11:11 14 November 2019
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    Unwetter in Koblenz (Archivbild)

    Sintflutregen und „Migration biblischen Ausmaßes“ – Experten zum Wetter (mit VIDEO)

    CC BY 2.0 / mLu.fotos / Lightnings over Koblenz
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    Die enormen Unwetter über Deutschland hängen mit dem Klimawandel zusammen und werden sich in Zukunft noch weiter häufen – darin sind sich Experten einig. Aber die schlimmsten Folgen hat der Klimawandel nicht bei uns, sondern in Afrika und das könnte gewaltige Migrationswellen zur Folge haben.

    Extreme Hitzewellen, mit sintflutartigen Regenfällen im Wechsel, überziehen das Land. Die Folgen waren erst am Mittwoch wieder zu sehen, als es in vielen Teilen Deutschlands zu verheerenden Überschwemmungen kam:

    Für Prof. Thomas Stocker vom Physikalischen Institut für Klima- und Umweltphysik der Universität Bern ist es keine Frage: Diese Vorfälle hängen mit dem Klimawandel zusammen. Zwar sei es nicht möglich, einzelne Wetterphänomene dem Klimawandel direkt zuzuordnen, aber in ihrer Verteilung passen sie insgesamt doch in das Bild, das Klimaforscher voraussagen.

    Und die Prognose ist nicht gerade angenehm: Bei der in Paris beschlossenen Begrenzung der Erderwärmung um maximal zwei Grad, sollen die Hitzeperioden weiter zunehmen, wie Klimaforscher Professor Mojib Latif vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel berichtet. Auch der Meeresspiegel wird weiter steigen. Seit 1900 hat dieser sich bereits um 20 Zentimeter angehoben. Aber: „Es kann durchaus sein, dass wir einen Meter dazubekommen bis Ende des Jahrhunderts“, so Latif.

    Doch zunehmende Hitzewellen und Platzregen sind nicht das einzige, was die Forscher vorhersehen. Die schlimmsten Folgen hat der Klimawandel, den die Industrienationen verursachen, nämlich nicht in Europa oder den USA, sondern in Afrika, denn Ursache und Wirkung sind Latif zufolge beim Einfluss des Menschen auf das Klima „zeitlich und räumlich entkoppelt.“ Die Folgen treten erst spät auf und dann auch nicht immer dort, wo die Stoffe freigesetzt werden, sondern eben zum Beispiel in Afrika. Dort steigen die Temperaturen immer weiter und befeuern sprichwörtlich die Fluchtbewegung in den kühleren Norden. Latif sagt eine „Migrationsbewegung biblischen Ausmaßes“ vorher, wenn sich nicht bald etwas ändert.

    Und ändern kann sich das Ganze noch, auch darin sind sich die Forscher einig. Mit dem Pariser Klimaabkommen sei man gut aufgestellt, so Stocker, im Abkommen sei aber nur das Ziel formuliert und nicht das Problem schon gelöst. Es bedürfe noch „massiver Maßnahmen.“

    In Deutschland zum Beispiel gibt es nach Latif drei Hauptbereiche, in denen CO2 ausgestoßen wird: Energie, Verkehr und Landwirtschaft. Und in keinem der Bereiche komme Deutschland wesentlich voran. Wichtig sei es aber die Verbrennung von Kohle zu reduzieren, die E-Mobilität zu stärken und den Verkehr von der Straße weiter auf die Schiene zu verlagern.

    Nach Technologien wie Climeworks befragt, die Treibhausgase aus der Luft filtern sollen, sagt Prof. Stocker: „Ich glaube nicht, dass wir in der nächsten Zeit in der Lage sein werden, die Skalierung auf globale Größen herzustellen und somit einen namhaften Beitrag zur Reduktion der CO2-Konzentration in der Atmosphäre zu erreichen.“

    Auch anderen Maßnahmen, die unter Geoengineering fallen, steht er kritisch gegenüber: Unkontrollierte Veränderungen könnten die Folge sein, es handle sich um eine gefährliche Sache. „Was ernsthaft diskutiert wird, ist die Ausbringung von Sulfat-Partikeln auf eine Höhe von 10 Kilometern in der Atmosphäre“, fügt Stocker hinzu. Diese Maßnahme solle zu einer Abkühlung führen. Damit wären aber andere Folgen des Klimawandels nicht behoben, wie die Versauerung der Ozeane.

    Also lieber das Problem bei der Wurzel packen und weiter die Emissionen senken – sind sich die Forscher einig. Und solange man an der Lösung arbeitet, wird man sich an zunehmende Wetterextreme – auf dieser Erde zumindest – gewöhnen müssen.

    Valentin Raskatov

    Das komplette Interview mit Thomas Stocker zum Nachhören:

    Das komplette Interview mit Mojib Latif zum Nachhören:

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    Tags:
    Migration, Klimawandel, Forschung, Abkommen, Klima, USA, Deutschland