21:18 27 Juni 2017
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    Negative Russland-Berichte in Jahresbilanz: Deutsche Medien einfach rekordverdächtig

    © AFP 2017/ Odd Andersen
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    Moskau ist das globale Problem Nummer eins, heißt es in einigen führenden deutschen Medien. Sputnik hat die Berichterstattung zu Russland in verschiedenen Ländern in einer Jahresbilanz unter die Lupe genommen und musste leider feststellen: Deutschland landet immer wieder auf Platz eins, was negative Beiträge betrifft.

    Die Top-10 der Länder mit der höchsten Zahl negativer Russland-Berichte 2016
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    Die Top-10 der Länder mit der höchsten Zahl negativer Russland-Berichte 2016

    Im Vergleich zu 2015 ist die Zahl der negativen Beiträge zum Thema Russland 2016 in den deutschen Medien sogar gestiegen.

    Die Top-6 der Länder mit negativer und mäßig negativer Berichterstattung zu Russland - 2016 und 2015 im Vergleich
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    Die Top-6 der Länder mit negativer und mäßig negativer Berichterstattung zu Russland - 2016 und 2015 im Vergleich

    Dabei sind es meistens immer wieder die Gleichen. Wenn man sich die Top-10 ansieht, sind gleich sechs deutsche Medien dabei: die Frankfurter Allgemeine Zeitung, Die Welt, die Süddeutsche Zeitung, Deutschlandradio, Bild und Der Spiegel. Drei davon – FAZ, Welt und SZ – nehmen sich gleich Gold, Silber und Bronze. Ähnlich sah es bereits 2015 aus.

    Die Top-10 ausländischer Medien mit der höchsten Zahl negativer bwz. mäßig negativer Berichte 2016
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    Die Top-10 ausländischer Medien mit der höchsten Zahl negativer bwz. mäßig negativer Berichte 2016

    Eigentlich ist das keine große Überraschung, wenn man einen Blick auf die deutsche Medienlandschaft wirft. „Boykottiert Russland!“ – hieß beispielsweise eine Überschrift von der FAZ vom 12. Dezember im Zusammenhang mit den Doping-Vorwürfen gegen Moskau.

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    Hauptsache, das böse Russland schaffen

    Im gleichen Monat schrieb die Zeitung, Moskau führe einen Krieg der Desinformation (11. Dezember). „Das Ziel sind Europas Demokratien. Nur wenige Länder wappnen sich. Auf Berlin kommt es nun vor allem an.“

    Einige Tage zuvor (9. Dezember) heizte die FAZ die Stimmung unter den deutschen Lesern bereits an und behauptete, der Kreml werde sich tatsächlich in die deutsche Bundestagswahl einmischen:

    „Nicht genug, dass er so polarisiert sein wird wie seit den Tagen von Franz Josef Strauß nicht mehr. Nicht genug, dass neue digitale Wege der Mobilisierung in eine Grauzone von Propaganda und Manipulation führen. Und nicht genug, dass die Protestpartei AfD die gesamte politische Landschaft in Bewegung gesetzt hat. Nun taucht auch noch eine Partei auf, die zur Bundestagswahl gar nicht zugelassen ist – Russland.“

    Bei der Wahl des Wortschatzes für ihre Berichterstattung scheint die FAZ sich vor nichts zu schämen: „Unterwerft euch! Die russische Kirche will das Volk zu Sklaven machen“, hieß es beispielsweise am 21. November.

    Und überhaupt, wenn man den Beiträgen der Zeitung glaubt, so herrscht in Russland längst Kriegsbereitschaft: „Wer dieser Tage nach Moskau reist, den empfängt die russische Hauptstadt im latenten Kriegszustand.“ (31. Oktober)

    Laut der FAZ ist Russland „ein wirtschaftlich schwaches, politisch ausgriffiges und kulturell wenig eindrucksvolles Land“ – dieser Beitrag vom 21.Oktober zeigt wohl, wie gebildet, intelligent und kenntnisreich die Autoren sind, die so etwas schreiben.

    „Deswegen ist es erstaunlich, wie viel internationale Aufmerksamkeit es wieder erfährt. Wir könnten (und sollten) uns weniger und weniger aufgeregt mit diesem Land befassen“, riefen die Journalisten das deutsche Volk auf.

    Die Welt hatte noch am 23. Januar beschlossen: „Der Rubel ist im freien Fall, der Ölpreis schon lange unter der Grenze, die Russlands Wirtschaft verkraften kann.“

    Wenn man bei der SZ nachschaut, so hieß es am 8. Oktober unter dem Titel „Exportschlager Angst“: „Moskaus Tonlage klingt für viele wieder nach Kaltem Krieg“. Diese These hatte die FAZ bereits am 8. Juli vorgestellt:

    „Seit Russland in seiner Nachbarschaft Provinzen erobert, sind drei kleine Länder im Alarmzustand: die Baltenrepubliken Estland, Lettland und Litauen waren nach dem Zweiten Weltkrieg (ähnlich wie 2014 die ukrainische Krim) von Moskau annektiert worden, und wie in der Ukraine leben in Estland und in Lettland große russophone Minderheiten.“

    Laut der Welt (20. Mai) ist Russland ein aggressiver Verletzter der Menschenrechte. So schrieb die Zeitung beispielsweise unter der Überschrift „Sie foltern in Putins Namen“:

    „Auf der von Russland annektierten Krim und in den russisch besetzten Gebieten der Ostukraine werden Menschenrechte aufs Schwerste verletzt. Für den Westen wird es nun höchste Zeit, seine Leisetreterei gegenüber Moskau zu beenden.“

    Die Folgen der „Krim-Annexion“ seien, so die FAZ am 20. März, überhaupt verheerend, die Zustimmung der Russen zu der Einverleibung – erschreckend. Der Zeitung zufolge veranstaltete Russland ein illegales und illegitimes Referendum auf der Halbinsel.

