11:14 09 Dezember 2019
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    Medienkonzern gegen Fake News? G + J: „Wir glauben nicht, dass es um Zensur geht“

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    Europas zweitgrößtes Druck- und Verlagshaus könnte in Zukunft sogenannte Fake News auf Facebook jagen. Eine entsprechende Anfrage hatte Facebook an Gruner + Jahr, genauso wie an ARD, ZDF und Focus Online gerichtet. Gruner + Jahr ist nicht abgeneigt – vorausgesetzt, das Geld stimmt. Doch wer kontrolliert dann wen?

    Angesichts der immer hitziger geführten Debatte um Fake News hat Facebook eine Fact-Checking-Initiative ins Leben gerufen und versucht derzeit, Partner bei den deutschen Medien dafür zu gewinnen. Das Recherche-Team Correctiv ist bereits an Bord, die angefragten Leitmedien tun sich aber bisher schwer mit der Rolle der Fact-Checker. ARD und ZDF haben abgelehnt – was sie allerdings nicht davon abhält, Correctiv finanziell zu unterstützen. Auch n-tv und dpa sollen laut Spiegel Online dem sozialen Netzwerk eine Absage erteilt haben. Focus Online hingegen sei grundsätzlich bereit, Facebook beim Filtern von Falschmeldungen zu helfen, die Anfrage werde zurzeit geprüft. Mit dieser Mitteilung hat sich Focus Online bereits Häme auf Twitter eingehandelt.

    Der dickste Fisch in der Liste der von Facebook angefragten Medienhäuser dürfte wohl Gruner+Jahr sein. Groß geworden mit dem Flaggschiff Stern, hat sich die Gruner + Jahr GmbH & Co. KG zum zweitgrößten Druck- und Verlagshaus Europas gemausert. Seit Oktober 2014 hält der Medienkonzern Bertelsmann 100% an dem Unternehmen. Neben eigenen Medienangeboten, wie Stern und Geo, beteiligt sich der Hamburger Konzern auch an zahlreichen großen Medien im In- und Ausland. Dazu gehören beispielsweise Spiegel, Financial Times Deutschland, die Sächsische Zeitung und die Zeit. Laut eigenen Angaben machte G + J im Geschäftsjahr 2015 einen Umsatz von 1,54 Milliarden Euro.

    Ein echtes Schwergewicht also, das über die verschiedensten Kanäle direkten Einfluss auf die Meinungsbildung der Medienkonsumenten in Deutschland und Europa nimmt. Geht es nach dem Willen von Facebook, wird sich dieser Einfluss bald auch auf das soziale Netzwerk ausdehnen. Doch wie soll das aussehen? Kann ein Medien-Riese unvoreingenommen Inhalte auf ihren Wahrheitsgehalt kontrollieren? Und wenn ja, was genau wird kontrolliert und nach welchen Kriterien? 

    Grundsätzlich sei man bereit, an der Fact-Checking-Initiative von Facebook teilzunehmen, sagt Ann-Catrin Boll, Pressesprecherin von G + J. Wie genau eine solche Zusammenarbeit aussehen könnte, sei aber noch zu verhandeln.

    „Wir wollen mit Facebook klären, wie das Fact Checking konkret umgesetzt werden kann, weil einfach noch sehr viele Fragen offen sind. Wir möchten auch klarstellen, dass eine mögliche Unterstützung von Facebook in keiner Weise Facebook von seiner Verantwortung für das Geschehen auf der Plattform entbindet. Also dass Facebook bereit sein muss, die Verbreitung von News, die als eindeutige Falschmeldungen identifiziert werden, unverzüglich zu unterbinden, ebenso wie die möglichen finanziellen Einkünfte von den Urhebern dieser Fake News.“

    Der Grundgedanke, warum Gruner + Jahr überhaupt ein Engagement gegen Fake News erwäge, sei die gesellschaftliche Verantwortung, die man als Verlag trage. Für G + J sei es selbstverständlich, dass man dazu beitragen müsse, dass in Deutschland weiterhin offen, zivilisiert und demokratisch debattiert werden könne und dass dabei Fakten die Grundlage für die Meinungsbildung seien, so Boll.

    Die Gefahr von Zensur sehe man bei der Fact-Checking-Initiative nicht gegeben.

    „Soweit wir wissen, geht es bei der Facebook-Initiative nicht um Unterbindung von Satire,  Ironie oder Meinung, sondern um die Identifizierung und Meldung eindeutiger Falschnachrichten, die sich ja auch durch journalistisches Handwerk leicht identifizieren lassen. Insofern glauben wir nicht, dass es hier um Zensur geht.“

    Die Frage, ob Gruner + Jahr nicht möglicherweise in einen Interessenskonflikt geraten könnte, wenn seine eigenen Inhalte von Nutzern zur Überprüfung gemeldet werden würden, wollte die Pressesprecherin des Unternehmens mit Verweis auf die noch nicht abgeschlossenen Verhandlungen mit Facebook nicht beantworten.

    Es bleibt fraglich, ob G + J eigene Inhalte überprüft und als Fake News kennzeichnet, genauso sehr, ob Correctiv die Leitmedien kontrollieren wird, denn diese finanzieren das Rechercheportal mit. Kritiker befürchten, dass der Anti-Fake-News-Kampagne vor allem Blogs und alternative Medien zum Opfer fallen werden. Außerdem sei nicht klar zwischen Meinungen (die man nicht kontrollieren möchte) und Tatsachenbehauptungen (also Falschmeldungen) zu unterscheiden, sagt der freie Journalist Paul Schreyer.

    Im Sputnik-Interview vom 25.01.2017 äußerte er seine Bedenken:

    „Wir sollten sehr aufpassen, in welche Richtung sich das entwickelt. Die Gefahr, dass hier eine Infrastruktur geschaffen wird, über die man Zensur durchführen kann, halte ich für sehr groß.“ 

    Auch Maren Müller von der Ständigen Publikumskonferenz der öffentlich-rechtlichen Medien scheute im Zusammenhang mit der Fake News Bekämpfung auf Facebook nicht den Begriff der Zensur. 

    „Es ist ja offensichtlich, was da passiert: Es sollen unbequeme Meinungen ausgeblendet werden. Es geht nicht um Fehler oder Fake News. Fake News hat es schon immer gegeben, das nannte sich früher Zeitungsente. Es hat schon immer Falschmeldungen, fehlerhafte Übersetzungen, falsche Zitate gegeben, die Politikern in den Mund gelegt wurden, die das niemals gesagt haben. Aber dass hier nur auf alternative Medien geschaut wird nach dem Motto „was Journalismus ist, bestimmen wir“, ausgerechnet von einer Organisation, die selbst schon so viel Blödsinn verzapft hat wie Correctiv, ist eigentlich nicht hinzunehmen. Das ist Zensur, nichts weiter.“

    Bericht: Ilona Pfeffer

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    Tags:
    Medienfreiheit, Fake-News, Gruner + Jahr, Facebook, Deutschland