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08:29 18 Oktober 2019
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    Ausschreitungen am Kölner Hauptbahnhof an Silvester

    „Nicht für möglich gehalten“: Buch entlarvt Polizei-Versagen bei Silvester in Köln

    © AFP 2019 / Markus Boehm / dpa
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    Im Vorfeld der nahenden Silvesternacht ist am Montag in Köln das neue Sicherheitskonzept vorgestellt worden: Zehnmal so viele Polizisten wie vor einem Jahr sollen für Ordnung sorgen und verhindern, dass es wieder zu massiven Übergriffen kommt. Aber wie weit sind die dramatischen Ereignisse am Kölner Hauptbahnhof überhaupt aufgearbeitet?

    Die Journalisten Christian Wiermer und Gerhard Voogt haben in ihrem Buch „Die Nacht, die Deutschland veränderte“ den Versuch unternommen, ein umfassendes Bild des Geschehens zu geben. Anhand von persönlichen Gesprächen mit Opfern, Tätern, Einsatzkräften von Polizei und Rettungsdiensten, Zehntausenden Unterlagen und den aufgezeichneten Notrufen, die in der Silvesternacht bei der Polizei eingegangen waren, rekonstruieren die Autoren die Geschehnisse auf dem Bahnhofsvorplatz.

    In ihrem Buch protokollieren Wiermer und Voogt schonungslos, welche Übergriffe die Opfer erdulden mussten:

    „Die Gruppe um Sandra wird geschubst, getrennt. Sandra nimmt über das Hörgerät das Johlen und Feixen inmitten der Silvesterböller war. Die Mädchen werden am ganzen Körper befummelt, ihre Strumpfhosen zerrissen. Sie schreien, flehen um Hilfe. An Sandras Tasche, die sie auf der rechten Schulter trägt und die Tage später – entleert um Smartphone und Geld, aber glücklicherweise noch mit Personalausweis – ein Obdachloser in einer Mülltonne unweit des Doms finden wird, wird mit Gewalt gezerrt. Die Träger reißen.

    Das Polizeiprotokoll der Ermittlungsgruppe "Neujahr" vermerkt: "Bei allen versucht, Finger in Scheide einzuführen, misslang wegen Strumpfhose. Alle wurden an der Brust und ans Gesäß gefasst. Einer Geschädigten wurden Finger eingeführt." Sandra kann sich losreißen, sucht nach ihren Freundinnen, rennt zum nächsten Polizeifahrzeug. "Die haben geweint, die waren aufgelöst ", erinnert sich Oliver P., Führer des zweiten Einsatzzugs, vor dem Untersuchungsausschuss an diesen Moment.“

    Anhand von Notrufprotokollen legen die Autoren ebenfalls offen, wie Anrufer von den Polizisten nicht ernst genommen oder sogar abgewimmelt wurden.

    21:52 Uhr (Notruf 110)

    Anrufer: "Hallo, ich wollte nur kurz Bescheid sagen, am Bahnhof ist es grad hier voll am Austicken. Die schmeißen ihre Raketen auf die Leute drauf. Alle von oben nach unten. Hier ist Ausnahmezustand."

    Polizistin: "Ja, ist da keine Polizei?"

    Anrufer: "Gar nichts, hier ist gar nichts vor Ort! Nichts!"

    Polizistin: "Uhum."

    Anrufer: "Hier ist Ausnahmezustand. Die schießen hier Raketen. Ich weiß nicht, was hier alles rumkommt. Alles."

    Polizistin: "Ja, okay. Ja."

    Anrufer: "Einzig der RTW (Rettungswagen, Anm.) ist hier, sonst ist hier gar nichts."

    Polizistin: "Ja, alles klar."

    Anrufer: "Ausnahmezustand!"

    Polizistin: "Ja, okay."

    Anrufer: "Ja, danke."

    Polizistin: "Tschüss."

    Anrufer: "Reizender Service hier."

    Den Verfassern des Buches sei es vor Allem darum gegangen, Aufklärung zu betreiben, so Christian Wiermer im Gespräch mit Sputnik-Korrespondentin Ilona Pfeffer. 

