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    Wie der Iran der Sowjetisierung entging

    Revolution 1917: Wie der Iran der Sowjetisierung entging

    © Sputnik / Valeriy Schustov
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    Revolutionenjahr 1917 (8)
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    In der Geschichte der Menschheit gab es Gesellschaftswissenschaftlern zufolge drei großе Revolutionen, die den Verlauf des historischen Prozesses veränderten – die französische Revolution 1789, die russische Revolution 1917 und die iranische Revolution 1979.

    Die russische Revolution habe auch einen bedeutenden Einfluss auf die Entwicklung der sozialen Beziehungen im Iran gehabt, behauptet der russische Politologe und Orientalist Wladimir Saschin.

    Die große russische Revolution ist keine einseitige Erscheinung, die sich nur auf die Einnahme des Winterpalais in Petrograd durch die Bolschewiki am 7. November 1917 begrenzte. Das war eine starke gesellschaftliche Erschütterung, die mit dem Verzicht auf den Thron durch den Zaren Nikolaus II. im Februar 1917 begann und bis Ende des Bürgerkriegs in Russland 1922 dauerte.

    Die russische Revolution beeinflusste natürlich den Verlauf der Geschichte des 20. Jahrhunderts, die Prozesse in Ländern auf allen Kontinenten. Ihr Einfluss traf auch den Iran – einen Nachbarn Russlands und eines Partners im Laufe von mehreren Jahrhunderten.

    Ein wichtiger Faktor war auch die Tatsache, dass die Rolle des Russischen Reichs in der Wirtschaft, Politik und beim Militär des Irans vom Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts bestimmend war. Zugleich wollte das Britische Weltreich seine traditionellen Positionen im Nahen Osten, darunter im Iran, nicht verlieren. Dieses Land war ein umkämpftes Schlachtfeld zwischen zwei Reichen.

    Die neue bolschewistische Regierung wollte die Iran-Politik des Zaren nicht fortsetzen. Damals glaubten die Bolschewiki an die weltumspannende kommunistische Revolution, die sich nach ihrer Einschätzung bald in den meisten Ländern der Welt ereignen sollte. Um ihrem Ziel der Revolution näher zu kommen, wollten sie die Ideen des Bolschewismus in der ganzen Welt verbreiten, darunter im Iran. Die alten Methoden des Zaren zur Zähmung anderer Länder waren ihnen fremd. Nach Ansicht der Anführer der Bolschewiki würden sich bald alle bzw. die meisten Länder in einer einheitlichen sowjetischen kommunistischen Republik zusammenschließen.

    Deswegen wandte sich die sowjetische Regierung bereits am 27. Januar 1918 an die Regierung des Irans mit einer Note, mit der die Aufkündigung aller nicht gleichberechtigter Verträge und Abkommen erklärt wurde, die die Rechte des persischen Volkes auf unabhängige Existenz beschränkten. So wurde unter anderem das britisch-russische Abkommen 1907 abgelöst, das die Einflussbereiche beider Reiche im Iran bestimmte.

    Großbritannien wollte nicht auf den Iran verzichten. Zwischen 1919 und 1920 wurden mehrere britisch-iranische Dokumente unterzeichnet, die den Einfluss Londons in Teheran verstärkten. Die Briten nahmen die iranischen Streitkräfte schrittweise unter ihre Fittiche und bewegten unauffällig Oberst Reza Chan auf den iranischen Thron.

    Dennoch fühlten sich britische Einheiten zu Beginn der 1920er-Jahre nicht besonders wohl im Iran. Das Streben, die iranische Wirtschaft und Politik unter Kontrolle zu nehmen, die Militärpräsenz zu erweitern und andere Maßnahmen stießen auf wachsende Unzufriedenheit der iranischen Őffentlichkeit.

    Der auffallendste Ausdruck dieser Unzufriedenheit war die nationale Befreiungsbewegung, die Gilan, das iranische Aserbaidschan, teilweise Chorasan und andere Gebiete des Landes erfasste. Demonstranten forderten den Abzug der britischen Truppen aus dem Iran und eine Demokratisierung des gesellschaftspolitischen Lebens. Die demokratischen Intellektuellen riefen in der Hauptstadt zum aktiven Kampf gegen die britischen Behörden und ihre iranischen Verbündeten auf.

