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    100 Jahre Emigration aus Russland nach Deutschland: von Großfürst bis Lolita-Autor

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    Revolutionenjahr 1917 (8)
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    500 000 bis 600 000 von den insgesamt mehr als zwei Millionen Russen, die nach der Oktoberrevolution 1917 und dem anschließenden Bürgerkrieg aus ihrer Heimat geflüchtet sind, ließen sich in Deutschland nieder.

    Viele davon blieben dann gleich in Berlin, das mit dem Zug von Russland relativ schnell zu erreichen war. 1923 lebten allein in Berlin etwa 350.000 Russen. Wer waren diese Emigranten?

    Laut Dr. Hartmut Rüdiger Peter, wissenschaftlicher Mitarbeiter für Zeitgeschichte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  „…gehörten zu den Migranten der 1920er Jahre viele, die im Kriegsverlauf als Gefangene nach Deutschland geraten waren. In den Kriegsgefangenenlagern in Deutschland gab es 1918 ungefähr 170-180 Tausend Soldaten der zaristischen Armee. Außerdem war Deutschland während der Inflation für vermögende Russen ein lukratives Pflaster.“

    Vor allem in den 20er Jahren sprach man vom russischen Berlin, von Charlottengrad, da sich in der Gegend um die Frauenkirche viele russische Kneipen, Kultureinrichtungen und Theater angesiedelt hatten. Es gab ein ausgeprägtes Vereinsleben, das nach Berufsgruppen und politischen Präferenzen strukturiert war. Russische Verlage produzierten von Berlin aus für die Sowjetunion.

    Blick auf Dächer von St. Petersburg und auf die Bluterlöser-Kirche
    © Fotolia / Daniel Korzeniewski
    „Berlin war aber auch der Treffpunkt zwischen den Emigranten und den sowjetischen Intellektuellen, die wie Ilja Ehrenburg oder Sergej Prokofjew eine Zeitlang in Berlin weilten. Leo Gorbatschow, aus St Petersburg nach Berlin emigriert, begann eine Wodkaproduktion in Berlin im Jahr 1921, heute der bekannteste deutsch-russische Wodka. Kulturell gab es sicher eine Bereicherung und eine vielleicht auch von den Emigranten geförderte Beschäftigung mit den Größen der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts von Tolstoj bis Dostojewski“, sagt der Münchener Historiker und Autor des Buches „Die russische Kolonie in München 1900-1945“ Johannes Baur.

    In Berlin konnten aber nicht alle russischen Emigranten am reichen kulturellen Leben teilnehmen, denn das setzte gewisse finanzielle Mittel voraus, über die nur die besser gestellten verfügten. Professor Peter sagt dazu: „Ein großer Teil dieser Russen lebte bei Berlin in großen Sammelunterkünften, man könnte sagen — in Lagern. Auch Kriegsgefangenlager wurden für so etwas genutzt. Deren Bewegungsmöglichkeiten waren deutlich eingeschränkt. Und dadurch natürlich auch die Teilnahmemöglichkeiten am öffentlichen Leben.“

    Es existierte durchaus auch ein deutsch-russischer Austausch, vor allem in liberal-gebildeten und künstlerischen Kreisen. Allerdings sollte man laut Professor Peter diesen Austausch nicht überschätzen. Ein Großteil der russischen Emigranten lebte quasi in einer Parallelwelt.

    Neben der „Zentrale“ des russischen Exil-Lebens in Berlin gab es vor Allem im süddeutschen Raum russische Gemeinschaften. Bayern gehört sicher zu den schillerndsten Beispielen. 

    „Ein Großteil der russischen Emigration nach Bayern bestand aus Adligen oder hochrangigen Beamten oder Offizieren des Zarenreiches. Darunter waren Großfürst Kirill, ein Neffe Alexanders I., der im Exil in Coburg residierte und einer der Prätendenten auf den Zarentitel war. Ein weiterer hochrangiger Adliger war der Herzog von Leuchtenberg, dessen Schloss am Chiemsee eine Anlaufstelle für adlige Emigranten war und der eine Zeitlang auch Anastasia, die (falsche) Zarentochter beherbergte“, erzählt der Münchener Historiker Johannes Baur.

    Der russische Adel war im Exil auch politisch aktiv. Der Deutschbalte von Scheubner- Richter, der Hitler beim Putsch in München 1923 das Leben rettete, sei einer der wichtigsten Verbindungsmänner zwischen den Emigranten und der entstehenden Nationalsozialistischen Partei Adolf Hitlers gewesen, so Baur. Ein paar weitere russische Bayern seien Graf Aleksej Bobrinskij, der General Biskupskij, später Leiter der russischen Emigrantenorganisation im nationalsozialistischen Deutschland, oder Fürst Obolonskij gewesen.

