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18:20 20 Juli 2019
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    Tunesier Anis Amri

    „Brandgefährlicher Gefährder“ von Berlin: Was Amri noch alles auf dem Kerbholz hatte

    © AP Photo / German police
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    Lkw-Anschlag auf Berliner Weihnachtsmarkt (111)
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    Seit Mittwochabend ist der im Zusammenhang mit dem Lkw-Anschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt von Montagabend hochgradig tatverdächtige Tunesier Anis Amri europaweit zur Fahndung ausgeschrieben, wie deutsche Medien berichten. Derweil kommen immer neue Details seiner – offenbar bereits terroristisch ausgerichteten - Vergangenheit ans Licht.

    Der Tunesier Anis Amri, nach unterschiedlichen Angaben zwischen 21 und 24 Jahren alt, ist 2012 zunächst nach Italien, dann 2015 nach Deutschland eingereist. Im April 2016 soll er Asyl beantragt haben. Obwohl er sich zumeist in Berlin aufhielt, wurde sein Fall im nordrhein-westfälischen Kleve bearbeitet. Die am Dienstag im Fahrerhaus des Lkw aufgefundenen Duldungspapiere bestätigen das. Eigentlich sollte er seit mindestens einem halben Jahr abgeschoben worden sein.

    Polizeibekannt – sogar außerhalb Deutschlands

    Wie „Focus Online“ berichtet, soll Amri nach italienischen Presseberichten 2011 minderjährig auf der sizilianischen Insel Lampedusa als Bootflüchtling angekommen sein. Dort habe er zu gemeinsam mit anderen Bewohnern aus Protest über die Unterbringung am 19. September 2011 Feuer gelegt, woraufhin er verhaftet und zu vierjähriger Haftstrafe verurteilt wurde. Danach sei Amri zuerst nach Catania, dann nach Palermo gebracht worden, um eine vierjährige Haftstrafe wegen Brandstiftung abzusitzen.

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    Nach seiner Freilassung mit Abschiebungsurteil, welches Tunesien nach ARD-Angaben damals schon ablehnte, kam er dann 2015 offenbar nach Deutschland.

    Aber bereits zuvor, noch in seinem Heimatland Tunesien, soll er 2010 einen Lastwagen gestohlen haben, berichtet die „Welt“ unter Berufung auf tunesische Behörden, die ebenfalls zu Amri sowie dessen Familie ermittle. Er wurde zu einer Geldstrafe verurteilt, aber Amri konnte fliehen und sich nach Italien durchschlagen.

    Auffällig in Deutschland

    Im Juli 2015 soll Amri dann über Freiburg nach Deutschland eingereist sein. Laut NRW-Innenminister Ralf Jäger sei er „dann nach Baden-Württemberg auch in Berlin und in Nordrhein-Westfalen" gewesen. „Seit Februar 2016 hatte er seinen Lebensmittelpunkt überwiegend in Berlin, zuletzt war er nur kurz in NRW", so der Minister weiter. Laut „RP Online“ soll er sich in Kleve auch als Ägypter ausgegeben haben.

    Im Juni 2016 ist Amri in Deutschland als Asylbewerber abgelehnt worden und sollte abgeschoben werden. Am 30. Juli wurde er bei einer Routinekontrolle in Friedrichshafen in einem Fernbus aufgegriffen. Dabei soll er italienische Ausweispapiere bei sich getragen haben. Amri sei auch wegen Körperverletzung polizeibekannt, konnte aber nicht angeklagt werden, weil er untertauchte.

    Terrorismusverdacht

    Den Ermittlern auf hoher Ebene, so erfuhr die dpa aus Sicherheitskreisen, sei Amri spätestens seit November bekannt, als er Gegenstand einer Sitzung des gemeinsamen Terrorabwehrzentrums (GTAZ) von Bund und Ländern wurde. In einem Eintrag zur verdeckten Fahndung vom 5. Februar hieß es „Spiegel Online“ zufolge, es gebe einen „mutmaßlichen Bezug zum IS“ gebe, eine „intensive Kontrolle der Person" sei empfohlen worden.

    Amri gilt als brandgefährlicher Gefährder. Er könnte Mitglied eines großes Islamisten-Netzwerks sein: Er soll Kontakte zum Umfeld des Salafisten-Predigers Abu Walaa unterhalten. Letztere wurde vor kurzem verhaftet und galt als „Nummer 1 des IS in Deutschland“. Laut der „Süddeutschen Zeitung“ soll der mutmaßliche Attentäter auch bei einem Komplizen Abu Wallaas, einem Boban S., in Dortmund gewohnt haben, der ebenfalls bereits festgenommen worden war. S. soll sich zur Terrormiliz Daesh (auch Islamischer Staat, IS) bekannt und versucht haben, neue Anhänger für den bewaffneten Dschihad zu organisieren.

    VIDEO 18+: Schreck-Sekunden nach der Lkw-Todesfahrt auf Berliner Weihnachtsmarkt

    Ein Antiterrorfahnder erklärte laut "Bild"-Zeitung: „Anis Amir suchte nach unserer Kenntnis bereits im Frühjahr 2016 Mittäter für einen Anschlag, interessierte sich auch für Waffen.“

    Die „New York Times“ berichtete gar unter Berufung auf US-amerikanische Sicherheitskreise, Amri habe online zum Bau von Bomben recherchiert und per Messenger-Dienst Telegram in Kontakt zum IS gestanden. Amri auch auf der Flugverbotsliste der USA vermerkt gewesen sein.

    Die Polizei soll auch bereits die Telekommunikation Amris überwacht haben, schreibt die „Süddeutsche Zeitung“.

    Gescheiterte Abschiebung

    Nach einem Beschluss des Amtsgerichts Ravensburg wurde Amri in Abschiebehaft in die örtliche Justizvollzugsanstalt gebracht. Zwei Tage später wurde der Mann dort aber entlassen, die Abschiebung nicht durchgeführt.

    Warum? Weil es keine Passersatzdokumente gegeben habe, schreibt „Spiegel Online“. Das entsprechende Verfahren mit den tunesischen Behörden sei dann Ende August eingeleitet worden. NRW-Innenminister Jäger erklärte dann am Mittwoch auf einer Pressekonferenz: „Die tunesischen Behörden haben diese heute überstellt. Ich will diesen Umstand nicht weiter kommentieren." Zuvor habe Tunis gar nicht einräumen wollen, dass es der Mann überhaupt Tunesier sei.

    Amri soll mit unter bis zu zehn verschiedenen Identitäten in Europa unterwegs gewesen sein.

    Infografik: Terroranschlag in Berlin >>>

    Terroranschlag in Berlin
    © Sputnik /
    Terroranschlag in Berlin

    Bei der Todesfahrt eines Lastwagens auf dem Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz, direkt an der berühmten Gedächtniskirche und unweit des Kurfürstendamms, wurden am Montagabend zwölf Menschen getötet. 48 weitere Menschen wurden verletzt, einige von ihnen schwer, wie die Polizei mitteilte. 24 Personen konnten das Krankenhaus mittlerweile verlassen. Mittlerweile bekannte sich der IS (Islamischer Staat, auch Daesh) zu der Tat. Der Täter gilt als bewaffnet und ist noch immer flüchtig.

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    Terroranschlag, Asyl, GTAZ, Terrormiliz Daesh, Ralf Jäger, Berlin, Deutschland