04:10 17 Oktober 2017
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    Geheime UN-Akten über Holocaust schreiben „Geschichte neu“ – Medien

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    Erstmals soll die 1943 in London geschaffene UN-Kommission für Kriegsverbrechen (UN War Crimes Commission, UNWCC) noch diese Woche Zehntausende Unterlagen über NS-Massenvernichtungen veröffentlichen. Die britische Zeitung „The Guardian“ liefert schon vorab einen kleinen Einblick.

    Die Archivdateien enthüllen demnach detaillierte Beweise von Todeslagern und Völkermord, die einst aus Osteuropa geschmuggelt und bislang noch nie von der Öffentlichkeit gesehen wurden.

    Wie aus den Dokumenten hervorgehen soll, sammelte beispielsweise die polnische Exilregierung detaillierte Beschreibungen für die UNWCC über Konzentrationslager wie in Treblinka und Auschwitz, wo Millionen Juden vergast worden waren. Diese Berichte sollen einst aus dem okkupierten Osteuropa geschmuggelt worden sein. In einer Anklageschrift vom April 1944 heißt es laut der Zeitung, dass die Opfer gezwungen wurden, sich auszuziehen, und dass die „Terrakotta-Böden in den Kammern, wenn nass, sehr rutschig“ seien.

    Das Archiv selbst wurde gemeinsam mit der UNWCC in den späten 1940er Jahren geschlossen, als Westdeutschland zu einem zentralen Verbündeten zu Beginn des Kalten Krieges und die Nutzung der Unterlagen effektiv unterbunden wurde. Etwa zur gleichen Zeit wurde vielen verurteilten Nazis eine vorzeitige Entlassung gewährt, nachdem sich der antikommunistische US-Senator Joseph McCarthy aktiv dafür eingesetzt hatte, die Kriegsverbrecherprozesse einzustellen.

    „Der UNWCC-Katalog, der online durchforstet werden kann, wird in dieser Woche über unsere Webseite zugänglich gemacht“, zitiert das Blatt Howard Falksohn, Archivar der Wiener Library in London. „Die Menschen können danach kommen und das Archiv selbst durchschauen.“

    Die Wiener Library wurde 1934 in Amsterdam von Dr. Alfred Wiener gegründet, um den Antisemitismus der Nazis zu beobachten. Wie „The Guardian“ schreibt, hatte jener am Vorabend des Zweiten Weltkrieges seine Sammlungen nach London geschickt und danach für die britische Regierung gearbeitet, um hohe Beamte über Hitlers Regime zu informieren und später Beweismaterial für die Nürnberger Prozesse bereitzustellen.

    Die Wiener Libarary ist nun ansässig in Bloomsbury, London und unterstützt Recherchen über den Holocaust und Völkermorde. Sie kooperiert zudem mit dem Internationalen Suchdienst (International Tracing Service, ITS) und hilft Menschen unentgeltlich, über das Schicksal derer Angehörigen, die den NS-Gräueltaten zum Opfer fielen, herauszufinden.

    • Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau
      Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau
      © AFP 2017/ Yad Vashem Archives
    • Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau
      Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau
      © AFP 2017/ Yad Vashem Archives
    • Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau
      Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau
      © AFP 2017/ Yad Vashem Archives
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      © AFP 2017/ Yad Vashem Archives
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      © AFP 2017/
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    © AFP 2017/ Yad Vashem Archives
    Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau

    Einige der künftig publizierten PDF-Dateien aus dem 900 GB großen UN-Archiv sollen über 2000 Seiten enthalten.

    „Es ist das erste Mal, dass diese für jemanden in Großbritannien zugänglich gemacht werden. Es könnte durchaus sein, dass Menschen mit den neuen Beweisen Abschnitte der Geschichte neu schreiben werden können.“ Falksohn rechne mit hohem Interesse.

    Die Veröffentlichung der Unterlagen fällt zeitlich mit der Publizierung des Buches „Human Rights After Hitler: The Lost History of Prosecuting Axis War Crimes“ (zu Deutsch etwa „Menschenrechte nach Hitler: Die verlorene Geschichte der Strafverfolgung von Kriegsverbrechen der Achsenmächte“) von Dan Plesch zusammen, einem Wissenschaftler, der über ein Jahrzehnt lang an den UN-Dokumenten arbeitete.

    Der Forscher benötigte eine spezielle Erlaubnis, um Einsicht in die Unterlagen zu nehmen, die von den Vereinten Nationen in New York wohlbehütet wurden. Lediglich Wissenschaftler, die die Befugnis ihrer Regierung und die Zustimmung des UN-Generalsekretärs erhielten, war es gestattet, die Berichte zu lesen – ohne dabei jedoch Notizen oder Kopien zu machen. Plesch ist es laut „The Guardian“ gelungen, Diplomaten, darunter die damalige US-Botschafterin bei der Uno, Samantha Power, davon zu überzeugen, das klassifizierte Material zu veröffentlichen.

    „Das ist eine riesige Ressource, um Holocaustleugnung zu bekämpfen“, so Plesch. „Den deutschen Bundesbehörden wurde nach dem Krieg nie Zugang zu dem Archiv gewährt. All dies hat nie zuvor das Licht der Welt erblickt.“

    Einige der frühesten Unterlagen sollen damals gesammelt worden sein, um Adolf Hitler direkt für seine Rolle bei der Koordinierung und Kontrolle der Massaker von Nazi-Einheiten in der damaligen Tschechoslowakei anzuklagen. Ein Großteil der Beweise soll die tschechischen Exilregierung bereitgestellt haben. Über 300 Seiten beschreiben demnach Hitlers Befehle und Zuständigkeiten.

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    Tags:
    Massenvernichtung, Holocaust, Konzentrationslager, Nazis, Nationalsozialismus (Nazismus), Uno, UN-Kommission für Kriegsverbrechen (UWCC), Polen, Deutschland, Großbritannien