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01:05 17 Juli 2019
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    Schlafendes Flüchtlingskind (Symbolbild)

    Schweden: Warum Hunderte Flüchtlingskinder ins Koma fallen

    © REUTERS / Marko Djurica
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    Hunderte Flüchtlingskinder sind seit den frühen 2000er Jahren in Schweden in einen komaähnlichen Zustand gefallen. Was dahinter steckt, berichtet das US-Magazin „The New Yorker“ in einer umfangreichen Reportage.

    Die Patienten seien „vollkommen passiv, unbeweglich, haben keine Muskelspannung, seien zurückgezogen, stumm, unfähig zu essen und zu trinken, inkontinent und reagieren nicht auf physische Reize oder Schmerz“, schreibt das Magazin unter Berufung auf den Direktor der kinderpsychiatrischen Abteilung der Karolinska-Universitätsklinik in Stockholm, Göran Bodegard. Ohne medizinische Hilfe würden die Kinder sterben.

    Dabei handle es sich um das sogenannte Uppgivenhetssyndrom (auch Resignation Syndrome, RS).

    Nur bestimmte Flüchtlingsgruppen

    Laut einer Studie des Fachmagazins „Frontiers in Behavioral Neuroscience“ aus dem Jahr 2016 wurden zwischen dem 1. Januar 2003 und dem 31. April 2005 424 erkrankte Kinder gemeldet, die alle ähnliche Symptome aufgewiesen hätten. Und zwar dann, nachdem sie erfahren hätten, dass ihre Familien abgeschoben werden sollen. Die meisten von ihnen seien zwischen acht und 15 Jahre alt.

    Nachdem die schwedischen Behörden im Jahr 2016 die Asylbestimmungen gelockert hatten, sei die Zahl neuer Fälle zwar gesunken, doch auch weiterhin werde die Krankheit bei Dutzenden Kindern diagnostiziert.

    Rätselhaft bleibt, dass das Syndrom scheinbar ausschließlich in Schweden auftrete. Außerhalb des Landes soll es bislang keine Fälle von RS geben. Hervorzuheben ist ebenso, dass es sich bei den Betroffenen nur um bestimmte Flüchtlingsgruppen handle. Beinahe alle Kinder stammen dem Magazin zufolge aus dem Kosovo, aus Serbien, Aserbaidschan, Kasachstan oder Kirgistan. Einige seien Roma oder Uiguren.

    Hier leben die meisten „Migranten-Skeptiker“
    © REUTERS / Antonio Bronic/File Photo
    Wissenschaftlern zufolge deute das auf eine enge Verbindung der Krankheit mit den kulturellen Hintergründen der Betroffenen. Die schwedische Regierung habe in einem 2006 publizierten Bericht die Theorie aufgestellt, es handle sich bei der Krankheit um ein „Kultur-gebundenes Syndrom“. Die „apathischen“ Kinder, wie sie oft genannt werden, würden demnach alle aus holistischen Kulturen stammen, in denen es schwierig sei, zwischen der Privatsphäre eines Individuums und dem Herrschaftsbereich des Kollektivs Grenzen zu ziehen. Indem sie das Bewusstsein verlieren, würden sie sich für ihre Familien opfern.

    Laut Edward Shorter, Medizinhistoriker an der Universität von Toronto in Kanada, habe jede Kultur ein „Symptom-Repertoire“ – eine Auswahl physischer Symptome, über die das Unterbewusstsein verfüge, um psychologischen Konflikten physisch Ausdruck zu verleihen.

    Selbstschutz

    Die medizinischen Ursachen für RS seien zwar weiterhin unklar, doch gingen viele Wissenschaftler davon aus, dass die Flüchtlingskinder nach dramatischen Erlebnissen wie der Bedrohung des eigenen Lebens, Vertreibung und Flucht ohne Hoffnung nicht weiterleben könnten. In Schweden, einem sicheren Land, sei es für sie nun unvorstellbar, in ihre Heimat zurückzukehren. Aus diesem Grund würden viele in einen komaähnlichen Zustand fallen.

    „Ich glaube, dieses Koma, in dem sie sich befinden, ist eine Form des Schutzes“, zitiert „The New Yorker“ Elisabeth Hultcrantz von der Linköping-Universität, die schon über vierzig apathische Kinder behandelt habe. „Sie sind wie Schneewittchen. Sie lösen sich einfach von dieser Welt los.“

    Verhalten ähnelt dem von KZ-Häftlingen

    Das Resignation Syndrome sei „eine Art gewolltes Sterben“, erläuterte Magnus Kihlborn, Direktor eines Stockholmer Instituts für Kinderpsychiatrie im schwedischen Fachjournal „Läkartidningen“. Ähnliches Verhalten sei auch bei KZ-Häftlingen beobachtet worden. Diese seien zum Teil physisch und emotional so erschöpft gewesen, dass sie „ihrem Umfeld die vollkommene Gewalt über sie gegeben hatten“. Zudem hätten sie zu essen aufgehört, seien stumm und regungslos in Ecken gesessen und bald gestorben.

    Laut „The New Yorker“ sei von den „apathischen“ Kindern in Schweden bislang keiner gestorben. Einige wenige seien allerdings schon knapp vier Jahre lang bettlägerig.

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    Tags:
    Medizin, Minderjährige, Kultur, Schutz, Häftling, Konzentrationslager, Krankheit, Erkrankungsrisiko, Flüchtlingskrise, Koma, Abschiebung, Kinder, Migranten, Kirgistan, Kasachstan, Aserbaidschan, Serbien, Kosovo, Schweden