04:43 21 Oktober 2018
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    Incirlik (Archivbild)

    „USA sind unser Feind“ – Klein-Amerika in Türkei stirbt aus

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    „Klein-Amerika“ heißt das einst belebte Einkaufsviertel von Incirlik. Deutsche und vor allem US-Amerikaner trafen sich dort in den Teestuben und kauften in den kleinen Läden ein. Heute herrscht in dem Viertel gähnende Leere. Ein Sputnik-Korrespondent hat sich in der Geisterstadt umgeschaut und mit den noch gebliebenen Menschen gesprochen.

    20.000 Armeeangehörige waren auf der türkischen Luftwaffenbasis Incirlik einst stationiert. In den angrenzenden Vierteln der gleichnamigen Kleinstadt herrschte Trubel. Heute ist da nichts mehr los, seit die Zahl der Soldaten in Incirlik auf 3.000 geschrumpft ist und sie zudem ihre Freizeit lieber auf dem Stützpunkt verbringen – aus Sicherheitsgründen.

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    Auch ist der Immobilienmarkt in „Klein-Amerika“ eingebrochen: Seit zwei Jahren stehen Wohnungen, die früher von Soldaten gemietet wurden, größtenteils leer – in einigen sind syrische Flüchtlinge untergebracht.

    „Seit zwei Jahren schon dürfen ausländische Soldaten die Basis wegen Sicherheit nicht verlassen. Die Händler in Incirlik leiden darunter sehr“, sagt Zekai Demir, seit 20 Jahren Bäcker.

    „Die Einen haben ihre Läden aufgegeben, die Anderen verdienen jetzt nur die Hälfte. Früher gab es hier mehrere Tausend Händler, heute gibt es nur wenige Hundert. Wer geblieben ist, hat auch nicht viel zu tun. Sie gehen einfach jeden Tag zur Arbeit, ohne Hoffnung auf Einnahmen“, sagt der Bäcker.

    Besonders schlimm sei die Lage seit dem gescheiterten Putsch im letzten Jahr: „Die Soldaten verlassen die Basis überhaupt nicht mehr, sie haben Angst. Es wird ja untersucht, ob die Luftwaffenbasis an dem Putsch beteiligt war. Seit dieser Geschichte gehen unsere Geschäfte noch schlechter“, sagt Demir.

    Auch der Restaurantbesitzer Kadir Amac spürt den Umsatzeinbruch am eigenen Leib. Trotzdem fordert er: „Die Luftwaffenbasis muss geschlossen werden!“ Amac hat einen klaren Standpunkt:

    „Die USA sind uns doch keine Freunde. Sie sind unser Feind. Alle wissen, dass sie alle nur benutzen. Sie schaden uns, während sie in unserem eigenen Land sind. Sie stecken hinter dem Putschversuch und Incirlik wurde dafür benutzt. Ankara spricht da nicht offen drüber, die Regierung hat ihre eigenen Interessen.“

    Man habe mehrmals versucht, die Luftwaffenbasis zu schließen, aber sie gehöre der NATO. Vielleicht werde es eines Tages trotzdem gelingen, hofft er.

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    Ramazan Isik betreibt eine kleine Teestube. Für ihn ist die Lage katastrophal: „Wir sind hier auf der Haupteinkaufsstraße. Früher stand hier kein einziger Laden leer, überall war was los. Heute öffnen die Menschen nur für ein paar Stunden – um die Räume zu lüften.“

    Der Kleinhändler Muhittin Aksu sieht die Regierung in der Pflicht. Sie kümmere sich einfach zu wenig: „Die Verantwortlichen vor Ort interessieren sich für unsere Probleme überhaupt nicht. Deswegen mussten die meisten hier schließen.“

    Angesichts dieser Lage schlägt die Regionalvorsitzende der linksorientierten Vatan-Partei, Selver Kaplan, vor, den Stützpunkt in die türkische Verantwortung zu übergeben: „Wir wollen nicht, dass hier die US-Amerikaner und US-Waffen stationiert sind“, sagt sie. Seit seiner Gründung in den Fünfzigerjahren bringe Incirlik der Türkei und ihren Nachbarländern nur Unglück. Der Stützpunkt sei „die Wurzel des Bösen in der Region“. Die Basis sei bei dem Putschversuch benutzt worden, auch beim Abschuss der russischen Su-24.

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    „Wir sind dagegen, dass sich US-Amerikaner oder Deutsche hier aufhalten, die unserem Land und unseren Nachbarn nichts Gutes wünschen. Wir sind dagegen, dass sie von hier aus auf unserem Territorium rumspionieren“, sagt die Regionalchefin der Vatan-Partei (türkisch für „Heimat“).

    Ihr Kollege vom Regionalbüro der Freiheits- und Solidaritätspartei ÖDP, Hayri Akgün, teilt ihre Auffassung. Dass es Incirlik gibt, „ist nur ein Beweis für die Abhängigkeit der Türkei vom Imperialismus“, sagt er. „Die Basis Incirlik dient imperialistischen Interessen. Dass Flugzeuge von hier aus andere Länder bombardieren, zum Beispiel den Irak, ist ein nicht hinnehmbarer Zustand. Von Freiheit und Unabhängigkeit kann so keine Rede sein. Wir wollen den Stützpunkt schließen und an seiner Stelle einen Freizeitpark eröffnen“, schlägt er vor. Die Probleme der Kleinhändler und Teestubenbesitzer würde dies jedenfalls lösen.

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    leere, Stützpunkt, US-Armee, Incirlik, Türkei