22:56 22 November 2017
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    Fuckup Nights Event in Berlin

    Wie „Loser“ feiern und vom Scheitern lernen: „Fuckup Nights“ in Berlin

    © Foto: Daniel Spurman
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    Auf den „Fuckup Nights“ in Berlin stellen Unternehmer Ideen vor, von denen sie begeistert waren, die sie verbissen verfolgt haben und mit denen sie gnadenlos gescheitert sind. So geschehen wieder am Dienstag. Zweck des Ganzen ist es, das Scheitern von seinem schlechten Ruf zu befreien. Dabei gibt es Einiges zu lernen – aus den Fehlern der anderen.

    Menschen, die von einem Turm auf eine Luftmatratze springen und andere Menschen, die darauf sitzen, in die Luft schleudern. Am Ende landen die Hochgeschleuderten im Wasser eines Sees und jeder hat seinen Spaß gehabt. Der damals 18-jährige Daniel Spurman hatte diese „Sportart“ in einem Video aus den USA entdeckt und war davon begeistert.

    Schnell angestellte Recherchen ergaben für ihn: Die nächste solche Matratzenattraktion gab es nur in München, an Berlin war der Trend komischerweise vorbeigezogen. Nach zwei Tagen reiflicher Überlegung habe er zu sich gesagt: „Das mach ich!“ Daniel startete sein erstes Unternehmen – das mächtig schiefgehen sollte, wie er Sputnik berichtete.

    „Der größte Fehler meines Lebens, aber die geilste Zeit!“

    Er ließ sich seinen Worten zufolge eine 3x10 Meter große Luftmatratze anfertigen und begab sich auf die Suche nach einem geeigneten See. Das war das erste Hindernis, denn dazu musste er zwischen vielen Behörden hin und her telefonieren und mit diversen Pächtern Gespräche führen, bis einer von ihnen einwilligte.

    Doch schließlich lag die Matratze, neben einem Turm für den Absprung, auf dem Wasser des Plötzensees bereit – es konnte losgehen:

    Allerdings machte Daniel den Fehler, Leute über Ebay-Kleinanzeigen anzustellen und Freunde in die Arbeit am Strandbad einzubinden. Einer dieser Mitarbeiter berichtete kurz vor dem ersten Arbeitstag von einer Algenallergie, ein anderer wollte einfach plötzlich nicht kommen. Immer wieder kamen Dinge dazwischen und der Jungunternehmer entwickelte extreme Depressionen und Essensprobleme.

    Also ging er zum Arzt, wo er erst einmal feststellen musste, dass er als Unternehmer nicht automatisch versichert ist. Es folgte ein langes Gespräch mit seiner ehemaligen Krankenkasse. Unter Tränen schilderte Daniel seine Lage, wie er gestand. Die Kassen-Mitarbeiterin habe erst unzählige Daten aufgenommen – bis sie ein Auge zudrückte und ihm den Arztbesuch gewährte.

    Das Geschäftsmodell lief aber dann von Tag zu Tag besser. Dadurch ermuntert machte Daniel gleich den nächsten Fehler: Erstmal mit der Familie in Urlaub fahren! Während er am Meer entspannte, sollte ein Freund für ihn Turm und Matratze bewachen.

    Der Freund meldete sich mitten im Urlaub, die Matratze sei durch eine Person geplatzt, „die etwas mehr gewogen hat“. Das sollte aber nicht alles gewesen sein: Die Gesundheitsbehörde schaltete sich ein und teilte mit, der Turm vor der Matratze sei nicht stabil genug.

    Daniel häufte Schulden an, er konnte Turm und Matratze nicht wieder instand setzen. Der Pächter des Sees übte Druck auf ihn aus und wollte nur noch die „Attraktion“ los sein. Der Sprung-Unternehmer konnte noch nicht einmal den Abbau bezahlen. Irgendwie klappte das noch, mit weiteren Schulden als Folge. Dann tat er etwas, was in solchen Situationen sehr verlockend erscheint: Er verließ für einen Monat das Land.

    Daniel kruz vor dem Sprung
    © Foto: Daniel Spurman
    Daniel kruz vor dem Sprung

    Mittlerweile hat der nun 19-jährige Daniel mit einem Business-Partner einen erfolgreichen Online-Shop aufgebaut. Er konnte alle Schulden abbezahlen und macht mit dem neuen Unternehmen einen Umsatz im sechsstelligen Bereich. Zu seinem ersten „Matratzen“-Unternehmen meint er rückblickend: „Das war der größte Fehler meines Lebens, aber es war die geilste Zeit!“

    Das Schweigen um das Scheitern brechen

    Daniel ist heute außerdem einer von insgesamt drei Sprechern bei den „Fuckup Nights“ in Berlin. Die Veranstaltungsart stammt aus Mexiko. Dabei erzählen Unternehmer davon, wie sie etwas unbedingt haben machen wollten und wie sie damit gnadenlos gescheitert sind.

    „Im Prinzip geht's darum, Scheitern zu entstigmatisieren, zu zeigen, dass Menschen, die engagiert sind und sich etwas trauen, stolpern und scheitern und dass das in der Natur der Sache liegt.“

    So erklärt Ralf Kemmer, Professor in Kampagnen- und Kommunikationsplanung und gleichzeitig einer der beiden Veranstalter, das Konzept. Die Sprecher würden merken, dass sie etwas zu geben hätten, eine Story nämlich, und dass gewürdigt würde, was sie gemacht haben. Das sei natürlich unterhaltsam, aber es gebe auch einen bedeutsamen Lerneffekt, der von den „Fuckup Nights“ ausgehe: Die Fehler der anderen motivieren, Dinge reflektierter und vorausschauender anzugehen.

    Valentin Raskatov

    Die Reportage über die Fuckup Nights mit Interviews mit Veranstalter und den drei Sprechern:

    Tags:
    Veranstaltungen, Behandlung, Psychologie, Start-up, Pleite, Valentin Raskatov, Berlin, Deutschland
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