12:33 18 Dezember 2018
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    Mann in einem Bademantel (Symbolbild)

    Schweiz: Sonderregeln für Juden in Hotel nur „unglückliche Kommunikation“?

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    Schweizer Tourismus-Verbände sprechen von „grobem Fehler“, sehen aber „keinen diskriminierenden Hintergrund“: Ein Hotel in Arosa (Schweiz) hat kürzlich jüdische Gäste aufgefordert, sich vor dem Schwimmen im Pool zu duschen, und Zeiten für koscheres Essen per Aushang geregelt. Das Simon-Wiesenthal-Zentrum fordert, das Hotel zu schließen.

    „Das ist ein bedauerlicher isolierter Einzelfall“, erklärte Markus Berger, Kommunikationschef von „Schweiz Tourismus“, gegenüber Sputnik zur der Hotel-Aufforderung an jüdische Gäste, vor dem Baden zu duschen. „Das ist ein unverzeihlicher Fehler. Die Form, wie da gewisse Regelungen für die Benutzung des Pools in dem Apartment-Hotel kommuniziert worden sind, die war falsch. Das ist zu verurteilen. Auch der Aushang mit Informationen zum koscheren Essen scheint ein allgemeines Hinweisschild mit Uhrzeiten und Zeitenregelungen gewesen zu sein. Wann dürfen die Gäste zum Kühlschrank gehen, wann nicht. Das ist alles unnötig gewesen, das Hotel hätte einfach einen allgemeinen Zeitplan angeben können.“ Es sei sicher eine „unglückliche Kommunikation“ gewesen, so Berger, jedoch „ohne diskriminierendem Hintergrund.“ „Schweiz Tourismus“ ist die nationale Tourismus- und Marketing-Organisation des Alpenlandes.

    Dem Verbandssprecher zufolge haben sich die Verantwortlichen mittlerweile entschuldigt.

    „Das Schild ist nun abgenommen, die Leute des Hotels haben es eingesehen. Das ist mittlerweile korrigiert.“

    Aber der Fall sei insofern nicht abgeschlossen, da „es mal wieder ein Hinweis darauf ist, wie sensitiv unsere Tourismusbranche mit verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen umgehen muss. In dieser Richtung ist unser Verband auch stark bemüht und sensibilisiert. Wir müssen da weiterhin an der Qualität arbeiten.“ Er denke allerdings nicht, dass der Ort nach dem Vorfall bei seinen vielen jüdischen Gästen an Attraktivität einbüßen werde.

    Deutsche Übersetzung zum Bild: „Für unsere jüdischen Gäste – Frauen, Männer und Kinder: Bitte duschen Sie vor und nach dem Schwimmen. Falls Sie diese Regeln brechen, bin ich gezwungen, den Swimming Pool für Sie zu schließen. Danke für Ihr Verständnis.“

    Hotel-Managerin: „Ich habe kein Problem mit jüdischen Gästen“

    Arosa ist ein Ferien- und Erholungsort im Kanton Graubünden in der Schweiz. Medienberichten zufolge fotografierte eine ultraorthodoxe Familie aus Israel das anstößige Schild in dem Hotel „Aparthaus Paradies“. Damit wurden jüdische Gäste aufgefordert, vor und nach dem Schwimmen zu duschen. Andernfalls werde ihnen der Zutritt zum Pool verweigert. Die Familie hatte sich empört an Medien gewandt. „Es ist seltsam“, zitierten Schweizer Medien den Vater der Familie, „es gibt eine wirklich nette Gruppe jüdischer Gäste aus der ganzen Welt hier. Alle sind sehr respektvoll. Das ist sehr verwirrend. Das ist Antisemitismus, den wir so noch nie zuvor erlebt haben.“

