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    „Sperrzone lässt dich nicht los“: Warum Stalker nach Tschernobyl fahren - FOTOs

    © Foto : Privatarchiv von Viktoria und Stanislaw Polesski
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    Das verwahrloste Krankenhaus in Chowrino, der nicht fertiggebaute Moskauer Aquapark und die toten Siedlungen in der Sperrzone des Atomkraftwerks von Tschernobyl — an diesen Orten, die Symbole des Zerfalls und Sterbens sind, wo gewöhnliche Menschen normalerweise nicht hineinschauen wollen, verspüren Stalker nach eigenen Angaben besondere Energie.

    Was diese Menschen in die Sperrzone lockt, und warum sie bereit sind, alles dafür aufzugeben, lesen Sie im Artikel unserer Sputnik-Korrespondentin Jekaterina Postnikowa.

    Der Bau des Krankenhauses von Chowrino in Moskau wurde noch 1985 eingestellt. Es ist seitdem verwahrlost und gilt als eines der wichtigsten Objekte für Stalker.
    © Foto : Privatarchiv von Maxim Aleksaschin
    Der Bau des Krankenhauses von Chowrino in Moskau wurde noch 1985 eingestellt. Es ist seitdem verwahrlost und gilt als eines der wichtigsten Objekte für Stalker.

    „Überall, wo Leblosigkeit herrscht, finde ich neue Kräfte, um zu leben“, erzählt der 27-jährige Juri Tomaschewski.

    Zum Stalker wurde er vor sieben Jahren. Die Stalker-Bewegung begann sich seit 2007 aktiv zu entwickeln, als das erste Computerspiel aus der „S.T.A.L.K.E.R„-Serie herauskam, dessen Prototyp die Sperrzone von Tschernobyl wurde.

    Pripjat wurde faktisch zu einer toten Stadt nach der Havarie von 1986 im Atomkraftwerk von Tschernobyl.
    © Foto : Privatarchiv von Viktoria und Stanislaw Polesski
    Pripjat wurde faktisch zu einer toten Stadt nach der Havarie von 1986 im Atomkraftwerk von Tschernobyl.

    Gerade dieser Ort gilt für viele erfahrene Stalker als das interessanteste Erkundungsobjekt. „Bis zu meinem ersten Besuch dieser Zone im Jahr 2010 war ich nur in vereinzelten Objekten — Tunneln, Bunkern, verwahrlosten Gebäuden“, erinnert sich Juri Tomaschewski. „So bereitete ich mich auf die Zone vor.“

    Zwei Wege in die Zone

    Das verwahrloste Schwimmbad in der Stadt Pripjat in der Tschernobyl-Sperrzone
    © Foto : Privatarchiv von Viktoria und Stanislaw Polesski
    Das verwahrloste Schwimmbad in der Stadt Pripjat in der Tschernobyl-Sperrzone

    Auf das Territorium um das stillgelegte Atomkraftwerk kann man entweder offiziell mit einem Ausflug oder illegal durch Löcher in Zäunen gelangen. Die Stalker nutzen den zweiten Weg. Die wichtigste Gefahr —  das sind die Patrouillen. Man darf sich nicht ertappen lassen. Und wenn man in der Ukraine dafür eine Geldstrafe von 850 Hrywnja (etwa 27 Euro) zahlt, so zahlt man in Weißrussland 2000 weißrussische Rubel (fast 900 Euro). Und mit der zweiten Festnahme im Laufe eines Jahres droht eine Strafverfolgung.

    Die stillgelegte Zeit

    Für ihre erste Fahrt nach Pripjat buchen die Stalker eine offizielle Tour. Der Moskauer Maxim Aleksaschin ist 27 Jahre alt, und unter den Stalkern ist er einer der Pioniere: In den letzten zehn Jahren war er 48 Mal in der Zone. Sein Ziel ist es, alle 220 unbewohnten Dörfer auf dem Territorium der Zone zu besuchen. Er war bereits in 140.

    „Über die Touren nach Pripjat habe ich erst erfahren, als ich das verwahrloste Krankenhaus von Chowrino besuchte“, erinnert sich Maxim. „Dann habe ich mich entschieden, so einen Ausflug zu machen – er hat mich nur 3000 Rubel (etwa 45 Euro) gekostet."

