18:29 21 Oktober 2018
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    Henricus Pillardy, selbsternannter Bürgermeisterkandidat von Volkmarsen

    Bürgermeisterkandidatur als Satire-Aktion: Es gibt auf dem Land keine Politik

    © Foto : Henricus Pillardy
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    Da es für Henricus Pillardy in der ländlichen Politik keine Inhalte, sondern nur Selbstdarstellung gab, stellte er sich mit 21 Jahren zum Bürgermeisterkandidaten auf und bediente in seiner Darstellung satirisch überspitzt ländliche Klischees. Sein Vorgehen brachte ihm ein Gerichtsverfahren ein.

    Henricus Pillardy ist 21 Jahre alt, studiert Philosophie im dritten Semester in Kassel, ist Mitglied der Partei Die PARTEI und gebürtig aus dem knapp 700 Einwohner starken hessischen Ort Volkmarsen. Weil er die politische Wirklichkeit auf dem Land nicht ernst nehmen konnte, hat er kurzerhand selbst für das Bürgermeisteramt kandidiert. Allerdings war seine satirisch gemeinte Kandidatur so angriffslustig und unvorsichtig, dass nun ein Verfahren gegen ihn läuft. In einem Sputnik-Interview hat er sich zu der Idee und Motivation hinter seiner Kandidatur geäußert.

    „Ich habe den Eindruck, dass viele Politiker sich häufig ein falsches Image aufbauen“, erklärt Pillardy seine Sicht auf die Politik. „Sie sind abhängig von der Zustimmung der Bevölkerung. Dadurch entsteht ein Prozess, in dem die Politiker sich versuchen besser darzustellen. Da dachte ich mir, ich könnte das Gleiche ja auch tun. Und da das Christentum hier in der ländlichen Region viel Zuspruch findet, dachte ich mir, ich gebe mich mal als Christ aus.“

    „Als jemand von einer Lokalzeitung für das erste Interview vorbeikam, habe ich mich als Christ präsentiert, habe mit einer schwarzen Bibel und einem großen Christuskreuz im Café gesessen und gesprochen, dass ich häufiger Kirchengänger bin und überzeugt bin, dass Jesus der einzige Gott ist. Ich habe mich durchaus fundamentalistisch gegeben, nicht liberal-religiös“, schildert Pillardy seine Inszenierung. „Das war durchaus eine Satire-Aktion. Zumindest teils. Zum einen wollte ich eine gewisse Absurdität im politischen Tagesgeschäft karikieren, aber zum anderen wollte ich auch mit meiner "Kunstfigur" den christlichen Glauben karikieren. Ich selbst bin überzeugter Ignostiker, das bedeutet, dass man den Begriff Gott erst mal obskur findet, dass man erst mal, wenn man darüber sprechen möchte, ob es Gott gibt, auch klären muss, was man denn unter Gott versteht, was leider auch viele Gläubige nicht tun.“

    War das nun eine Kritik der Politik auf dem Land oder eine Kritik der Politik im Allgemeinen? „Ich denke, dass es tatsächlich beides war“, antwortet Pillardy. „Mein einziger Gegenkandidat, der ins Amt gewählte Hartmut Linnekugel, hat leider gar keinen Wahlkampf gemacht. Es gab einen Bericht von ihm in der Zeitung und in dem wird darauf aufmerksam gemacht, dass er seinen Ofen mit Holz beheizt. Da ist ein Bild von ihm abgebildet, wo er mit seiner Frau vor seinem selbstgehackten Holz steht. Es ist keine Politik, kann man sagen. Ich persönlich habe ihn nur zwei-drei Mal getroffen, da war er durchaus ein höflich-freundlicher Mensch. Politisch würde ich gerne mehr berichten. Er ist parteilos. Ich habe ihn wahnsinnig oft gegoogelt, damit ich eben satirisch oder auch ernsthaft seine Inhalte kritisieren kann. Aber jeder kann das selber mal tun: Man kann Hartmut Linnekugel googeln und man findet keine politischen Inhalte. Es gibt dann immer wieder mal einen Beitrag, wo er zu einer REWE-Eröffnung kommt oder Ähnliches. Es ist aber leider nichts da, was man kritisieren kann.“

