04:36 01 Dezember 2020
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    Mit dem Tod des Attentäters von Berlin, Anis Amri, bei einem Schusswechsel am Freitagmorgen in Mailand ist das Problem der islamistischen Terrorgefahr längst nicht erledigt, sagt der Islamwissenschaftler und Politologe Dr. Ralph Ghadban. Hinter Amri stehe ein ganzes Netzwerk. Ein Umdenken sei erforderlich.

    Herr Ghadban, der  24jährige Tunesier Anis Amri, der der Salafistenszene nahegestanden haben soll, wird von seinen Verwandten als völlig unreligiösen jungen Mann beschrieben, der gern gefeiert und getrunken habe. Können Sie sich vorstellen, wie der Jugendliche sich in Europa radikalisiert haben könnte?

    Es ist derselbe Fall, wie mit den meisten Terroristen hier. Es ist nicht so, dass sie schon mit einer dschiihadistischen Einstellung nach Europa kommen, die meisten werden hier in den Moscheen und islamischen Zentren radikalisiert. Solange diese Zentren ohne Kontrolle schalten und walten können, wie sie wollen, solange sie im Namen der Religionsfreiheit giftige religiöse Inhalte verbreiten, werden wir dieses Problem haben.

    Welche Mechanismen greifen dabei und welche Anreize bieten die Moscheen, um die jungen Menschen von dieser Mission zu überzeugen?

    Sie verbreiten eine islamistische Vorstellung der Religion, die auf das 7. Jahrhundert zurückgeht, als Begriffe wie Dschiihad ganz aktuell waren. Im Laufe der Geschichte wurde das reguliert: Einen Dschiihad darf ein Staat oder ein Machthaber erklären, aber nicht jeder Einzelne. In der Moderne glaubt jeder Muslim, seinen Dschihad gegen die Ungläubigen betreiben zu können. Man geht davon aus, dass mindestens ein Drittel der Moscheen und islamischen Zentren diese Einstellung vertritt.

    Warum fällt ihre Botschaft auf so fruchtbaren Boden? Hat Deutschland im Umgang mit dem Islam Fehler gemacht?

    Dass Deutschland früher eine falsche Einwanderungspolitik betrieben hat, ist bekannt, aber das hat sich Ende der 90er Jahre geändert. Deutschland hat sich geöffnet und der beste Beweis ist die Willkommenskultur, die wir im letzten Jahr hier erlebt haben. Vor 30 Jahren wäre das unvorstellbar gewesen. Diese Liberalität der deutschen Gesellschaft erlaubte aber den Islamisten, sich zu etablieren. Im Namen von Religionsfreiheit und Multikulti wurden sie toleriert und akzeptiert. Es ging so weit, dass die Regierung eine Islamkonferenz eingerichtet hat, wo sie direkt mit Islamisten verhandelt. Neben traditionellen muslimischen Verbänden wie Ditib sind da auch islamistisch orientierte Verbände wie der Zentralrat der Muslime, der der Muslimbrüderschaft nahe steht. Das heißt, die alte gescheiterte Integrationspolitik wurde durch eine noch falschere liberale Politik ersetzt und hat die Entwicklung dieses Netzwerkes von islamischen Zentren begünstigt.

    In letzter Zeit spricht man in Deutschland immer wieder von Straftätern aus Nordafrika. Warum sind es junge Männer gerade aus dieser Region, die in Deutschland auffällig werden?

    Die Islamisten sind in dieser Region vorhanden, in Tunesien sogar an der Macht beteiligt.  Sie sagen zwar, dass sie gegen den Terror sind, am Anfang standen sie aber hinter der Hinrichtung und Tötung der liberalen Persönlichkeiten in Tunesien. Das Feld der Islamisten ist sehr breit und auch offiziell vorhanden. Man vergisst, dass die meisten Ausländer, die für ISIS in Syrien und im Irak kämpfen, aus Tunesien kommen. Es ist also nicht verwunderlich, dass Menschen mit diesem Hintergrund  sich leichter radikalisieren als andere.

    Anis Amri soll nach seiner Tat an einer Moschee in Moabit gesichtet worden sein. Diese wird der Salafistenszene zugeordnet. Können Sie es sich vorstellen, dass eine Moschee nach einem Attentat den Täter beherbergt und ihm bei der Flucht hilft?

    Das kann ich mir sehr gut vorstellen, was spricht denn dagegen? Für die anderen sind die Dschihadisten Freiheitskämpfer, Kämpfer für die Sache Gottes, also positiv besetzt. 

    Wenn Amri also wahrscheinlich schon vorher mit dieser Moschee in Verbindung stand und die Polizei ihn ja auch länger beobachtet hatte, kann man sagen, dass die Polizei die Lage unterschätzt hat?

    Davon gehe ich aus. Das ist ein klägliches Versagen der Behörden und ist meiner Meinung nach auf die liberale Multikulti-Politik zurückzuführen. Plötzlich sind alle vorsichtig dabei, den Islam zu kritisieren oder irgendwelchen Verdächtigen auf die Füße zu treten, weil sie befürchten, als Rassisten und islamophob betrachtet zu werden. Die Gesetzeslage hätte längst erlaubt, dass man solche Gefährder ausschaltet, aber Polizei, Justiz und Politik haben alle versagt. Das Ereignis in Berlin muss zu einem Umdenken führen!

    Jüngsten Meldungen zufolge ist Amri in Mailand erschossen worden. Denken Sie, dass das Kapitel des Anschlags damit geschlossen werden kann oder vermuten Sie, dass da ein größeres Netzwerk dahinter steckt?

    Ich gehe von einem Netzwerk aus. Eine Einzelperson kann sich doch nicht einfach so frei umherbewegen und überall Unterschlupf finden, wenn sie keine Unterstützung bekommt. Dass Amri von Berlin nach Mailand fliegt – was sucht er dort, wo geht er hin? Er muss irgendwelche Kontakte haben, er kann schließlich nicht einfach in einer Pension unterkommen. Bei der derzeitigen Fahndungssituation wäre das unmöglich.

    Ganz Deutschland hat gerätselt, warum Amri seine Duldungspapiere im Fahrzeug hinterlassen hatte. Ist es eine Art Heldentat, mit der er bekannt werden wollte?

    Das glaube ich nicht. Es soll einen Kampf zwischen ihm und dem polnischen Fahrer gegeben haben und dieser hat sich meiner Meinung nach heldenhaft verhalten, größeren Schaden verhindert und den Wagen zum Stehen gebracht. Bei diesem Kampf hat Amri etwas verloren. Es ist keine Unterschrift, wie bei Arsene Lupin, er musste einfach schnell abhauen.


    Interview: Ilona Pfeffer

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    Tags:
    multikulturelle Gesellschaft, Terror, Anis Amri, Berlin, Deutschland