11:43 18 Oktober 2018
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    Anis Amri

    „Wertvolle Zeit verloren“: Bericht verdeutlicht Polizei-Versagen im Fall Anis Amri

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    Nach dem Terroranschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt am 19. Dezember 2016 hat bei der Polizei totales Chaos geherrscht; wertvolle Zeit ging verloren. Wegen dieser Panne konnte offenbar der Terrorist Anis Amri nicht an der Flucht gehindert werden. Dies berichtet am Freitag „Focus Online“ unter Berufung auf einen Bericht der Berliner Polizei.

    Unmittelbar nach dem Anschlag seien keine Sofortfahndungsmaßnahmen ergriffen worden, heißt es laut „Focus“ in dem entsprechenden „Schlussbericht anlässlich des Anschlags auf dem Breitscheidplatz am 19.12.2016“ des Berliner Polizeipräsidenten, der noch nicht veröffentlicht worden sei.

    Es seien ganze drei Stunden nach dem Anschlag verstrichen, bis couragierte Beamte des Staatsschutzes eine Überprüfung der in Berlin bekannten islamistischen Gefährder eingeleitet hätten. Zwei weitere Stunden seien vergangen, ehe die Berliner Polizeiführung offiziell eine bundesweite Überprüfung aller Gefährder mit dem Stichwort „Maßnahme 300“ ausgelöst habe.

    Hätte die Polizei schneller und koordinierter reagiert, hätte laut dem innenpolitischer Sprecher der Berliner FDP, Marcel Luthe, zumindest die Möglichkeit bestanden, Amris Flucht zu verhindern.

    Als Grund für die Polizei-Panne werde in dem Bericht „unzureichende Lagekenntnisse des Polizeiführers“ sowie die „Festnahme eines Tatverdächtigen“ angeführt. Bei diesem habe es sich aber um einen unbeteiligten Asylbewerber aus Pakistan gehandelt.

    Wie aus dem Bericht weiter hervorgehe, herrschte auch in anderen Bereichen nach dem Anschlag blankes Chaos. So sei es 30 Minuten nach der Tat immer noch nicht klar gewesen, wer den Einsatz überhaupt leitete. „Eine einheitliche Führung des Einsatzes war für die Einsatzabschnittsführer*innen nicht wahrnehmbar“, zitiert „Focus“ einen Auszug.

    Die Kräfte direkt am Anschlagsort sollen keinerlei Aufträge bekommen und „in weiten Teilen intuitiv“ gehandelt haben. Auch die im Polizeipräsidium erarbeiteten Einsatzpläne für schwere Zwischenfälle, die sogenannten Einsatzakten, seien „nicht allen eingesetzten Führungskräften“ bekannt gewesen. 

    Auch das Lagezentrum, das den Einsatz eigentlich hätte koordinieren sollen, sei von Informationen abgeschnitten gewesen.

    Dass sich genug Polizisten am Anschlagsort befanden, ist laut dem Bericht wohl vor allem dem Pflichtgefühl der Berliner Beamten zu verdanken. Viele Polizisten, die eigentlich frei gehabt hätten, seien nämlich zum Breitscheidplatz geeilt, um zu helfen.

    Zusammenfassend heiße es in dem Bericht: „Die Nachbereitung des Einsatzes vom 19.12.2016 ergab, dass im Bereich der Führungsstruktur (…) behördenweiter Änderungsbedarf für eine erfolgreiche Einsatzbewältigung besteht.“

    FDP-Politiker Luthe kritisierte „Focus“ zufolge das monatelange Verschweigen dieser Tatsachen gegenüber Parlament und Öffentlichkeit, was die Spitze der Berliner Polizei „unhaltbar“ mache.

    Am 19. Dezember 2016 erschütterte der Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz ganz Deutschland. Zwölf Menschen starben, 66 wurden verletzt.

     

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    Anschlag, Anis Amri, Berlin, Deutschland