    „Die beste Maßnahme, um Verschwörungstheorien und postfaktischem politischen Handeln entgegen zu treten, ist Aufklärung. Bevor zur Tagesordnung oder zum nächsten Silvestereinsatz übergegangen wird, muss man erst einmal wissen, was überhaupt gewesen ist. Mit unserem Buch versuchen wir zu erklären, was den Frauen, aber auch den Einsatzkräften in der Nacht widerfahren ist.“

    Besonders erstaunt habe ihn bei seiner Recherche, welchem Chaos die Polizei gerade im Bereich der Kommunikation in der Silvesternacht erlegen sei, so Wiermer weiter.

    „Es macht fassungslos, dass einfachste Dinge nicht funktioniert haben. Dass Kommunikation über Mobilfunk oder den Funkverkehr nicht möglich war, dass Informationen, die von Opfern an die Polizei weitergegeben wurde, nicht an die zuständigen Einsatzkräfte weitergeleitet worden sind. Das habe ich in dieser Form nicht für möglich gehalten.“ 

    Auch Hinweise auf Vertuschungsversuche, die im Nachklang der Silvesternacht unternommen worden sein sollen, sind in dem Buch nachzulesen:

    1.Januar, gegen 13:30 Uhr in Köln-Kalk:

    Im KK 62, der Kriminalwache im Polizeipräsidium, klingelt kurz vor dem Schichtwechsel das Telefon von Dienstgruppenleiter Jürgen H. Es meldet sich, so erinnert sich der erfahrene Beamte, ein Mitarbeiter der Landesleitstelle in einem "sehr schroffen, in seinem sehr barschen Ton". "Das sind doch keine Vergewaltigungen. Diesen Begriff streicht ihr. Ihr storniert die WE-Meldung und schreibt die am besten ganz neu", sagt der Anrufer laut H. Dies sei ein "Wunsch aus dem Ministerium ". Kriminalhauptkommissar H. weigert sich, bleibt dabei, dass es Vergewaltigungen sind. Das Telefonat endet, die Meldung wird nicht verändert.

    Dass derartige Einblicke für die Beteiligten nicht unbedingt angenehm sind, liegt auf der Hand. Bei solchen Recherchen stoße der investigative Journalismus immer wieder auf Schwierigkeiten, weil er an Dinge herangehe, die nicht automatisch an die Oberfläche dringen würden, sagt Wiermer. Dennoch habe er mit seinem Co-Autor durchaus auch Stellen aufbrechen können, die sonst vielleicht nicht so offen diskutiert würden, beispielsweise was das politische und polizeiliche Versagen in der Silvesternacht angehe.

    Die Nacht, die Deutschland veränderte. Buchcover.
    © Foto : Riva-Verlag
    "Die Nacht, die Deutschland veränderte". Buchcover.

    Erste Konsequenzen aus den bald ein Jahr zurückliegenden Geschehnissen sind bereits gezogen worden. 

    „Im Anschluss an die Silvesternacht hat es in Deutschland mehrere Gesetzesänderungen gegeben, im Bereich des Aufenthalts- und Asylrechts, aber auch im Sexualstrafrecht. Es ist ganz selten, dass es solch umfangreiche Reformen nach einem Ereignis gibt.“

    Am Montag wurde das Sicherheitskonzept für die kommende Silvesterfeier vorgestellt, wo die Polizei in diesem Jahr mit zehnmal so vielen Einsatzkräften in Köln präsent sein wird. Christian Wiemers findet, man dürfe sich mit dieser Maßnahme nicht zufrieden geben.

    „Die Frage ist, ob die Verzehnfachung von Einsatzkräften die richtige Lehre ist. Es ist bekannt, dass in Nordrhein-Westphalen das Innenministerium die formelle Aufarbeitung der letzten Silvesternacht polizeiintern gestoppt hat. Ich halte das für nicht hinnehmbar. Ich würde mir noch mehr kritische Auseinandersetzung wünschen, auch, was den Umgang mit Opfern von Sexualdelikten anbetrifft, die sich hilfesuchend an die Polizei gewandt hatten. Es ist definitiv mehr Aufklärung nötig, das kann nicht nur auf einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss abgewälzt werden.

    Das Buch „Die Nacht, die Deutschland verändert hat“  von Christian Wiermer und Gerhard Voogt ist am 12. Dezember im Riva-Verlag erschienen. 

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    Tags:
    Sexuelle Belästigung, Silvesternacht, Polizei, Köln, Deutschland