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    Fake-Ehefrauen in China: Das Geschäft mit der Einsamkeit

    © AFP 2019 / Isaac Lawrence
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    Nicht nur in Russland fühlen junge Menschen den gesellschaftlichen Druck, eine Familie zu gründen. In China ist sogar eine ganze Industrie entstanden, die Teilzeit-Ehepartner verleiht. Auf speziellen Webseiten kann man nach Angaben von Reuters Menschen finden, die sich dazu bereit erklären, sich vor den Eltern des Kunden als Partner auszugeben.

    Nach einem Universitätsabschluss bleiben viele junge Chinesen in den großen Städten, um zu arbeiten. An den Feiertagen fahren sie zu ihren Verwandten, die ihnen permanent vorhalten, keine Familie gründen zu wollen.

    An langen Feiertagen, wenn die Nachfrage besonders groß ist, können die „Mietpartner“ bis zu 10.000 Yuan (knapp 1280 Euro) am Tag verdienen. Diese müssen aber entsprechende Anforderungen erfüllen: Die „Gemieteten“ müssen mitunter nicht nur eine Massage verrichten  können, Mahjong spielen und ein Gespräch in Gang halten, sondern auch dazu in der Lage sein, sich für eine Person mit einem bestimmten Bildungshintergrund auszugeben. Um sich auf solche Fälle vorzubereiten, brauchen sie jedoch wesentlich mehr Zeit. Dabei ist Sex in den Vertragsverpflichtungen nicht inbegriffen.

    Zao Yukin — ausgebildete Juristin — hat sich dazu entschieden, sich als „Fake-Partner“ für einsame junge Männer zu versuchen. Diese Erfahrung schien für sie interessant zu sein, deshalb hat sie nur darum gebeten, ihr den Weg bis zum Haus des Kunden zu bezahlen. Aus 700 Männern wählte sie den Web-Administrator Wong Kwan Ming, der knapp über 30 Jahre alt war. Vor der Reise haben Zao und Wong sich eine Geschichte zu ihrer „langen Beziehung“ ausgedacht und die Bedingungen des Vertrags besprochen: keine Küsse, kein Sex oder Alkoholkonsum. Die Frau hat sich aber einverstanden erklärt, der Mutter von Wong im Haushalt zu helfen.

    Die Mutter des Mannes hat sich sehr über ihren Besuch gefreut und dabei offenbar keinen Verdacht geschöpft. Wong war zufrieden damit, wie alles ablief. Zao räumte aber ein, Schuldgefühle zu haben, weil sie die Verwandten des Kunden betrogen hat.

    „Das Leben auf dem Land hat seine Besonderheiten“, meint Zao. „Dort stoßen die Menschen auf die stärkere Notwendigkeit zu heiraten, deshalb tun sie sich mit der Suche nach einem passenden Partner viel schwerer“. Darüber schrieb sie in ihrem Blog, und Wong zeigte diesen Beitrag seiner Mutter.

    Nachdem diese vom Betrug erfahren hatte, räumte sie ein, sich nicht über ihren Sonn geärgert zu haben: „Ich bin 50 Jahre alt, und ich verstehe manchmal nicht, was die Jugend so anstellt, aber ich ärgere mich nicht über sie". Jedoch hofft sie nach wie vor, dass ihr Sohn eine echte Frau finden wird.

    Von der großen Nachfrage nach diesen Dienstleistungen zeugen die Zahlen. Derzeit wird die iOS-App Hire Me PLZ von 700.000 Usern genutzt. Auf der offiziellen Seite des chinesischen sozialen Netzwerks WeChat sind 1,7 Millionen Benutzer registriert.

    Ursprünglich war dieser Service darauf ausgelegt, weit weg von zu Hause lebenden jungen Männern dabei zu helfen, ihre Einsamkeit zu überwinden. Neben dem allen Großstädtern bekannten Problem des Zeitmangels stoßen die Chinesen noch auf einen weiteren Umstand: die ungleiche Geschlechterverteilung, die auf die sogenannte Ein-Kind-Politik zurückzuführen ist. In China beträgt sich derzeit das Geschlechterverhältnis bei Jungen und Mädchen bei der Geburt 1,15:1. Im Alter von 25 bis 54 Jahren liegt es bei 1,04:1. Das bedeutet, dass das Problem zukünftig noch akuter sein wird.

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    Tags:
    Einsamkeit, Unternehmen, Miete, Frau, fake, China