moskau gemacht, weil ich finde, es ist die abgefahrenste Stadt auf der Welt. Ich habe schon Einiges gesehen, aber das ist nach wie vor meine Traumstadt.“

    Rammstein-Fans in Moskau, 18. November 2016
    Rammstein-Fans in Moskau, 18. November 2016

    Träumt er etwa von einem Umzug nach Moskau? Der Musiker lacht: „Ich habe das schon überlegt.“

    Den russischen Kulturbegriff der „russischen Seele“ kann er immerhin schon ganz genau beschreiben:

    „Die Seele ist eigentlich für mich immer eine große Traurigkeit. Die Russen sind also immer von so einer extrem großen Traurigkeit beseelt. Aber sie sind genauso kunst- und kulturbeflossen, kennen alle ihre alten Dichter und Denker und beschäftigen sich mit Theater und mit dieser ganzen Geschichte. Das ist, mal abgesehen vielleicht von den Franzosen, sehr selten in Europa geworden. Das gibt es kaum noch.“

    Zurück zur Lyrik

    „Und fast jeder, den man auf der Straße trifft – die können Gedichte rezitieren. Oder sie kennen ihre klassischen Poeten von früher. Oder viele können ein Instrument spielen. In allen Zirkusgeschichten auf der Welt sind die besten Artisten die Russen. Was auch immer, sie sind mit allem ganz weit vorne. Sie sind auch leidensfähig, die Russen“, fügte er hinzu. Und unbeugsam seien sie auch, und „nicht zu brechen.“

    „Sie sind einfach toughe Burschen, harte Jungs. Das meine ich von ganz ehrlichem Herzen. Das alles zusammen genommen ist dann vielleicht die russische Seele – mit ihrer Weichheit, aber auch mit dieser extremen Härte und Unbeugsamkeit“, so der Musiker abschließend.

    Till Lindemann in Moskau, 18. November 2016
    Till Lindemann in Moskau, 18. November 2016

    Am Donnerstag stellte  Till Lindemann „In stillen Nächten“ im Moskauer Buchladen „Tschitaj-Gorod“ vor. Rund 4.000 Menschen haben sich versammelt, um ein Autogramm des Rammstein-Frontmanns zu erhalten, wie der Verlag Exmo mitteilte.

    Fotos: © Verlag Exmo

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    Tags:
    Gedichte, Musik, Rammstein, Till Lindemann, Deutschland, Moskau, Russland
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