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    Nationalflaggen Russlands und Deutschlands in Berlin

    Deutschland-Russland: Von Liebe und Hass in der Geopolitik

    © AFP 2019 / John Macdougall
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    Zwei Machtpole, die einander gleichzeitig trennen und ergänzen. Deutschland und Russland liefern sich historisch und bis heute auf dem strategischen Schachbrett der Welt ein Spiel, von dem das Schicksal Europas abhängt. Diese Symbiose heißt „GeRussia“ – Liebe und Hass in der Geopolitik.

    Davon handelt das Buch von Salvatore Santangelo „GeRussia – gespaltene Horizonte der europäischen Geopolitik“, in dem verschiedene Phasen der Entwicklung der deutsch-russischen Beziehungen beschrieben werden, die viele Jahrhunderte lang gleichzeitig Rivalen und Verbündete waren, bis zum jetzigen Schachspiel von zwei großen Anführern, Merkel und Putin, die wegen der Energiekooperation aufeinander angewiesen sind, aber wegen der Ukraine-Krise getrennt werden.

    Nach dem Fall der Berliner Mauer und Zerfall der Sowjetunion änderten sich alle Grenzen in Europa. Obwohl Russland und Deutschland in der Vergangenheit bis zum Tod kämpften, gab es in einigen Branchen, vor allem Energie, Brücken zwischen den Ländern bis zur Ukraine-Krise, die zum Härtetest für die Allianz zwischen Berlin und Moskau wurde.

    Wie wird die Zukunft von GeRussia aussehen? Wie beeinflusst die Achse Moskau-Berlin die europäische Geopolitik? Darüber sprach Sputnik.Italien mit dem Autor des Buches, Salvatore Santangelo, Journalist und Dozent an der Universität Tor Vergata.

    Frage: Salvatore, welche Rolle für Europa spielte die Allianz Moskaus und Berlins seit dem Mauerfall und bis zum heutigen Zeitpunkt?

    Antwort: Das war eine strategische Allianz, selbst die Bezeichnung des Buches, der Begriff GeRussia stammt aus den 1990er-Jahren, um die besonderen Beziehungen zwischen beiden Ländern hervorzuheben.

    Die Achse erlebte Hochs und Tiefs bis zur Ukraine-Krise, die 2014 ausbrach. In dieser Zeit festigte sich die Zusammenarbeit im Kultur- und Wirtschaftsbereich und natürlich in der Energie. Angesichts der Ukraine-Krise erschwerten sich die Beziehungen, obwohl der Energiebereich angesichts des Projekts Nord Stream 2 nicht bedeutend betroffen wurde.

    Frage: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass diese besonderen Beziehungen das geopolitische Gleichgewicht in Europa beeinflussen. Wie genau?

    Antwort: Russland und Deutschland haben jahrhundertelange Verbindungen.  Bereits der berühmte britische Ökonom Keynes sagte auf einer Konferenz in Versailles, dass das historische Schicksal Deutschlands in der Modernisierung der „Ländereien des Zaren“ besteht. Das führte wohl dazu, dass zwischen den Partnern besondere Beziehungen entstanden. Mein Buch enthält einen Aufruf an diese beiden Länder, die im vergangenen Jahrhundert bei der Todesschlacht im europäischen Raum aufeinander prallten, eine neue Zukunft aufzubauen und die blutigen Seiten der Geschichte im Zentrum unseres Kontinents nicht zu wiederholen.

    Natürlich spielen Geschichte und Geografie die Schlüsselrolle. Zwischen Russland und Deutschland liegen Länder wie die Ukraine und die baltischen Republiken, die in vollem Maße alle negativen Aspekte dieser Beziehungen spürten. Es ist äußerst wichtig, dass Deutschland und Russland dynamische Beziehungen unter Berücksichtigung aller Schwierigkeiten und Gefahren aufbauen können und Wege zur Lösung dieser Probleme finden.

