06:01 08 Dezember 2019
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    Notruf per App – Nur veräppelt oder echte Hilfe im Notfall?

    © Foto : Omnia
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    Den amtlichen Notruf 110 kann die App „Omnia“ nicht ersetzen, aber Sicherheit in unsicheren Situationen geben. Das sagen zumindest die Berliner Entwickler. Die Polizei sieht die App kritisch und befürchtet Folgen bis hin zur Paralleljustiz.

    Eine Frau steht nachts an einer U-Bahn-Haltestelle. Und da ist dann noch dieser komische Typ, der sie vor wenigen Minuten angesprochen hat. Sie hat nichts geantwortet und er wirft immer wieder komische Blicke in ihre Richtung. Als er aufsteht und in ihre Richtung wankt, hält sie es nicht aus und drückt auf ihrem Smartphone-Bildschirm einen Knopf. Für jeden in ihrer Umgebung wird nun sichtbar, dass jemand in der näheren Umgebung Hilfe benötigt. Eine Person bietet sich als Helfer an, erhält die Koordinaten und kommt zum Bahnhof – wo sich vielleicht schon alles von selbst wieder gelegt hat.

    Alarm abschicken per einfachen Knopfdruck
    © Foto : Omnia
    Alarm abschicken per einfachen Knopfdruck

    So soll die Berliner App „Omnia“ funktionieren, wie die Entwickler erklären. Sie soll Nutzern helfen, sich untereinander zu vernetzen und einander in Notsituationen Hilfe zu leisten. Dabei lässt sich beim Alarm angeben, ob es sich zum Beispiel um Belästigung, ein Verbrechen oder etwas Gesundheitliches handelt. Alternativ kann eine Nachricht nur an ausgewählte Kontakte versandt werden. Und zur „Not“ lässt sich der Notruf direkt im Anschluss tätigen.

    So praktisch dieses Konzept klingt, der Polizei gefällt es gar nicht. Diese App sei „kritisch zu bewerten“, sagte Virginie Wegner, Pressesprecherin des hessischen Landeskriminalamts (LKA), gegenüber Sputnik. Apps wie „Omnia“ behinderten zum einen die Polizei bei der Arbeit und könnten zum anderen Selbstjustiz begünstigen. Die könne nach hinten losgehen:

    „Wenn Menschen selbst die Dinge in die Hand nehmen möchten und ein Stück weit Polizei spielen, dann besteht die Gefahr, dass sie sich selbst strafbar machen können.“ Ihr Ratschlag: „Wer verdächtige Beobachtungen macht, sich in Gefahr befindet, Opfer einer Straftat wird oder diese beobachtet, sollte immer zuerst den Notruf der Polizei wählen.“

    Laurin Hager, Mitgründer und Vertreter von „Omnia“, betonte im Gespräch mit Sputnik, dass die App – die mit „Notruf 2.0“ Werbung macht – nicht den Notruf ersetzen solle. Sie sei „sicherlich nicht für ganz schwerwiegende Straftaten gedacht“.

    „Leichte Belästigungen, das Gefühl, verfolgt zu werden, leichte medizinische Sachen und kleinere Verbrechen“, nannte Hager als Beispiele, in denen die App sinnvoll sein könne.

    Ein leichter Sturz ist ein Fall für den Omnia-Helfer
    © Foto : Omnia
    Ein leichter Sturz ist ein Fall für den Omnia-Helfer

    Was aber, wenn über „Omnia“ ein Vorfall erfunden wird und ein wütender Mob losläuft, um die angeblichen Täter zu bestrafen? Wie kann Lynchjustiz verhindert werden? „Ganz vom Missbrauch kann man keine App absichern“, sagte Hager dazu. Bei jedem Alarm müsse die Identität nachgewiesen werden. Damit wüsste die App stets von welcher Nummer und von welchem Nutzer ein Alarm ausgegangen war. Das würde die Nachforschungen im Missbrauchsfall erleichtern.

    „Omnia“ bedeutet übersetzt „Alle“. Sicher wünschen sich die Entwickler, dass möglichst alle Bürger die App auf ihren Smartphones installieren. Aber für alle Situationen ist sie nicht geeignet. Auf Nummer sicher bleibt man in verdächtigen Situationen nur mit der 110.

    Valentin Raskatov

    Das komplette Interview mit Laurin Hager von „Omnia“ zum Nachhören:

    Das komplette Interview mit Virginie Wegner vom hessischen Landeskriminalamt zum Nachhören:

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    Tags:
    sexuelle Belästigung, Übergriffe, Polizei, Bewertung, U-Bahn, App, Nothilfe, Berliner Landeskriminalamt (LKA), Deutschland