    Die Bolschewiki nutzten die anti-britischen Stimmungen und wollten die Unzufriedenheit der Massen in Richtung kommunistische Revolution ausrichten. Zu ihrem Hauptziel hatten sie die Sowjetisierung Irans (bzw. seiner nördlichen Provinzen) via Export der Revolution erklärt.

    Gleichzeitig mit der Einmischung in die politischen Prozesse im Iran  begann die Führung der RSFSR ab März 1920 damit, den Kurs zur Aufnahme offizieller Beziehungen mit der Regierung des Schahs, um die neue Staatlichkeit der Bolschewiki zu festigen und zu legalisieren.

    Am 26. Februar 1921 wurde in Moskau der sowjetisch-iranische Vertrag offiziell unterzeichnet. Es war der erste Vertrag der RSFSR mit einem Land aus dem Osten. Die sowjetische Regierung erklärte in dem Vertrag ihren Verzicht auf die Teilnahme an jeglichen Maßnahmen und Abkommen, die zur Schwächung und Verletzung der Souveränität Irans führen würden.

    Eine große Bedeutung für die fast leere iranische Staatskasse hatte auch der Verzicht der RSFSR auf “jegliche Rechte auf Anleihen, die dem Iran von der Zarenregierung bereitgestellt wurden”. Der Gesamtwert dieser Anleihen lag 1917 bei 65,5 Millionen Goldrubeln zuzüglich Prozenten.

    Die sowjetische Regierung übergab dem Iran unentgeltlich das Recht auf den Besitz der Straßen Ansali-Teheran und Qasvin-Hamadan mit allen dazugehörenden Grundstüсken und Bauten. Darüber hinaus wurden die Eisenbahnstrecken Culfa-Täbris und der Urmiasee mit allen Bauten und Eigentum, allen von der Zarenregierung im Iran gebauten Telegrafen- und Telefonkabeln sowie der Hafen Anzali mit Warenlagern, Stromwerk, Anlegestellen, Dampfschiffen, Schleppern u.a. am Urmiasee übergeben.

    Moskau verzichtete freiwillig zugunsten Irans auf die Insel Aschüradeh und andere Inseln im Kaspischen Meer nahe der iranischen Küste. Ein wichtiger Punkt des Vertrages von 1921 war die Anerkennung des Rechts Irans, eine Flotte unter der eigenen Flagge im Kaspischen Meer einzusetzen, durch die sowjetische Regierung. Laut dem Vertrag konnte der Iran Transithandel via sowjetisches Territorium führen. Dasselbe Recht wurde der sowjetischen Regierung gewährt. Beide Seiten gaben sich gegenseitig das Recht einer „begünstigten Nation“.

    Das war ein wichtiger Vertrag, der ein wichtiger positiver Schritt in der Geschichte der Außenbeziehungen des Irans war. Der Vertrag von 1921 förderte die Stabilisierung der innenpolitischen Situation im Iran und damit die Entstehung der Bedingungen zur Wiederbelebung eines zentralisierten Staates. Trotz der Verschwommenheit der Artikel 5 und 6 des Vertrages, die Unzufriedenheit in iranischen politischen Kreisen auslöste, sicherten sie in einem gewissen Sinne die Unabhängigkeit Irans vor der Bedrohung der Umsetzung der hegemonistischen Pläne Großbritanniens, Deutschlands und später der USA.

    Damit sei der Einfluss der Großen Russischen Revolution auf die Geschichte Irans unbestreitbar, schlussfolgert Saschin. Objektiv gesehen hatte sie sowohl positive als auch negative Auswirkungen auf den Iran, die sich später in den Beziehungen zwischen der Sowjetunion und dem Iran bis 1979 – einer anderen Revolution, diesmal im Iran — widerspiegelten.

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    Themen:
    Revolutionenjahr 1917 (8)
    Tags:
    1917, Nikolaus II, Russland, UdSSR, Iran