    Frage: Die russisch-deutschen Beziehungen erlebten einen ernsthaften Härtetest wegen der Ukraine-Krise. Es wäre interessant, das Verhältnis von Geografie und Politik zu verstehen, das oft unterschätzt wird. Welche Rolle spielt die Geografie in der Politik?

    Antwort: Bei der Analyse wird klar, dass es eine physische Geografie gibt, doch es gibt auch einen anderen Weg, den geografischen Raum zu interpretieren. Das Gebiet, unter dem wir den östlichen Teil Deutschlands verstehen, und der westliche Teil Russlands können verschieden beschrieben werden.

    Es kann sich um GeRussia handeln, falls man es aus der Sicht unserer Studie betrachtet. Man kann diese Gebiete mit Worten des hervorragenden US-Historikers Timothy Snyder beschreiben – „Bloodlands“, weil gerade hier von Mitte der 1930er- bis Mitte der 1940er-Jahre die massenhaftesten und blutigsten Kämpfe in der Geschichte stattfanden. Falls man dies aus der Sicht Polens bzw. der Ukraine betrachtet, handelt es sich um „inter mares“, also Gebiete, die Deutschland und Russland nicht vereinigen, sondern trennen, die sich ausdehnen und Russland immer mehr in den Osten und Deutschland zum Atlantischen Ozean treiben.

    Geografie spielt natürlich die grundlegende Rolle, doch sie ist nicht neutral, sie sollte untersucht werden. Die Wahl verschiedener Positionen beeinflusst die Entwicklung der Situation.

    Frage: Es gibt also Grenzen, doch die Geografie ändert sich und hängt immer von verschiedenen Stellungen ab?

    Antwort: Ja, auch aus der Sicht der Kultur. Dabei gibt es neben historischen und kulturellen Verbindungen auch eine praktische Ergänzbarkeit beider Länder – einer riesigen Industriefabrik Europas, also Deutschlands, und des größten Öl- und Gaslieferanten weltweit, Russlands, das ist die Grundlage der Symbiose GeRussia.

    Zudem kann das Bild auch durch South Stream und eine wichtige Rolle Italiens ergänzt werden. Das Projekt ist eingestellt, obwohl das Projekt Nord Stream wiederaufgenommen wurde, um es zu verdoppeln. Auch hier sehen wir den Pragmatismus der Deutschen.

    Merkel nahm eine der härtesten Positionen in Bezug auf die antirussischen Sanktionen ein, doch andere Vertreter des deutschen Establishments wie Steinmeier und Schröder versuchen, die Beziehungen zu Russland aufrechtzuerhalten. Hier ist auch eine gewisse Unparteilichkeit zu erkennen, weil die Deutschen auf dem Höhepunkt der Sanktionen nicht nur die Verdoppelung des Projekts Nord Stream erreichten, sondern auch solche Projekte wie Aktientausch starteten (zwischen Gazprom, Basf und E.On). Also die Wirtschaft und Kooperation können solche Hindernisse wie Ideologie und Propaganda überwinden.

    Frage: Es ist bekannt, dass die Deutschen trotz der Sanktionen die ganze Zeit Verträge mit Russen abschlossen. Welche Zukunft erwartet GeRussia?

    Antwort: Das Schicksal von GeRussia hängt von der politischen Wahl ab. Seit dem Fall der Berliner Mauer sahen wir Einigungen zwischen Kohl und Jelzin, Schröder und Putin. Die Beziehungen zwischen Merkel und Putin sind nicht perfekt, doch die Länder haben es dank verschiedenen Kooperationsbranchen geschafft, die bilateralen Beziehungen aufrechtzuerhalten. Vieles wird in der Zukunft von der Fähigkeit der Anführer abhängen, den Dialog aufrechtzuerhalten. Man sollte nicht zulassen, dass ständige Provokationen wegen der Ukraine-Krise zum Bau einer neuen Mauer bzw. einem neuen Blutbad im Herzen Europas führt.

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    Tags:
    Buch, Geopolitik, Deutschland, Russland