    Hotel-Managerin Ruth Thomann hat den Informationen nach das Schild anbringen lassen. „Ich gebe gegenüber Medien keine Auskunft mehr“, erklärte sie auf Sputnik-Nachfrage. Zuvor hatte sie der Nachrichtenagentur DPA erklärt: „Nachher ist man immer schlauer.“ Sie bedauere die Formulierung auf dem Schild. Inzwischen hänge am Pool nur die allgemeine Badeordnung, die alle Gäste zum Duschen auffordere. „Ich habe kein Problem mit jüdischen Gästen, wirklich nicht“, erklärte sie später gegenüber dem israelischen Nachrichten-Portal Jerusalemonline.com. „Wenn ich Probleme mit jüdischen Gästen hätte, würde ich keine im Hotel akzeptieren. Ich hing das Schild auf, weil ich jüdische Gäste an einem Samstagmorgen zum Pool kommen sah, die zuvor nicht geduscht hatten. Und ich dachte mir: Wenn sie das Hinweisschild zur allgemeinen Badeordnung nicht sehen, das zeigt, wo die Duschen sind, muss ich wohl ein größeres Schild aufstellen.“

    Arosa: Beliebtes Touristen-Ziel bei Touristen aus Israel

    Der regionale Verband „Arosa Tourismus“ kündigte „klärende Gespräche“ mit dem Hotel-Management an. Verbandssprecherin Yvonne Wüthrich von „Arosa Tourismus“ sagte auf Nachfrage: „Wir werden den zuständigen Personen im Hotel mitteilen, dass das Verhalten falsch war und nicht die Offenheit, Herzlichkeit und Dienstleistungsbereitschaft der Destination Arosa widerspiegelt.“ Wüthrich betonte, dass die Hotelmanagerin eine „gern gesehene, zuvorkommende und freundliche Vermieterin“ sei, die ihr Handeln „selbst als naiv und unbedacht“ bezeichnete. „Sie hat sich öffentlich entschuldigt und das entsprechende Schild auch unmittelbar nach der ersten Gäste-Rückmeldung vor Ort wieder entfernt.“

    Den Angaben des Verbandes zufolge sind circa ein Prozent aller Touristen in der Schweiz jüdischen Glaubens, darunter auch viele orthodoxe Juden aus Israel, Großbritannien und den USA. Die Verbandsprecherin hob hervor: „Nach diesem groben Fehler mit den jüdischen Gästen müssen wir noch bewusster agieren und zeigen, wie dankbar und glücklich wir über den Besuch von Gästen sind. Wir werden einen separaten Workshop organisieren, in dem wir den Umgang mit verschiedenen Gästegruppen thematisieren werden. Wir werden in Zusammenarbeit mit dem jüdischen Dachverband der Schweiz Informations-Grundlagen für einen respektvollen Umgang mit jüdischen Gästen erarbeiten.“

    Wiesenthal-Zentrum macht Druck auf Schweizer Justizministerium

    Shimon Samuels, der Direktor für Internationale Beziehungen am Simon-Wiesenthal-Zentrum mit Sitz in Paris, forderte nach Medienangaben vom Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement, dem Schweizer Justizministerium, den Vorfall juristisch zu untersuchen. Das Zentrum, das sich laut Eigenaussage gegen Rassismus und Antisemitismus einsetzt, forderte auch, das Hotel zu schließen. „Wir prüfen momentan das Schreiben und können von daher aktuell noch keinen Kommentar abgeben“, sagte Philipp Schwander, Sprecher des Justizdepartements, gegenüber Sputnik.

    Der Zentralrat der Juden in Deutschland wollte den Fall nicht kommentieren. Eine Sprecherin des Zentralrats erklärte auf Sputnik-Nachfrage: „Da es sich um einen Vorfall in der Schweiz handelt, möchten wir Sie bitten, sich an den Dachverband der jüdischen Gemeinden in der Schweiz, den Schweizerisch-Israelitischen Gemeindebund, zu wenden.“ Lea Bloch, stellvertretenden Leiterin für Kommunikation und Information beim Schweizerisch-Israelitischen Gemeindebund, erklärte daraufhin:  „Für uns ist der Fall inzwischen angeschlossen und wir nehmen keine Stellung mehr.“

    Alexander Boos

    Das Interview mit Markus Berger vom Verband „Schweiz Tourismus“ zum Nachhören:

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    Tags:
    Aufforderung, Schwimmbad, Hotel, Antisemitismus, Tourismus, Schweiz, Israel