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05:09 24 Juli 2019
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    Wolfgang Gehrcke

    „Feindschaft zu Russland ist nicht gefragt“ – MdB Gehrcke mit Buchpremiere

    CC BY-SA 2.0 / DIE LINKE / IMG_6451
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    Der Bundestagsabgeordnete der Partei Die Linke Wolfgang Gehrcke hat ein Buch geschrieben über das Verhältnis zwischen Deutschland und Russland. Er kritisiert vertane Chancen und weist auf die historische Verbundenheit der beiden Länder hin. Die Zukunft sieht Gehrcke in einem eurasischen Raum.

    Herr Gehrcke, es erscheinen viele Bücher über Russland. Was unterscheidet ihr Buch „Deutschland und Russland – wie weiter?“ von den anderen?

    Wir haben versucht, mit verschiedenen Russlandexperten der Frage auf den Grund zu gehen, warum die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland so schlecht geworden sind. Nach der deutschen Vereinigung, die es ohne die Zustimmung der damaligen Sowjetunion nicht gegeben hätte, konnten doch alle zufrieden sein. Man hat abgerüstet und der damalige Verteidigungsminister Volker Rühe hatte sogar vorgeschlagen, dass Russland Mitglied der Nato wird. Dann wurde allerdings von Seiten der USA kräftig reingelangt. Diese Hintergründe finden Sie in anderen Büchern vielleicht nicht so ausgeprägt.

    Was ist denn so besonders an dem Verhältnis Deutschlands zu Russland?

    Die beiden Länder hatten in der Geschichte schon immer ein besonderes Verhältnis. Und dazu gehört natürlich auch das Verbrechen des faschistischen Krieges, das in Westdeutschland lange verdrängt wurde. Wenn man an Deutschland und Russland denkt, muss man auch immer "Nie wieder Krieg" denken. In dem Zusammenhang empfand ich es als sehr unangenehm und peinlich, als Frau Merkel anlässlich des 75. Jahrestages des Überfalls auf die Sowjetunion nicht nach Moskau gereist ist. Sie hätte mit einem Kranz und dem Versprechen, dass Deutschland nie wieder Krieg gegen Russland führen wird, dort sein müssen.

    Würden Sie den Beginn der Verschlechterung des Verhältnisses Deutschland-Russland zeitlich bei der Ukraine-Krise verorten oder liegen die Ursachen tiefer?

    Nein, das begann schon wesentlich früher. Ich glaube, dass die USA sehr daran gearbeitet haben, die Beziehung kaputtzumachen. Die USA hatten kapiert, dass, wenn es zu einer Zusammenarbeit zwischen der Europäischen Union und der Eurasischen Union kommt, sich die Kräfteverhältnisse in der ganzen Welt verschieben. So kam es zu Druck der USA auf die EU und Deutschland und zu einer Ermunterung der üblen Kräfte in Kiew. Es ging um geostrategische Fragen. Die USA sind nicht mehr die alleinige Weltmacht. Aber der angeschlagene Tiger ist besonders gefährlich.

    Wie schätzen Sie das Image Russlands in Deutschland ein – beim Volk, in der Politik, in der Wirtschaft und in den Medien?

    Es gibt immer zwei Seiten. Die nach wie vor positive Grundstimmung gegenüber Russland in der Bevölkerung in Deutschland berührt mich. Leider kann man hier noch nicht von einer Freundschaft zu Russland sprechen, aber man wünscht sich eine gute Nachbarschaft. Das ist schon viel wert. Und das sollte man auch in die Politik bringen, auch jetzt im Wahlkampf mit dem Motto "Macht uns Russland nicht zu Feinden". Es gibt ja auch zum Glück sehr viele Städtepartnerschaften, Freundschaftsgesellschaften, wissenschaftliche und kulturelle Zusammenarbeit, Volksdiplomatie.

    Negativ ist dagegen, dass ein Großteil der Presse eine hemmungslose Hetze gegen Russland fabriziert. Nach dem Motto "Die Russen sind an allem schuld". Das geht bis hin zu Hysterie, dass die deutschen Wahlen von Moskau entschieden werden. Da ist sogar ein Stückchen Wahrheit dran. Man kann heute Wahlen gewinnen, eben indem man sich für gute Nachbarschaft mit Russland ausspricht. Die Zeiten haben sich geändert. Feindschaft zu Russland ist nicht gefragt.

    Wie kommen wir denn nun wieder raus aus dieser feindseligen Spirale?

    Unterstützer der Bundeskanzlerin Angela Merkel (Archivbild)
    © AFP 2019 / Oliver Berg / dpa
    Von beiden Seiten müssen Initiativen ergriffen werden. Ich finde hier übrigens die Politik des russischen Präsidenten sehr berechenbar. Natürlich macht er eine russische Politik. Was denn sonst? Darauf muss man sich einlassen. Man muss nicht alles gut finden, aber man muss damit umgehen.

    Wenn man raus will aus dieser Irrationalität, dann ist der erste Schritt zu sagen, dass die deutsch-russischen Beziehungen entscheidend für Europa sind. Man sollte als erstes aus den Sanktionen aussteigen, wie es der größte Teil der Wirtschaft ja auch will.

    Wie sehe denn in der Praxis Ihr Idealbild aus? Was wären für Europa Vorteile eines guten Verhältnisses zu Russland? 

    Man könnte noch viel gewaltigere Schritte in Abrüstungsfragen machen. Jetzt gibt es in Europa wieder eine Hochrüstungsspirale, die von der Nato ausgeht. Es ist immer noch unvorstellbar, dass tatsächlich westliche und auch deutsche Soldaten an der Westgrenze Russlands stehen. Auch die kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen könnten noch viel mehr vertieft werden. Auch sollte es eine parlamentarische Zusammenarbeit geben. Dann hätten wir ein anderes Europa, das nicht mehr so geteilt wäre wie heute. Dann würden wir nicht nur von  EU und Nicht-EU sprechen. Zu meinem Bild von Europa gehört auch Russland nicht nur geografisch, sondern auch politisch, wirtschaftlich und kulturell dazu.

    Das Buch „Deutschland und Russland – wie weiter?“ von Wolfgang Gehrcke/Christiane Reymann ist in der Edition Berolina erschienen, Preis: 9,99 €.

    Armin Siebert

    Das komplette Interview zum Nachhören:

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