    Die Tour hat Maxim nicht gefallen. Er durfte nicht auf den Rasen treten, nicht in die Häuser hineingucken — und das in einer toten Stadt, die eine technogene Katastrophe erlebt hatte.

    Mit der Erkundung der Sperrzone von Tschernobyl haben sie 2007 begonnen. Heute besuchen regelmäßig etwa 200 Stalker die Zone. Auf dem Foto sind Stalker in der Stadt Pripjat im Oktober 2017 zu sehen
    © Foto : Privatarchiv von Viktoria und Stanislaw Polesski
    Mit der Erkundung der Sperrzone von Tschernobyl haben sie 2007 begonnen. Heute besuchen regelmäßig etwa 200 Stalker die Zone. Auf dem Foto sind Stalker in der Stadt Pripjat im Oktober 2017 zu sehen

    Stanislaw Polesski ist 28 Jahre alt. Zum Stalker wurde er 2010. Damals gründete er im russischen sozialen Netzwerk „VKontakte“ die Gruppe „Zone von Tschernobyl mit den Augen eines Stalkers“, die innerhalb von sieben Jahren zu einer der größten Vereinigungen dieser Art wurde — heute zählt diese Netz-Gemeinschaft etwa 45.000 Teilnehmer.

    „Die Sowjetunion habe ich im bewussten Alter nicht erlebt, aber für mich war es interessant, sie zu erkunden: diese Plakate, Losungen, Schulen, Kindergärten“, erzählt Stanislaw.

    Die Zone wird bewacht, damit keiner der Besucher verseuchte Gegenstände oder abgeholzte Bäume mit hinaus nehmen kann.
    © Foto : Privatarchiv von Viktoria und Stanislaw Polesski
    Die Zone wird bewacht, damit keiner der Besucher verseuchte Gegenstände oder abgeholzte Bäume mit hinaus nehmen kann.

    Die Erkundung von verwahrlosten Orten wurde zu einer Art Tourismus. Es gibt sogar den Begriff — Urban Exploration. Hauptsächlich sind es Stalker aus Russland, der Ukraine und Weißrussland, die in die Zone fahren, um sie zu erkunden. Jedoch wächst das Interesse an Tschernobyl.

    „Der Tourismus entwickelt sich gut. Wir haben eine Art Disneyland, aber mit einer traurigen Geschichte“, sagt Stanislaw.

    „Zu uns kamen Stalker aus Schweden, Deutschland, Portugal. Ein Pole lebte einen Monat lang in Pripjat – er sagt, er sei etwas verwildert. Polesski zufolge kommen etwa 200 Stalker regelmäßig in die Zone.

    Gefahren in der Zone

    Das Territorium wird bewacht. Die Wache schaut zu, damit niemand verseuchte Gegenstände oder Holz mit hinaus nimmt. Deshalb ist die wichtigste Fertigkeit eines Stalkers — Kontrollpunkte zu umgehen und sich vor dem Wachpersonal zu verstecken. Derzeit ist es einfacher geworden, unerwünschte Besucher zu erwischen: auf den Bäumen sind Kameras, über dem Territorium fliegen Drohnen. Die Stalker erzählen, dass die Wache in Pripjat entweder aus Langerweile oder übungshalber wahllos auf leere Häuser schießt. „Das wird gefährlich“, sagt Juri Tomaschewski. "Schaut jemand in diesem Augenblick aus dem Fenster, so kann es passieren, dass er getötet wird.“

    Juri Tomaschewski vor dem Hintergrund des verwüsteten Kulturhauses „Energetik“. 2016 wurde dank ihm das Schild am Gebäude wieder zum Leuchten gebracht.
    © Foto : Privatarchiv von Juri Tomaschewski
    Juri Tomaschewski vor dem Hintergrund des verwüsteten Kulturhauses „Energetik“. 2016 wurde dank ihm das Schild am Gebäude wieder zum Leuchten gebracht.

    Eine andere Gefahr ist die radioaktive Strahlung. In der Zone offiziell zu leben ist verboten. Der Stalker muss ein Strahlenmessgerät – ein Dosimeter — immer dabei haben.

    „In Pripjat gibt es immer noch Orte, wo man sich nur einige Minuten aufhalten kann, die Atmungsorgane müssen dabei gut geschützt sein. Sonst kann man sein Leben buchstäblich kaputt machen“, sagt Stanislaw Polesski.