    „Diese Abstimmung war eine Verhöhnung der Demokratie, zusammengeschustert in gerade einmal zwei Wochen, mit russischen Soldaten im Land, ohne unabhängige internationale Beobachter“, hieß es.

    Aber auch Deutschland sei direkt bedroht (7. August). Russland führe einen Krieg im Netz. Geheimdienste und Kriminelle würden dabei zusammen arbeiten, schrieb das Nachrichtenportal.

    Der Bösewicht Putin

    Wenn es um das Bild Russlands in den Medien geht, so kann es nicht ohne seinen Präsidenten Wladimir Putin gehen. Zum aggressiven Land gehört halt ein Bösewicht, welcher regelmäßig negativ geschildert und manchmal sogar dämonisiert wird. In diesem Spektakel sind die Akteure immer die Gleichen.

    „Der Wahlkampf schwächt die USA in Syrien — und stärkt Russlands Präsident Putin. Der nutzt jede Gelegenheit, seine Macht zu vergrößern. Experten sprechen von einem verdeckten Krieg gegen den Westen“ – Verschwörungstheorie für Anfänger, Autor – Die Welt (29. Oktober).

    Einen Bösewicht muss man, wie in jedem James Bond-Film, auf jeden Fall bekämpfen. In diesem Zusammenhang ist die SZ (17. Oktober) ganz sicher: „Gegen Putin hilft nur Härte“. Denn schließlich geht es um den „russischen Autokraten“ (6. Oktober).

    Wenn man der Welt glaubt, so „verschärft“ der russische Staatschef die Spannungen mit dem Westen. „Er wird seinen Konfrontationskurs fortsetzen“ (8. Oktober). Früher, am 6. Juli, hieß es von den Welt-Journalisten sogar: „Der russische Präsident tut alles, damit die Fassade stimmt: Er gibt den starken Mann und Reformer. Aber nichts wird besser im Lande.“

    Bereits am 2. Mai teilte die FAZ eine sehr wichtige Botschaft an ihre Leser mit: „Der russische Präsident sieht sich im Krieg gegen den Westen. Deutschland und Europa haben die Gefahr, die daraus erwächst, bis heute nicht erkannt.“

    Russland sei im Krieg, schrieb der Autor. „Wladimir Putin hat ihn schon vor Jahren begonnen. Er geht gegen den Westen. Der russische Präsident schreckt dabei nicht davor zurück, internationale Verträge zu brechen und militärische Gewalt einzusetzen“ – klingt nach „professioneller“ politischer Analyse, zweifellos.

    Im Frühling hatte anscheinend auch Die Welt begriffen, dass die europäischen Werte in Gefahr sind- „Mit Propaganda, Desinformation und Unterstützung extremer Parteien schwächt Russland die EU. Deutschland ist wehrlos“, hieß es am 3. April.

    Laut der FAZ (11. Januar) lebt in Russland schon jeder Siebte unter der Armutsgrenze. „Zu Beginn von Wladimir Putins siebzehntem Jahr an der Macht stehen die Zeichen in Russland auf wirtschaftlichen Niedergang und noch mehr Repression“, berichtete die Zeitung mit Sicherheit.

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    Diese These schien der Welt auch logisch, denn „wenn der Kreml-Chef von ‚russischen Interessen‘ spricht, meint er nur seine eigenen — und die seiner kriminellen Entourage“, schrieb ein Journalist des Nachrichtenportals am 13. Januar. Ihm zufolge sollten dies alle im Westen bedenken, „die ständig Gehör für Putin fordern“.

    „Die Welt des russischen Präsidenten, wie er sie ausländischen Beobachtern gerne schildert, ist die Welt eines Kämpfers für Gerechtigkeit“.

    Wenn man die deutsche Medienlandschaft ansieht, insbesondere die Russland-Berichterstattung, kann man kaum begreifen, wie es dazu gekommen war, dass die EU eine „Propaganda“-Resolution gegen die russischen Auslandsmedien Sputnik und RT beschloss. Logischerweise sollte man den anderen nichts vorwerfen, wenn man die eigene Reinheit nicht vorbildlich präsentieren kann. Aber Logik ist leider genau das, was die deutschen Journalisten immer öfter außer Acht lassen, wenn es darum geht, Moskau die Schuld für alle möglichen Weltgeschehnisse in die Schuhe zu schieben. Und bei diesem Spiel sind anscheinend alle Mittel gut genug.

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    Tags:
    Berichterstattung, Medien, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Die Welt, Süddeutsche Zeitung, Deutschland, Russland
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