    „Insbesondere Großfürst Kirill und dessen Kontakte wurden auch von deutscher antirevolutionärer und konservativer Seite gesucht und genutzt, und die russischen Emigranten hatten zumindest bis 1923 einen gewissen Einfluss auf die NSDAP“, so der Historiker.

    Unter den Exil-Russen seien jedoch alle möglichen politischen Gruppen vertreten gewesen — von den Menschewiki bis zu antisemitischen und rechtskonservativen Monarchisten. Diese politischen Richtungen, also auch die Menschewiki, aber auch die Kadetten (Liberale) führten ihre politische Arbeit in Deutschland weiter, zum Beispiel durch die Organisation von Kongressen und über eigene Zeitungen.

    „Die größte Emigrantenzeitung in Berlin, Rul, war eher liberal-gemäßigt orientiert. Vladimir Nabokov, der berühmte Schriftsteller (Lolita), verbrachte mit seinen Eltern einige Zeit in Berlin, sein Vater, der liberale Politiker Vladimir Nabokov, wurde im März 1922 von einem Münchner Russen ermordet. Das politische Leben der Emigranten war sehr vielfältig, aber auch kurzlebig und aktivistisch, und wurde aufmerksam vom sowjetischen Geheimdienst verfolgt, unterwandert und durch Desinformation destabilisiert — auch damals schon. Nachdem klar wurde, dass sich die Sowjetherrschaft stabilisierte, wurde die politische Arbeit der Emigranten schwieriger und verzettelte sich zusehends in Grabenkämpfen. Einige Organisation bestanden aber bis in den zweiten Weltkrieg.

    Und dann gab es natürlich noch das rote Berlin, wo Karl Radek (aus Lwiw- Lemberg stammend), der Volkskommissar des Äusseren, Georgi Tschitscherin und andere Sowjet-Größen mit ihren Verbindungsleuten in der KPD zusammentrafen.“

    Wegen der Aberkennung ihrer sowjetischen Staatsbürgerschaft hatten es die Exil-Russen allerdings schwer in Deutschland, denn sie konnten auch keine neuen Pässe bekommen und waren somit staatenlos. Die Adligen und Vermögenden unter ihnen versuchten, über persönliche Verbindungen zu einflussreichen Kreisen in Deutschland ihren Aufenthaltsstatus zu bekommen. Für die meisten hieß es aber einen langwierigen Kampf mit den Behörden.

    „Zunächst gab es einen gelben Behelfsausweis, der in der Literatur auch als gelber Ausweis bezeichnet wird. Seit 1923 konnte auch der sogenannte Nansen-Pass beantragt werden, der die Überschreitung von Grenzen in Europa ermöglichte. Und Ende der Zwanzigerjahre dann wurde ein sogenannter Fremdenpass eingeführt, der eine Annäherung an den Status der deutschen Reichsbürger möglich machte. Mit diesem Status hingen auch die Arbeitsmöglichkeiten auf dem deutschen Arbeitsmarkt zusammen. Und auch die Wohnungsfrage, also die Möglichkeit, sich irgendwo zumindest einzumieten“, so Dr. Peter.

    Auch wenn ganze Teile der russischen Gemeinschaft in einer Art Parallelgesellschaft lebten, kam es doch auch zu Kontakt mit der deutschen Gesellschaft. Doch wie wurden die Emigranten aufgenommen?

    „So vielfältig wie die Emigration war auch die Reaktion der deutschen Öffentlichkeit, die von Unterstützung bis Ablehnung reichte. Die deutschen Kommunisten lehnten die Emigranten, auch die Menschewiki, als antisowjetisch ab, und es kam auch gelegentlich zu Zwischenfällen / Überfällen kommunistischer Schlägertrupps auf russische Emigranten.

    In Bayern, wo die Zahl der Emigranten viel kleiner war, waren die Auswirkungen subtiler. Die Emigranten stärkten den Antibolschewismus der deutschen Sozialdemokratie und der deutschen Rechten, hatten andererseits aber keinen Einfluss auf die deutsch-sowjetische Annäherung Anfang der zwanziger Jahre mit dem Rapallo Pakt. Es gab aber auch weiterhin in Deutschland politisch motivierte anti-russische Strömungen, die schließlich in der rassistischen nationalsozialistischen "Untermenschen"-Politik der Nazis gegenüber Russen, Ukrainern, Polen und anderen slawischen Völkern kulminierte“, erklärt der Historiker Baur.

    Bericht: Ilona Pfeffer, Armin Siebert

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    Themen:
    Revolutionenjahr 1917 (8)
    Tags:
    Emigranten, Deutschland, Russland