12:58 22 August 2017
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    Berliner Carl-von-Ossietzky-Schule (Symbolbild)

    Grundschüler auf Ritalin, Jugendliche auf Cannabis – Drogenkonsum an Schulen nimmt zu

    © AP Photo/ Axel Schmidt
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    Während in Deutschland die Legalisierung von Cannabis die ersten gesetzlichen Hürden gerade erst genommen hat, schlagen die Landeskriminalämter Alarm: Die Drogendelikte an den Schulen haben sprunghaft zugenommen, in manchen Bundesländern hat sich die Zahl der Delikte verdreifacht. Häufigste Droge: Cannabis.

    Die LKA-Statistik für die Jahre 2011 bis 2015 legt nahe, dass die Zahl der festgestellten Drogendelikte an Schulen in allen Bundesländern mit Ausnahme des Saarlandes angestiegen ist. Besonders stark ist die Zahl in Baden-Württemberg mit 384 Fällen im Jahr 2011 gegenüber 939 Fällen 2015 gestiegen. Und auch Sachsen-Anhalt verzeichnet mit 42 Delikten 2011 im Vergleich zu 109 im Jahr 2015 eine Verdreifachung.

    Bei der Statistik geht es ausschließlich um Drogendelikte an Schulen und sofort nach ihrer Veröffentlichung sind kritische Stimmen laut geworden, die den Schulen bzw. deren Drogenpräventionsprogrammen Versagen vorwerfen.

    Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, verteidigt die Bildungseinrichtungen.

    „Das hat mit Schule nichts zu tun, denn da entsteht der Drogenkonsum nicht. Das sind Entwicklungen, die von außen in die Schule reindrängen. Ich glaube, es hat was damit zu tun, dass der Drogenkonsum mehr und mehr bagatellisiert wird. Die Debatte um die Freigabe gewisser Drogen senkt natürlich auch die Hemmschwelle bei den jungen Leuten. Auch die Bereitschaft in den Elternhäusern, zu erziehen und  Grenzen zu setzen, hat deutlich nachgelassen.“

    Kraus bestätigt, dass der Konsum von legalen und illegalen Drogen an den Schulen zugenommen hat und es gerade bei den 15-16-Jährigen eine nicht unerhebliche Zahl von jungen Leuten gibt, bei denen der regelmäßige Konsum zum Alltag dazugehört. Dies führe zur Vernachlässigung ihrer schulischen Pflichten und beeinträchtige ihre Leistungsfähigkeit.

    Ähnlich wie bei Gewaltdelikten an Schulen vermutet Kraus, dass der Drogenmissbrauch vor Allem an Brennpunktschulen in sozial schwachen Bezirken dominiere, wobei Gymnasien wahrscheinlich weniger betroffen seien, da dort das Leistungsniveau so hoch sei, dass drogenabhängige Schüler früher oder später nicht mehr mithalten könnten und die Schule verlassen würden.  

    Auch bei der Art der Substanzen vermutet der Präsident des Lehrerverbandes einen Zusammenhang mit der sozialen Schicht.

    „Die Drogen, die leicht verfügbar sind, wie Bier oder Schnaps, finden sich wahrscheinlich eher in den sozial schwächeren Schichten. Drogen, die teuer sind, beispielsweise Kokain, drohen wiederum eher zur Modedroge in finanzkräftigeren Schichten zu werden.“

    Die mit Abstand am weitesten verbreitete Droge an deutschen Schulen bleibe aber Cannabis, der größte Teil der Delikte entfalle auf Schüler ab 14 Jahren, heißt es in dem Bericht der Landeskriminalämter.

    Josef Kraus sagt, die Drogenkarriere beginne jedoch oft schon in der Grundschule. 

    „In den Grundschulen ist eine andere Form von Drogenmissbrauch im Umlauf: Immer mehr Eltern geben ihren Kindern leistungsfördernde Mittel oder Schlafmittel. Es ist ein Verbrechen an den Kindern, wenn sie ohne genauere Diagnose beispielsweise Ritalin bekommen. Das kann der Einstieg in eine Abhängigkeit sein!“

    Es sei Aufgabe der Schulen, Aufklärung zu betreiben und eng mit den Eltern zusammen zu arbeiten, wenn Lehrer beispielsweise einen unerklärlichen Leistungsabfall bei ihren Schülern bemerken. Unter Einbeziehung eines Drogen-Kontaktlehrers oder eines Schulpsychologen sollten die Lehrer Beratungs- und Hilfsangebote aufzeigen, meint Kraus.

    „Natürlich gehört es auch dazu, dass man spätestens ab der 6.-7. Klasse im Rahmen von Projekttagen Experten aus der Polizei- und Drogenpräventionsarbeit in die Schulen reinnimmt und diese Experten auch mal mit den Schülern alleine lässt. Dann können die Schüler auch mal wichtige Fragen stellen, die sie vielleicht nicht stellen würden, wenn ein Lehrer dabei ist.“

    Die Kritik, schulische Drogenpräventionsprogramme seien unwirksam und würden einzelne Schüler vielleicht erst dazu animieren, Drogen mal auszuprobieren, weist Kraus zurück. Auch wenn manche Schüler durch die Drogenpräventionsprogramme neugierig werden und auf diesem Weg zu ihrem ersten Konsum kommen, sei der Nutzen der Prävention größer als der Schaden. Die Experten müssten die Inhalte natürlich sensibel und altersgerecht vermitteln und die Maßnahmen selbst regelmäßiger stattfinden.

    „Ein Projekttag zum Thema Drogen im Lauf einer zehnjährigen Schullaufbahn ist mir zu wenig, das muss mindestens einmal im Jahr, besser sogar einmal im Halbjahr geschehen. Es fehlt aber zum Teil an Kräften: In den Jugendämtern, in den Drogenberatungsstellen, auch was die Versorgung der Schulen mit Schulpsychologen betrifft sind wir einfach noch unterbesetzt, sodass keine kontinuierliche Prophylaxe und Hilfe angeboten werden kann.“

    Ein interessanter Nebenaspekt der LKA-Statistik ist, dass in die Erhebung auch Delikte von Lehrern und Schulpersonal eingeflossen sind. Kraus räumt ein, dass unter den 800.000 Lehrern in Deutschland das ein oder andere schwarze Schaf dabei ist, das mit einer Suchterkrankung zu kämpfen hat. Ebenso bestätigt er, dass es ein entscheidender Faktor für den Beginn einer Drogenkarriere sein kann, wenn sich ein Schüler an dem schlechten Vorbild seines Lehrers orientiert.

    Immerhin gibt es für Lehrer, die ihre Suchterkrankung erkannt haben und Hilfe suchen, bereits schulinterne Beratungsangebote.

    „Für die Lehrer haben wir in den Personalräten Experten für Suchtberatung, an die man sich unter Verschwiegenheitspflicht als suchtgefährdeter Lehrer wenden kann. Was die Schüler angeht, ist es nicht Aufgabe der Schule, therapeutisch zu wirken, sondern präventiv.“

    Bericht: Ilona Pfeffer

    Tags:
    Schule, Cannabis, Drogen, Deutschland
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