00:23 21 November 2018
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    Deutschland bleibt Glasfaser-Entwicklungsland – Was muss besser gemacht werden?

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    Bei der Breitbandinfrastruktur sieht Deutschland relativ alt aus. Die Telekom setzt weiterhin auf das kostengünstigere Vectoring. Wettbewerber und Opposition sprechen von einer Technik ohne Zukunft und fordern im Sputnik-Interview, dass die Politik endlich auf 100 Prozent Glasfaser setze, sonst würde man weiterhin den Anschluss verpassen.

    Laut einer Rangliste des Fibre to the Home Council Europe (FFTH) liegt Deutschland auf dem vorletzten Platz in Europa was Glasfaservernetzung angeht. Die Durchdringungsrate hierzulande beträgt  1,6 Prozent. EU-Schnitt ist 9,4 Prozent. Russland liegt bei 34 Prozent und damit auf dem vierten Platz. Platz eins fällt an Lettland. Mit 45,2 Prozent erreicht die Glasfaserversorgung fast jeden zweiten Haushalt in Lettland. Die Bundesspitzenkandidatin und Sprecherin für Digitales der Piratenpartei Anja Hirschel moniert im Sputnik-Interview:

    „Bisher wurde viel zu wenig getan. Wir sind im Ranking immer weiter abgerutscht. Es ist in anderen Ländern üblich, dass überall mobil Long Term Evolution (LTE) verfügbar ist. Bei uns wird es dann in manchen Metropolregionen als Leuchtturmprojekt hoch gehypt, während andere Länder nur den Kopf schütteln und sagen, das ist ja unfassbar. Selbst die Schweizer schütteln schon den Kopf und wundern sich, dass auch in den Zügen nicht durchgängig gutes Internet verfügbar ist. Für einen Industriestandort wie Deutschland ist es eigentlich eine Peinlichkeit, wie wir uns da weltweit präsentieren.“

    BREKO ist der Name des Bundesverbandes Breitbandkommunikation e.V. Der Branchenverband soll die Interessen der ihm angehörenden über 270 Telekommunikationsunternehmen wahrnehmen, die eine eigene Infrastruktur der Sprach- und Datendienste anbieten und im Wettbewerb zur Deutschen Telekom stehen.

    Man habe einen gewissen Ausbaustand erreicht, sagt der BREKO-Sprecher Marc Kessler im Sputnik-Interview, aber hänge in puncto Glasfaserausbau im internationalen Vergleich ganz sicher hinterher. Der Status sei auch für den Verband nicht zufriedenstellend. Als Schuldige nennt Kessler die Deutsche Telekom. Das größte europäische Telekommunikationsunternehmen ist immer noch marktbeherrschend. Er erläutert:

    „Die Telekom hat nach wie vor über 80 Prozent bei den Anschlüssen. Naturgemäß investiert sie am liebsten in ihre lange abgeschriebene Infrastruktur, das sind Kupferleitungen. Das Problem an der Sache ist, dass diese antiken Kupferleitungen nicht zukunftssicher sind. Die Technologien, die darauf aufbauen — also VDSL-Vectoring und Supervectoring — werden die künftigen Bandbreiten und Qualitätsanforderungen, die Wirtschaft und Bürger brauchen, nicht erfüllen können.“

    Im Gegensatz zur Telekom würden die Wettbewerber der Telekom verstärkt auf Glasfaser setzen, so Kessler. Von den Glasfaseranschlüssen, die es heute schon gibt, bauen sie 80 Prozent, davon sind gut 60 Prozent Mitglied vom BREKO. Kessler erklärt:

    „Wir sagen, Deutschland braucht Glasfaser bis in jedes Haus, oder jedes Unternehmen — als Grundlage. Das ist alternativlos, weil die Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft nicht aufzuhalten ist. Wir brauchen also Glasfaseranschlüsse überall dort, wo es wirtschaftlich zu bauen ist — das passiert ja schon. Da, wo es nicht wirtschaftlich gebaut werden kann, brauchen wir Fördermittel. Wir brauchen insgesamt vor allem die richtigen Rahmenbedingungen und da kommt die Politik, die Bundesregierung ins Spiel.“

    Der Bundesverband Breitbandkommunikation e.V. fordert von der Bundesregierung ein Glasfaserinfrastrukturziel. Für BREKO heißt dieses Ziel, Deutschland müsse bis 2025 flächendeckend Glasfaseranschlüsse bis in alle Gebäude bekommen. Dafür hat der Verband  einen eigenen Aktionsplan vorgelegt, den sogenannten "Aktionsplan Glasfaser".  In dem Plan sind die für den BREKO wichtigen und zentralen Punkte alle genannt. Kessler betont:

    „Im Grunde wollen wir, dass man sich nur auf Glasfaser konzentriert, auch bei der Finanzierung. Wo kommt das Geld her? Der Staat hat heute an der Telekom immer noch fast 32 Prozent der Anteile. Wenn man die verkaufen würde, dann käme man nach aktuellen Zahlen ungefähr auf 25 Milliarden Euro, die sich auf dem Weg einnehmen ließen. Das würde den Bundeshaushalt in puncto Breitbandausbau ziemlich entlasten.“

    Das wäre wahrscheinlich nötig. Anja Hirschel meint, dass Glasfaser für ganz Deutschland um die 70 bis 80 Milliarden Euro kosten würde. Die Piraten fordern, dass der Staat bei der Infrastruktur eingreift und die Förderungen nicht direkt an Firmen vergebe, sondern an die Kommunen. Dieses Modell werde gerade in Schweden praktiziert und funktioniere gut. Außerdem fordert Hirschel, dass moderne Techniken, wie Mikro-Trenching, eingesetzt werden. Als Beispiel berichtet sie von einem 1000-Einwohner-Ort auf Sizilien in dem innerhalb von drei Tagen Glasfaserkabel komplett verlegt wurden.

    Die Piratenpolitikerin warnt allerdings:

    „Im Moment wird die Netzneutralität wieder neu aufgerollt und es wird bereits darüber diskutiert ein Zweiklassennetz einzuführen, eins für Konsumenten und eins für den sogenannten Industriestandard. Da werden wieder Dinge miteinander vermischt, die nur indirekt etwas miteinander zu tun haben. Gleichzeitig schadet es wiederum der Neutralität des Netzes."

    Bolle Selke

    Die kompletten Interviews zum Nachhören:

    Anja Hirschel:

    Marc Kessler:

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