'); setTimeout(function(){ $(".t360__bar").addClass("t360__barprogress"); },10); } }); $(window).load(function() { $(".t360__bar").removeClass("t360__barprogress"); $(".t360__bar").addClass("t360__barprogressfinished"); setTimeout(function(){ $(".t360__bar").addClass("t360__barprogresshidden"); },20); setTimeout(function(){ $(".t360__progress").hide(); },500); });
Das postsowjetische Russland im Prisma der Moskauer Architektur
In der postsowjetischen Zeit sind in Moskau viele umstrittene Gebäude errichtet worden. Juri Luschkow, ehemaliger Bürgermeister der russischen Hauptstadt, wurde zum Symbol dieser Architektur. Aber hinter den Objekten, die oft kritisiert werden, verbirgt sich eine sehr wichtige Etappe in der Geschichte des Landes und der Bevölkerung.
Die Gebäude, die unter der Regierung von Bürgermeister Juri Luschkow (1992-2010) in Moskau gebaut wurden, ernten oft Kritik und werden als permissive Architektur bezeichnet. Dennoch sind diese Objekte vor allem mit der prosowjetischen Periode Russlands und seiner Gesellschaft verbunden. Damals fanden im Land wesentliche Veränderungen statt, die sich in allen Bereichen widerspiegelten – auch in der Architektur.
Der ehemalige Bürgermeister der russischen Hauptstadt, Juri Luschkow
In erster Linie haben sich das Land und seine Bewohner entwickelt, was sich wiederum in der Architektur widerspiegelte. Damals fand ein für uns äußerst bedeutsames Ereignis statt – der Zerfall der Sowjetunion. Wir wollten einen großen, demokratischen Staat aufbauen, in dem es keine sowjetische Schwermut gibt, aber im Endeffekt haben wir einen „Zoo" erhalten. Die Behauptung, dass Luschkow sein einzigartiges Äußeres der Stadt geschaffen hatte, hat sich in bestimmten professionellen Kreisen gebildet. Dabei schienen mir die Meinungen der Kritiker und Architekten ungerecht, weil all diese Objekte formell von den gleichen Menschen geschaffen wurden.
Dasha Paramonova
Architektin, Strelka Institute
Die von den Menschen erworbene Freiheit hat demgemäß die Architektur beeinflusst und einigen Projekten die Tür geöffnet, die in der UdSSR wohl unmöglich gewesen wären.
Mehr Fotos
Die Menschen haben ihre Freiheit erworben. Sie durften endlich sie selbst sein. Und dies war vor allem in der Verfassung festgelegt. Demnach erhielten die Architekten einerseits die Möglichkeit, selbstständige Aussagen zu machen. Andererseits wurden sie nun auch privat beauftragt.
Enthusiasten statt professionelle Entwickler
In den 1990er Jahren gab es so gesehen keine professionellen Entwickler in der Architektur. Stattdessen gab es oft interessierte Unternehmer.
Objekte, die vor allem Anfang der 90er Jahre umgesetzt wurden, aber auch in den 2000ern, waren sehr eng mit dem Auftraggeber verknüpft. Eigentlich waren erst in den 2000er Jahren professionelle Entwickler erschienen. Zuvor gab es Unternehmer, die voller Enthusiasmus waren und oft eigene, intuitive Vorstellungen darüber hatten, wie diese Industrie funktionieren soll. Sie verließen sich auf ihren Geschmack und erhielten dabei die Möglichkeit, sich in solch einem unglaublichen Maßstab zu äußern. Und die daraus entstandene Vielfältigkeit war direkt mit dem Zerfall des Systems verbunden, das den Menschen in all seinen Lebensbereichen kontrolliert hatte.
Dasha Paramonova
Moskau: Gebäude aus den 90rn, die nach intuitiven Vorstellungen gebaut wurden - zum Durchklicken
Die neue Vielfältigkeit in den Moskauer Gebäuden trug manchmal einen radikalen Charakter. Dieser hat wiederum die damalige Zeit widergespiegelt.
Es ging nicht darum, dass im Baubereich alles zugelassen wurde, sondern eher im Verstand der Menschen und auf dem Territorium, auf dem sie sich befanden. Dabei trug diese Manifestation manchmal einen radikalen Charakter. Man könnte dies mit der Pubertät bei Teenagern vergleichen, wenn Werte auf verschiedenen Niveaus noch nicht festgelegt sind. Wenn wir auf diese Architektur schauen, müssen wir uns fragen: Worum geht es dabei?
Parus-Haus
Moskau-City
Das Ei-Haus
Theater "Et Cetera"
Nautilus
Das internationale Haus der Musik
Einkaufszentrum "European Mall"
Patriarch-Haus
Sie sagt uns, dass wir uns auf einem leeren Feld befanden, wo eigentlich alles möglich war. Genau aus diesem Grund haben diese Gebäude solch eine Form. Sie sind nicht hässlich. Es geht um eine radikale Freiheit, zum Teil um Anarchie. Wir werden niemals wieder so etwas machen, und genau das ist wertvoll an dieser Zeitperiode. Wir haben eine wunderbare Epoche durchlebt, in der dies möglich war. Wir werden nie wieder solch eine Möglichkeit haben. Das ist sicher.
Dasha Paramonova
Durch das Prisma der Architektur kann man auch die sowjetische Zeit betrachten.
Architektur kann als Spiegel der Gesellschaft dienen und auch als einzigartiger Augenzeuge der Geschichte auftreten.