    Zur bundesweiten Kritik sagt der Student: „Ich gehe fest davon aus, dass Angela Merkel, Sigmar Gabriel oder auch die AfDler, die ich nochmal eine ganze Ecke unsympathischer finde, gar nicht das sagen, was sie glauben. Sie versuchen nur, ein Bild von sich aufzubauen, was einen großen Zuspruch in der Bevölkerung bekommt. Dadurch ist das für mich keine wirkliche Politik, es ist mehr der Versuch, sich selbst am besten darzustellen. Und wer das schafft, der bekommt die Ernte.“

    So weit, so gut, doch Pillardy hat wegen seiner Kandidatur ein Verfahren am Hals. Die Vorwürfe lauten: Wählertäuschung, Urkundenfälschung, Volksverhetzung. Für die Kandidatur musste er insgesamt 82 Unterschriften sammeln und dabei soll nicht alles rechtens abgelaufen sein. Die Anwohner behaupten, nicht ausreichend darüber aufgeklärt worden zu sein, was sie unterschreiben.

    „Wir haben gesagt, dass wir uns für das Ehringer Freibad einsetzen und den Volkmarsener Jugendraum. Dann gab es eine ausreichende Zahl, die unterschrieben hat. Nun wird mir vor Gericht vorgeworfen, dass ich die Wähler getäuscht hätte“, sagt Pillardy dazu. „Ich gebe auch offen zu, dass ich vielleicht nicht jedes Mal behauptet habe, dass das für die Bürgermeisterkandidatur ist. Aber es war ein DIN-A4-Blatt, das man ausfüllen und wo man unterschreiben musste und es stand oben drauf, dass es für eine Bürgermeisterkandidatur ist. Ich wusste auch nicht, dass ich das hätte erwähnen müssen, was jetzt aber vor Gericht geklärt wird.“

    Auf Facebook trieb er auch Späße, die nicht allen gefielen. Im Namen seines Wahlleiters unterzeichnete er einen Post mit Adolf Hitler. Daraufhin trat der Wahlleiter sofort zurück und zeigte ihn wegen Beleidigung an. „Ich habe bei Facebook schon lange die Idee gehabt, dass ich immer mit freundlichen Grüßen ende und dann einen Namen einfüge“, sagt Pillardy dazu. „Das war aber nichts ernst Gemeintes, wenngleich ich schon sagen muss, dass ich die autoritären Strukturen innerhalb des Rathauses etwas kritisieren möchte. Es ist ja eine strikte Hierarchie sowohl in der Dorfgemeinschaft und dann auch im Rathaus und das merkt man. Wie der Wahlleiter mit der Sekretärin spricht, wie der Bürgermeister mit dem Wahlleiter spricht – das sind alles keine wirklichen menschlichen Beziehungen, man nimmt den anderen nur in seiner Stellung wahr. Der Bürgermeister darf jeden behandeln, wie er möchte. Und es ist auch im Gemeingesellschaftlichen problematisch, also nicht ausschließlich im Rathaus.“

    Obwohl er das Ganze selbst als einen Scherz betrachtet, versteht er auch den Ärger seiner Mitmenschen. „Ich kann das durchaus nachvollziehen. Das sind ja Menschen, die sehen sich ja auch selbst in der Rolle, die sie spielen“, sagt er. „Sie haben ihre Existenz aufgebaut, sie haben die Menschen, zu denen sie hinaufblicken wie beispielsweise den Bürgermeister und daran machen sie auch ihre eigene Existenz fest. Und wenn jetzt ein 21-Jähriger kommt, der nicht sehr authentisch aussieht und deren komplette Existenz infrage stellt, dann kann ich durchaus nachvollziehen, dass man wütend wird. Aber wichtig ist anzumerken, dass ich nichts persönlich gegen diese Menschen habe, ich kenne ja auch viele von ihnen gar nicht. Mein Problem ist nur dieser Lebensentwurf, ein Vor-sich-hin-Leben ist es schon fast: Man sucht sich einen Arbeitsplatz und pflanzt sich fort und die Kinder machen das Gleiche. Mir fehlt da ein bisschen die Frage: Wohin wollen wir eigentlich als Kollektiv, als Menschheit? Das geht den Menschen auf dem Land noch stärker ab als den Menschen in der Stadt.“

    Eine Sputnik-Anfrage beim Amtsgericht Korbach ergab, dass es zum Stand des Verfahrens aktuell nichts Neues zu berichten gebe, da die Akte dem Hessischen Landeskriminalamt übergeben worden sei. Das Verfahren sollte im Verlauf des Monats März wieder aufgenommen werden.


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