03:19 24 August 2017
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    Hans-Dietrich Genscher und Helmut Kohl in UdSSR

    Frank Elbe zu Helmut Kohl: Vorbildlicher Europäer, empathischer Staatsmann

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    Valentin Raskatov
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    Kohls Leistung war es, Deutschland als Nationalstaat für Europa unbedrohlich zu gestalten und sich für eine Erwärmung in der Ostpolitik einzusetzen. Die Grundlage seines Erfolgs waren Empathiefähigkeit und eine Unbelastetheit von der Vergangenheit. Ein Bild, das der Ex-Topdiplomat und Botschafter Frank Elbe vom verstorbenen Einheitskanzler zeichnet

    Kohl gestaltete Deutschland als europäischen Nationalstaat

    „Er war zweifelsfrei ein großer Staatsmann, ein großer deutscher Staatsführer, aber auch ein bedeutender Europäer“, sagt Elbe im Sputnik-Interview über den Politiker Helmut Kohl. Seine große Leistung läge in der Herstellung der deutschen Einheit, doch sie beschränke sich nicht darauf. Kohl habe es als „vorbildlicher Europäer“ geschafft, die nationale Einheit Deutschlands mit der Einheit Europas parallel laufen zu lassen, ohne dass eine von beiden Schaden genommen hätte.

    Er habe bei den Partnern kein Gefühl der Bedrohung durch die Wirtschaftsmacht Deutschland aufkommen lassen. Jederzeit sei dabei deutlich gewesen, „dass wir ein europäisches Deutschland anstreben und kein deutsches Europa – eine Mahnung, die uns Thomas Mann auf den Weg gegeben hat.“

    So würden sich dank Kohl Spannungen innerhalb Europas mit Deutschland höchstens auf Neid oder Missgunst im Hinblick auf die Wirtschaftskraft beschränken. Doch Furcht gebe es keine: „Luxemburg ist einer der kleineren Partner der europäischen Union und unser Verhältnis zu Luxemburg ist völlig intakt“, führt Elbe aus. „Es ist intakter als es vielleicht in Warschau oder in London oder der gegenwärtigen Führung von Herrn Kaczyński oder Frau May ist.“

    Kohl setzte sich für eine freundschaftliche Ostpolitik ein

    Zu Kohls Leistungen zählt für Elbe auch dessen Einsatz für eine anhaltende Ostpolitik, die sich nicht nur auf den Zeitpunkt der Einheit beziehe: „Es ist auch bemerkenswert und eine große Leistung von Helmut Kohl, dass er Ende der 70er Jahre den Versuch unternommen hat, seine Partei, die ausgesprochen skeptisch gegenüber der Ostpolitik der früheren Bundesregierung Brandt-Scheel war, zu versöhnen mit den Vorstellungen, dass wir diesen Weg auch in der Zukunft zu gehen haben.“ Nach dem Putschversuch von 1972 gegen Willy Brandt als Oppositionsführer der Union sich für eine erwärmende Ostpolitik einzusetzen, sei deswegen eine große Leistung gewesen. Die deutsche Einheit sei „die Krönung dieser Entwicklung und nicht der Neubeginn eines Verhältnisses zur Sowjetunion und später zu Russland“ gewesen. Durch sein persönliches Auftreten habe Kohl auch die Grundlage für weitere Entwicklungen geschaffen, darunter die Vereinbarung der Charta von Paris.

    „Ich glaube“, fügt Elbe hinzu, „dass Kohl ähnlich wie Gorbatschow schon die Vorstellung von einem gemeinsamen europäischen Haus verinnerlicht hatte.“

    Erfolgsrezept des Einheitskanzlers: Sympathie und Freundschaft

    Dass Kohl so viel anstoßen konnte und dass er sich als Kanzler einer großen Beliebtheit erfreuen konnte, führt Elbe auf sein Auftreten zurück: „Das Geheimnis seines Erfolgs sehe ich in seiner starken Persönlichkeit, in seiner Fähigkeit, Freundschaften zu schließen. Wie ich ihn erlebt habe, war er ein Mensch, der beim Betreten eines Raums, schon in einem räumlichen Sinne sehr viel ausfüllte, aber nicht erschreckend war, sondern ganz im Gegenteil: Sympathie und Vertrauen auf sich ziehen konnte“, so Elbe. Kohl hätte über viel Empathie verfügt, er hätte sich in andere hineinversetzen können, was für einige Politiker aus jener Zeit galt. In der heutigen Politik bemängelt Elbe demgegenüber das Fehlen dieser Fähigkeit, die Konflikte vermeiden hilft.

    „Ein großartiges Beispiel für Empathie wurde sichtbar in der Kubakrise, als Kennedy und Chruschtschow zur Vermeidung einer nuklearen Katastrophe jene Bereitschaft zeigten, sich auch mal in die Schuhe des anderen zu stellen, die Dinge mit seinen Augen zu sehen. Diese Empathie hatten wir auch während des Prozesses der deutschen Einheit“, sagt Elbe dazu. Das Dilemma in der heutigen Außenpolitik – vor allem in den deutsch-russischen Beziehungen – könne man darin sehen, dass es einen solchen Politikertypus nicht mehr gebe.

    Diese Eigenschaften habe Kohl auch als Mensch besessen, wenn er sich etwa bei Frank Elbe meldete. Denn obwohl die Beziehungen zu Kohl etwas komplizierter gewesen seien, weil Elbes Chef Hans-Dietrich Genscher einer anderen Partei angehörte, sei der Ton Kohls in Telefonaten mit Elbe „ungeheuer jovial, fast kumpelhaft“ gewesen.

    Grundstein für Kohls Politik: Die „Gnade der späten Geburt“

    Einen eigenen Begriff hatte Helmut Kohl mit der „Gnade der späten Geburt“ geprägt, der Ansicht Elbes zu Unrecht teilweise mit Häme von der Gesellschaft aufgenommen wurde.

    „Gnade der späten Geburt meinte“, sagt Elbe „hier stand am Ende des Krieges ein 15-Jähriger und blickte auf das Trümmerfeld Deutschlands. Ihm wurde klar, was im deutschen Namen geschehen war und was wir Deutschen zu tun haben, um wieder aufgenommen werden zu können in die europäische Gemeinschaft.“

    Wenn man sich von diesen Erfahrungen leiten lasse und seine Politik entsprechend gestalte, dann sei es völlig legitim von einer „Gnade der späten Geburt“ zu reden. Denn es habe sich bei Kohl um jemanden gehandelt, der „nicht belastet war von dem, was vorher war“. „Ich habe damals die Auseinandersetzung über diesen Begriff für verwerflich gehalten und ich bin froh, dass ich meine Ansicht aus Anlass seines Todes in dieser Art und Weise zum Ausdruck bringen kann“, sagt Elbe abschließend.

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    Tags:
    Ostpolitik, Nachruf, Wiedervereinigung, Tod, Helmut Kohl, Frank Elbe, Deutschland
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