11:20 15 November 2018
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    Revolution in Polen

    Russland 1917: Wie wurde Polen unabhängig?

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    Revolutionenjahr 1917 (8)
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    Die Revolution von Ende Februar und Anfang März (nach dem Julianischen Kalender, der damals in Russland galt) war nach Massenprotesten der Arbeiter und Soldaten in Petrograd (so hieß St. Petersburg damals) gegen die Regierung ausgebrochen. Es kam zum Sturz der Monarchie, die Macht ergriff die so genannte Provisorische Regierung.

    Unter den zahlreichen scharfen Fragen, die mit diesem dramatischen Ereignis verbunden sind, ist ein Moment erwähnenswert, der im Kontext der aktuellen Beziehungen zwischen beiden Ländern akut ist: Nach dem Fall der Monarchie in Russland wurde Polen unabhängig. 

    Manche Historiker und Politiker sagen direkt, Polen habe nur dank der Revolutionskrise in Russland – zunächst im Februar und dann im Oktober 1917 – ein souveränes Land werden können. Ihre Opponenten behaupten im Gegenzug, Polen hätte sich spätestens seit Ende des 19. Jahrhunderts konsequent um die Unabhängigkeit von Russland bemüht, so dass die russischen Erschütterungen im frühen 20. Jahrhunderts keine große Rolle für diesen Prozess gespielt hätten. Wo liegt die Wahrheit? Wohl irgendwo in der Mitte – wie gewöhnlich.  Allerdings sollte man dieses Problem nicht zu primitiv betrachten. 

    Die polnische radikale nationale Befreiungsbewegung kämpfte das ganze 19. Jahrhundert lang um die Unabhängigkeit, was die Aufstände der Jahre 1830 und 1831 sowie der Jahre 1863 und 1864 besonders deutlich zeigten. Die Polen beteiligten sich auch sehr intensiv an den demokratischen Aktionen während der ersten russischen Revolution der Jahre 1905 bis 1907. 

    Aber im Revolutions-Frühjahr 1917 spitzte sich die Polen-Frage noch mehr zu. Die separatistischen nationalistischen Bewegungen handelten danach immer intensiver, die nationale Elite gewann wieder an Bedeutung. Nach der Liberalisierung des politischen Regimes und der Erweiterung der Rechte und Freiheiten der russischen Bürger zeigten die polnischen Machthaber immer mehr Interesse für die politische Eigenständigkeit. 

    Es ist nicht zu vergessen, dass die politische Situation in Russland nach dem Sturz des Zaren ungewiss wurde: Es etablierte sich die so genannte „Doppelmacht“. Die Polen-Frage wurde auf einmal zum Gegenstand einer eigenartigen politischen Konkurrenz zwischen den beiden Machtzentren. Die beiden zeigten ihr demokratisches Potenzial und versuchten, wichtige nationale Minderheiten auf ihre Seite zu ziehen, indem sie entweder mit der Unterstützung dieser Minderheiten im künftigen Machtkampf oder mit der Zustimmung der westlichen Entente-Länder rechneten, die als „Patronen“ der polnischen Souveränität auftraten. 

    Ursprünglich bestand die Provisorische Regierung auf der Aufrechterhaltung der Einheit Russlands, wobei alle Einwohner des Landes gleiche Bürgerrechte und —freiheiten genießen sollten. Das entsprach durchaus dem Modell eines demokratischen, aber einheitlichen und unteilbaren Russlands, für das die liberalen Parteien der Kadetten und „Oktobristen“ kämpften, denen damals die Mehrheit in der Regierung gehörte. Sie ließen durchaus zu, dass Polen die Autonomie bekommen könnte, aber nicht die absolute Souveränität. 

    Aber in dem am 14. März 1917 veröffentlichten „Appell an das polnische Volk“ des Petrograder Sowjets, wo die Mehrheit den gemäßigten Sozialisten, nämlich den Menschewiken und Sozialrevolutionären gehörte, ging es eben um die vollständige Unabhängigkeit Polens: „Der Petrograder Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten erklärt, dass Russlands Demokratie sich auf die Anerkennung der nationalen und politischen Selbstbestimmung der Völker stützt, und erklärt, dass Polen das Recht hat, in staatlich-internationaler Hinsicht völlig unabhängig  zu sein. Wir schicken dem polnischen Volk unseren brüderlichen Gruß und wünschen ihm viel Erfolg  im bevorstehenden Kampf um die Etablierung der demokratischen republikanischen Staatsordnung im unabhängigen Polen.“ 

    Parlament in Polen
    © REUTERS / Slawomir Kaminski/Agencja Gazeta
    Die Provisorische Regierung reagierte darauf mit ihrem „Appell an die Polen“, der am 16. März 1917 erschien und ihnen ebenfalls die Unabhängigkeit versprach. In diesem Dokument wurde ihr Recht auf die Bildung ihres eigenen Staates aus drei Teilen des polnischen Territoriums anerkannt, das zuvor zwischen Russland, Österreich-Ungarn und Deutschland aufgeteilt worden war. Die Frage hinsichtlich des konkreten Territoriums des künftigen polnischen Staates blieb allerdings offen. Die Provisorische Regierung betonte lediglich, dass sie mit der Bildung einer „freien militärischen Union“ mit Polen rechnete, während die endgültige Festlegung der Grenzen Polens und Russlands erst in einer Sitzung der Konstituierenden Versammlung erfolgen sollte. 

