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03:14 21 September 2019
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    Wölfe, Deutschland (Archivbild)

    Der böse Wolf: Märchen oder Realität?

    © AFP 2019 / CARSTEN REHDER / DPA
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    Nützlich für die Natur oder mörderischer Räuber? Beim Thema Wolf scheiden sich in Deutschland die Geister: Die Zahl der Raubtiere wächst. Immer mehr Schäfer klagen über Risse. Sogar Milchkühe stehen auf seiner Speisekarte. Mancherorts scheint selbst der Mensch nicht mehr sicher. Umweltschützer halten dagegen. Eine Spurensuche.

    Seit im Jahr 2000 die ersten Wölfe in Deutschland gesichtet wurden, hat sich die Zahl der Rudel stetig vermehrt. Laut dem Naturschutzbund Deutschland (NABU) gibt es hierzulande mit Stand 1. März 2017 inzwischen 70 Rudel. Die meisten leben demzufolge in Brandenburg (24), gefolgt von Sachsen (18) und Niedersachsen sowie Sachsen-Anhalt (jeweils elf).

    Auf der Speisekarte des Wolfes stehen normalerweise Rehe, Hirsche und Wildschweine. Mittlerweile greifen Wölfe zunehmend Nutztiere an. Seit der ersten Sichtung hierzulande sollen es inzwischen über 3.000 gewesen sein. Das sind vor allem Schafe, aber nicht nur:

    „Die Wölfe reißen Damwild, aber auch Pferde und Rinder“, erklärt Experte Frank Faß. Der Leiter des Wolfszentrums im niedersächsischen Dörverden berichtet von einer bundesweiten Sondersituation im Landkreis Cuxhaven. „Dort hat ein Rudel gelernt, dass Milchkühe als Beute geeignet sind.“

    In der Gegend haben die Wölfe laut Faß bereits 15 junge Kühe gerissen. Einen weiteren Sonderfall gibt es in der Oranienbaumer Heide in Sachsen-Anhalt. Hier hat ein Rudel laut Faß insgesamt acht Konik-Ponys gerissen.

    Greift der Wolf auch Menschen an?

    Überall dort, wo Nutztiere dem Wolf zum Opfer fallen, stellt sich gleichzeitig die Frage, ob der Mensch noch sicher ist. So in der Lüneburger Heide in Niedersachsen: Dort schlägt der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA) Alarm. Die Tourismusbranche befürchtet, wegen der Angst vor den Raubtieren könnten Besucher die Heide meiden. Das berichtet die „Cellesche Zeitung.“ Im Heidekreis reißt ein Rudel regelmäßig  Heidschnucken – zuletzt Mitte August 20 Tiere.

    Kay Krogmann könnte ein Lied vom Wolf singen. Es wäre ein trauriges. Des Schäfers Herde grast auf dem Deich im Landkreis Cuxhaven. Anfang August töteten Wölfe vier seiner Lämmer und verletzten mehrere ausgewachsene Tiere.

    „Das war ein Bild wie bei der Anfangsszene von ‚Der Soldat James Ryan‘“, beschrieb Krogmann gegenüber Sputnik die Szene. „Nur das da keine Menschen herumlagen, sondern Schafe.“

    Der Schäfer möchte den Wolf am liebsten zum Mond schießen.

    Eher greift ein Wildschwein an

    Ein Grizzlybär
    © REUTERS / Jim Urquhart/File Photo
    Er berichtet: „Ich kenne Leute, die lassen ihre Kinder mit dem Fahrrad nicht mehr durch den Wald fahren – aus Angst vor den Wölfen. Wir wollen uns frei bewegen. Es gibt zwar immer die Fachleute, die sagen: Es passiert nichts. Aber, naja.“ Zu den Fachleuten gehört Christiane Schröder. Die  Landesgeschäftsführerin des NABU in Brandenburg hält dagegen. „Der Mensch wird sicher nicht auf die Speisekarte des Wolfes kommen.“ Sie fügt aber hinzu: „Je mehr Wölfe es gibt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich Wanderer und Wölfe begegnen und dass auch einmal etwas passiert.“ Allerdings sei es deutlich wahrscheinlich, beispielweise durch Wildschweine verletzt zu werden.

    Wolfsexperte Faß vom Wolfszentrum Dörverden empfiehlt im Falle einer Begegnung ruhig zu bleiben und sich langsam zu entfernen. Er rät dringend davon ab, Wölfe „anzufüttern“, wie es in Niedersachsen bereits passiert ist. „Das nimmt ihnen die Scheu vor Menschen.“

    Stellt sich die Frage, warum Wölfe dort, wo sie Menschen zu nahe kommen, nicht einfach abgeschossen werden. Dagegen spricht das Gesetz. Der Wolf steht unter europäischem Artenschutz und darf nicht gejagt werden. Eine Ausnahme gab es bisher: Der Wolf „Kurti“, wie ihn die Presse taufte, kam im Heidekreis in Niedersachsen den Menschen so nahe, dass er abgeschossen werden musste. Es könnte nicht die einzige Ausnahme bleiben. Laut dem Wolfsexperten Faß gibt es Überlegungen, im Landkreis Cuxhaven den Abschuss dort zu erlauben, wo Wölfe gezielt Milchkühe angreifen. „Damit die jungen Wölfe diese Angewohnheit nicht übernehmen, steht zur Debatte, die Elterntiere zu töten.“ Auch in der Lüneburger Heide hoffen Schäfer auf eine Abschussquote.

    Wolf ist wichtig als Regulator

    Biologin Schröder vom NABU Brandenburg erklärt, welchen Nutzen die Räuber für die Natur haben. In Deutschland gebe es große Bestände an Rehen, Damhirschen und Wildschweinen – mit fatalen Folgen:

    „Unsere Wälder können sich nicht mehr verjüngen, weil die Wildbestände alles Nachwachsende abkauen.“

    Da sei der Wolf eine wichtige regulierende Größe. Das große Raubtier bleibt ein Thema. Je näher es dem Menschen kommt, desto emotionaler wird die Diskussion darum, wie dem Wolf richtig begegnet werden kann und soll.

    Unsere Leser sind aufgefordert, ihre Meinung zu diesem Thema per Umfrage zu äußern — Was sagen Sie: Gehört der Wolf nach Deutschland?

    Matthias Witte

    Das komplette Interview mit Christiane Schröder, NABU Brandenburg, zum Nachhören:

    Das komplette Interview mit Frank Faß, Wolfszentrum Dörverden, zum Nachhören:

    Das komplette Interview mit Kay Krogmann, Schäfer im Landkreis Cuxhaven, zum Nachhören:

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    Tags:
    Menschen, gefährlich, Wolf, Tiere, Interview, Deutschland