Die Architektur spiegelt all das wider, was mit uns geschieht. Eigentlich spiegelt sie diese Sachen sogar besser wider, als irgendwelche sinnvollen Texte oder andere Produkte, die bewusst geschaffen werden. In diesem Fall hat die Architektur zwar nicht das Ziel, die Rolle des Spiegels zu spielen, aber sie ist sozusagen ein einzigartiger Augenzeuge der Geschichte. Man kann dadurch vieles begreifen.
Dasha Paramonova
Die sowjetische Zeit war repräsentativ: Sie war für Fotos, für Paraden, aber nicht für die Menschen. Die Bewohner waren in dieser Stadt wie inszeniert. Sie befanden sich in einer glücklichen, sowjetischen, sozialistischen Zukunft. In der realen Stadt gab es diese Menschen aber nicht wirklich. Sie war nicht für sie gebaut.
Auch nach dem Zerfall der UdSSR war es der Stadt nicht sofort gelungen, unter die Macht ihrer Bewohner zurückzukehren. In diesem Zusammenhang hoben sich die neuen Wohngebiete hervor.
In den postsowjetischen Jahren wurden die höchsten, unmenschlichsten und größten Bezirke gebaut. Dabei waren die Wohngebiete genau in dem Moment unmenschlicher geworden, als eigentlich eine Umorientierung auf andere Werte in der Gesellschaft stattfinden sollte. Hier kam es jedoch sozusagen zu einem Widerspruch in der Epoche, weil der wirtschaftliche Aspekt Priorität hatte.
Gleichzeitig brachte der Wunsch vieler Unternehmer zu verdienen sie dazu, radikale Entscheidungen zu treffen. Beispielsweise wurden einige historische Gebäude abgerissen und anschließend neue Objekte auf ihren Plätzen erbaut.
Alles, was zuvor vom Staat geregelt und künstlich modelliert war, erhielt mit der Freiheit eine gefährliche Form. In diesem Sinne befanden sich die historischen Objekte in einer sehr unangenehmen Lage. Denn wenn man historische Gebäude wiederherstellen kann, so kann man diese auch abreißen und neu erbauen lassen. Dazu gibt es eine wirtschaftliche Entschuldigung, und es entstehen dabei auch keine Probleme mit der Authentizität, weil es genau das gleiche Alte ist, bloß besser.
Ein radikales Niveau der Denkweise
Interessant ist beispielsweise die Geschichte der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau. Diese wurde in der Sowjetzeit abgerissen und in einer neueren Form unter Luschkow wieder erbaut.
Hier könnte man von einem radikalen Niveau der Denkweise sprechen, wenn man kein Wertesystem besitzt, wenn dieses sich noch nicht gebildet hat. Dies führt manchmal zu tragischen Ergebnissen. Es gab eine bestimmte Ideologie, mit der das möglich war. Und ob wir es wollen oder nicht, ist das in gewissem Maße eine Rechtfertigung dafür, was damals geschehen war.
Was historische Gebäude betrifft, gab es sozusagen einen Kampf zwischen zwei Konzepten, wenn man auf verschiedene Weisen die Geschichte manipulieren kann, darunter auch durch Architektur. In diesem Zusammenhang ist die Christ-Erlöser-Kathedrale wiederhergestellte Geschichte.
Berühmte Objekte der Luschkow-Architektur
Ei-Haus
"Das Ei-Haus ist das zweite Privathaus Moskaus. Das erste ist das Melnikow-Haus. Ein Privathaus, in dem eine Familie wohnt. Es gibt eine sehr symbolische Timeline zwischen den beiden Gebäuden. Dabei geht es um den neu entstandenen Begriff des Eigentums. Bislang hatten wir Eigentumsrecht nur auf unsere Wohnungen in Moskau. Das restliche Territorium gehört uns nicht."
Nautilus
"Wenn es den Nautilus nicht gegeben hätte, glaube ich, dass die Lubjanka der furchterregendste Platz der Welt wäre. Der Nautilus ist hier sozusagen hereingestoßen, und man will hoffen, dass er dort noch lange bleiben wird."
Moskau-City
"Ich reagiere immer sehr emotionell darauf, wie Moskau-City gebaut wurde. Es sieht wie eine Fata Morgana aus, egal aus welcher Perspektive man es betrachtet. Eigentlich sind das einfach einzelne Grundstücke, auf denen Wolkenkratzer errichtet wurden, ohne sie alle in einem komplexen Planungssystem zu vereinigen. Das ist aber notwendig. Und so gesehen ist es eine absolute Sublimierung eines erfolgreichen Finanzzentrums, aber aus einer weiten Perspektive sieht es halt so aus, wie es nun mal aussieht."
Darf man die Luschkow-Architektur überhaupt bewerten?
Eigentlich ist es generell falsch, Architektur-Ratings zu erstellen. Wir können uns nicht auf die Meinung der Mehrheit stützen, wenn wir solch eine Bewertung versuchen. Aber mit der Luschkow-Architektur ist das möglich. Sie wurde ja geschaffen, um Begeisterung hervorzurufen, und aus diesem Grund kann man sie auch bewerten, beispielsweise daran, wie oft sie in der Presse zitiert wird.
Dasha Paramonova
Architektin, Strelka Institute
Text
  • Goldenberg Vitaly
  • Interview mit Dasha Paramonova, Architektin, Strelka Institute
Foto
  • Sputnik
  • Prisma
Design
  • Maxim Kataev