20:37 22 September 2020
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    Ein sonderbares Startup hat im Netz die Runde gemacht: Adoptly, eine App, mit der man nach dem Tinderprinzip Adoptivkinder suchen kann. Nun haben die Macher bekannt gegeben, dass es sich bei Adoptly um ein Kunstprojekt gehandelt hat, das mit neuen Technologien und unserer Oberflächlichkeit spielt.

    Es gab da einmal ein sonderbares Kickstarter-Projekt, es trug den Namen Adoptly und warb damit, dass es den Adoptionsprozess vereinfachen will. Das sollte mit einem Prinzip erreicht werden, das sehr stark an Tinder erinnert: Fotos von süßen, zur Adoption freigegebenen Kindern werden eingeblendet und der Nutzer arbeitet sich mit der bekannten Wischtechnik durch, bis er das perfekte Kind gefunden hat. Natürlich soll es hier auch Filter für Präferenzen geben und eine Chatfunktion zum Kennenlernen. Das Video sah so aus:

    Dieses nicht ganz koscher wirkende Projekt hatte von Anfang an einige an seiner Echtheit zweifeln lassen. Eine Sputnik-Anfrage an die Macher von Adoptly ergab nun folgendes Resultat: 

    „Adoptly ist das zweite Werk eines Kunstprojektes von Ben Becker und Elliot Glass aus Los Angeles, das unsere technikbesessene Welt und unser Bedürfnis, alles schneller, einfacher und eingängiger zu machen. Es soll Fragen aufwerfen, wo wir hier die Linie ziehen wollen und ob wir das überhaupt tun werden“, schreiben diese zum Projekt.

    „Das Ziel von Adoptly war es, ein Gespräch zu entfachen über das Wesen schneller Urteile, von Belohnungen und über die Art, wie Technologie unser Gehirn trainiert, etwas oberflächlich Dargebotenes zu mögen oder nicht zu mögen – Fotos, Headlines, Tweets und kurze Sequenzen“, schreiben die Macher weiter. „Im Gespräch sollte es auch darum gehen, wie wir große und kleine Entscheidungen auf Grundlage oberflächlicher Vorlieben treffen. Wir selbst haben in die öffentliche Diskussion nicht eingegriffen, stattdessen wollten wir sehen, wohin sie von selbst kommt in den traditionellen und sozialen Medien und in Kommentarspalten.“

    Bereits der Status von Adoptly verwirrte viele: „Obwohl viele an der Echtheit des Unternehmens zweifelten, waren Besucher durchwegs unsicher, ob es echt oder ein Fake war. Der Umstand, dass es nicht gänzlich ausgeschlossen werden konnten und sich um Adoptly eine Debatte entfachte, half dabei, das Interesse der Leute zu steigern, darüber zu schreiben und zu reden.“

    „Die Debatte über die Echtheit Adoptlys hat auch größere Fragen über den Status und unsere Beziehung zu Technologien aufgeworfen, wenn wir Tatsache nicht klar von Fiktion unterscheiden können.“

    Amüsant war auch das Wechselspiel zwischen Medien und Startup-Seiten:  „Nach dem Start der Webseite und des Kickstarter Projekts haben wir eine PR-Kampagne ins Leben gerufen und wandten uns an viele Medienhäuser mit der Behauptung, es handle sich bei uns um ein „revolutionäres“ neues Startup. Spekulationen über die App machten sich breit. Nachdem die erste Welle an Stories veröffentlicht worden war, hob Kickstarter das Fundraising auf. Interessanterweise hatte dies eine neue Welle an Berichterstattung durch die Medien zur Folge – und Emails, in denen man uns um einen Kommentar bat. Wir zogen die Plattform daraufhin auf Indiegogo um, was weitere Artikel zur Folge hatte. Diese zogen nach sich, dass das Projekt auch auf Indiegogo gesperrt wurde. Weder Kickstarter noch Indiegogo kontaktierten uns übrigens vor diesen Entscheidungen und gaben auch keine Gründe für diese Schritte an.“

    Die öffentlichen Reaktionen fielen unterschiedlich aus: „Fast alle Menschen hatten das Bauchgefühl, dass nach links und rechts wischen, um Kinder zu adoptieren, sich einfach nicht richtig anfühlt. Auf der anderen Seite fanden manche, dass dieses Konzept gar nicht so weit hergeholt ist. Wieder andere fragten, warum es in Ordnung ist, sich einen Partner für eine Beziehung auf diese Weise zu suchen, aber nicht ein Kind zur Adoption. In manchen Fällen glaubten Leute, die schon den Adoptionsprozess hinter sich hatten, dass die Idee Potenzial habe. Manche legten sogar dar, dass Adoptly gar nicht anbietet, die Dinge anders zu tun, als es gegenwärtig Eltern beim Durchstöbern von Suchmaschinen und Profilen im Internet schon machen. Das meiste negative Feedback betraf – wie erwartet – die entmenschlichenden Momente und Spielaspekte, die die Tinder-Benutzeroberfläche mit sich führt. Andere Leute fragten, wie eine App denn eigentlich entmenschlichend sein könne. Letzten Endes fanden viele Leute es moralisch abstoßend, ein Kind auf Grundlage des Äußeren, des Geschlechts, des Alters und der ethnischen Zugehörigkeit auszusuchen, gestanden aber ein, dass die Wischtechnik in anderen Kontexten wie Tinder akzeptabel sei.“

    Adoptions-App
    © Foto : Adoptly
    Adoptions-App

    Um Missverständnisse zu vermeiden, fügen Ben und Elliot hinzu: „Unsere Absicht war es auf keinen Fall, Leute aus der Adoptionsindustrie oder Eltern, die auf der Suche nach einem Adoptivkind sind, zu attackieren oder schlecht zu machen. Die Entscheidung, Adoption in einem tinderhaften Format zu präsentieren, war lediglich als ein absurder Angriff auf alltägliche Techniknutzer gemeint. Den wenigen positiven Reaktionen auf die App konnten wir entnehmen, dass, obwohl Adoptly keine elegante Lösung sein mag, das Ziel, Behörden stärker zu modernisieren und zu vernetzen, um Adoptionsraten zu erhöhen, ein gutes ist. Manche meinten auch, dass alles, was Leute dazu bringt, über Adoption zu reden und nachzudenken, nützlich und hilfreich ist, da es Licht auf einen Bereich wirft, der nicht genug Aufmerksamkeit und Unterstützung erfährt.“

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    Tags:
    Adoptivkinder, Adoptly