    Diese offizielle Erklärung spielte in der weiteren Entwicklung des russischen Staates eine fatale Rolle, denn damit wurde der Zerfall des Zarenreiches ausgelöst. Im Sommer 1917 verkündete Finnland seine Unabhängigkeit. Auch die Ukraine warf das Thema Selbstbestimmung auf, und die Desintegration Russlands wurde immer intensiver. Bezeichnend war, dass dies dann auch zur Spaltung der Provisorischen Regierung führte. Als sich nach der Trennung Polens von Russland auch die Frage von der Unabhängigkeit der Ukraine gestellt hatte, bekamen die Kadetten und Oktobristen auf einmal Angst, und es brach ihr Konflikt mit den Sozialrevolutionären aus, sodass die Koalition im Juli 1917 zerfiel. 

    Auffallend ist, dass auch der letzte russische Kaiser die „polnische Karte“ aufs Spiel gesetzt hatte. Im Dezember 1916 wandte sich Nikolaus II. als Oberbefehlshaber mit dem Erlass Nr. 870 an die Armee und Flotte, in dem er unter den Zielen der Kriegsfortsetzung zum ersten Mal „die Gründung eines freien Polens“ erwähnte. So etwas hatte er übrigens weder zuvor noch danach gesagt. Aber seine Worte in dem Erlass sind nun einmal ein historischer Fakt, angesichts dessen man schlussfolgern kann, dass sich die Position des Zaren zur „Polen-Frage“ kurz vor der Revolution und im kritischen Moment des Ersten Weltkriegs grundsätzlich verändert hatte. 

    In Wahrheit aber verzichteten die russischen Machthaber – kurz vor der Revolution und gleich nach der Revolution – nicht etwa aus ideologischen Gründen auf ihr Recht auf die Verwaltung über Polen, sondern weil Russland schon nach der Okkupation Kongresspolens durch die Armeen der Mittelmächte im Jahr 1915 dieses Recht faktisch verloren hatte. Im Kampf um die Sympathien der Polen gewann Russland gegen Deutschland und Österreich-Ungarn. Im Sommer 1917 entschied sich der Kommandeur der polnischen Legionen in der österreichisch-ungarischen Armee und künftige erste Marschall der Zweiten polnischen Republik, Josef Pilsudski, zur Auflösung seiner Truppenteile, weil er keinen Sinn mehr darin sah, auf der Seite Deutschlands und Österreich-Ungarns für die Befreiung Polens zu kämpfen. Teilweise wurden Russlands Gegner an der Ostfront dadurch geschwächt, aber das konnte keine Wende des Kriegs im Allgemeinen werden. 

    Im Februar 1917 bekamen russische Soldaten bekanntlich einige Elemente der Demokratie zu spüren, die später allerdings zu ihrer Demoralisierung und zum Zerfall der Zarenarmee führten. Von der Revolution wurden auch alle Aspekte des Lebens der Soldaten und Offiziere der Polnischen Schützendivision, die der russischen Armee angehörte, betroffen: Unter ihnen wurden die polnische Sprache und polnische nationale Symbole verbreitet. Im März 1917 beteiligten sich die in Kiew stationierten Truppenteile der Division an einer Parade der dortigen Truppen, und zwar unter der polnischen Flagge. 

    Die polnischen Ulanen bestanden – und zwar erfolgreich – darauf, nicht mehr Russland den Treueeid zu leisten, sondern es gab ab sofort einen anderen Eid, in dem es sich um die Unabhängigkeit und Vereinigung Polens handelte. Bei einem Soldatenforum der Division im April 1917, das in Kiew stattfand, wurde eine Deklaration beschlossen, der zufolge der Krieg fortgesetzt werden sollte, um Polens Souveränität auf allen Territorien wiederherzustellen. Auf Basis dieser Division sollte eine Armee gebildet werden, die auf der Seite der Entente kämpfen würde. 

    Eine solche Perspektive würde aus der Sicht der Konjunktur auch der neuen russischen Macht passen. Im März 1917 entwickelte der Militärminister Alexander Gutschkow einen Plan zur Aufstellung einer polnischen Armee auf dem Territorium Russlands, der die Versorgung der Polnischen Division mit Artilleriewaffen und technischen Abteilungen, dann die Aufstellung einer zweiten Division und später ihre Vereinigung zu einem Korps vorsah. Zu diesem Zweck wurde beim russischen Generalstab eine Militärkommission gebildet, die mit der Aufstellung der polnischen Truppenteile beauftragt wurde, an deren Spitze am 30. April der Kommandeur der Polnischen Schützendivision, Generalmajor Tadeusz Bylewski, gestellt wurde. 

    Somit wurde Polens Bewegung zur Souveränität größtenteils durch die Demokratisierung in Russland im Frühjahr und Sommer 1917, durch das politische Chaos und die Ineffizienz der neuen russischen politischen Macht, aber auch durch den Zerfall der Armee und die ständigen Niederlagen an der Front vorangebracht.

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    Tags:
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