    „Zu diesen Orten gehört der Keller mit der Montur von Feuerwehrmännern, die in der Nacht der Havarie das Feuer löschten, sowie der Keller des Werks ‚Jupiter‘, wo sich das Labor zur Erforschung von Strahlung befand.“

    Das Strahlenmessgerät ist ein unabdingbarer Bestandteil der Ausrüstung eines Stalkers. Foto: Stalker mit einem Dosimeter im Herbst 2017 in Pripjat.
    © Foto : Privatarchiv von Viktoria und Stanislaws Polesski
    Das Strahlenmessgerät ist ein unabdingbarer Bestandteil der Ausrüstung eines Stalkers. Foto: Stalker mit einem Dosimeter im Herbst 2017 in Pripjat.

    In den letzten 30 Jahren fanden sich auf diesem menschenleeren verbotenen Territorium viele wilde Tiere ein. Maxim Aleksaschin mag es, die Zone allein zu besuchen und erzählt, dass sein Leben mehrmals am seidenen Faden hing. An seinem 20. Geburtstag begab er sich in die Zone und hörte in der Nacht das Geheul eines Wolfsrudels etwa hundert Meter von ihm entfernt. „Ich bin blitzschnell auf einen Baum geklettert und dort bis zum Morgen sitzen geblieben“, erinnert sich Maxim.

    An diesen Orten funktioniert der Mobilfunk bei weitem nicht überall. Sollte man plötzlich Gesundheitsprobleme bekommen, so riskieren verzweifelte Stalker, für immer dort zu bleiben.

    Stalken wegen Liebe 

    Viktoria Polesski ist eine der wenigen Stalkerinnen.

    „Ich kenne noch vier Mädels, die sich dafür begeistern“, erzählt Viktoria. „Hauptsächlich sind das Freundinnen und Ehefrauen von Stalkern, die Jungs nehmen sie mit.“

    Viktoria wanderte zum ersten Mal im Sommer 2016 mit ihrem Freund durch Pripjat. Seitdem war sie bereits zwölf Mal in der Zone
    © Foto : Privatarchiv von Viktoria und Stanislaw Polesski
    Viktoria wanderte zum ersten Mal im Sommer 2016 mit ihrem Freund durch Pripjat. Seitdem war sie bereits zwölf Mal in der Zone

    Zum ersten Mal besuchte Viktoria die Zone 2013: Wie auch andere wusste ich nichts von der Existenz der Stalker und fuhr zu einer offiziellen Tour nach Pripjat. „Damals wollte ich raus aus dem Bus und mir alles selbst anschauen“, erinnert sich Viktoria. Ihre erste selbständige Wanderung durch Pripjat machte die Frau drei Jahre später: Ihr Freund Stanislaw Polesski hat sie mitgenommen. Viktoria hat bereits zwölf Mal die Zone besucht. Im Frühling 2018 wollen Stanislaw und sie in Tschernobyl heiraten.

    Basis-Set eines Stalkers

    Gewöhnlich dauert eine Wanderung in die Zone vier bis acht Tage. In dieser Zeit erkunden Stalker verlassene Territorien, betreten verwahrloste Häuser, Schulen, Krankenhäuser. Sie machen Tausende von Fotos, riskieren jedoch nicht, aus der Zone irgendwelche Gegenstände mit hinaus zu nehmen. Sie übernachten in halbzerstörten Gebäuden: Sie schlafen entweder auf den von früheren Bewohnern zurückgelassenen Betten oder in Schlafsäcken oder direkt auf dem Fußboden. In acht Tagen der Expedition läuft ein Stalker bis zu 200 Kilometer.

    Stalker sagen, dass der Sommer die günstigste Zeit für eine Wanderung in die Sperrzone sei, aber im Herbst ist es dort am schönsten.
    © Foto : Privatarchiv von Viktoria und Stanislaw Polesski
    Stalker sagen, dass der Sommer die günstigste Zeit für eine Wanderung in die Sperrzone sei, aber im Herbst ist es dort am schönsten.

    Erfahrene Stalker nehmen nur das Notwendigste mit: bequeme Schuhe, einen großen Rucksack, warme Sachen, ein Dosimeter, einen Kompass, Ladegeräte für Handy und Kamera, eine ausgedruckte Karte, ein Messer und eine Signalpistole.

    „Am Anfang nahm ich auch Ferngläser, Nachtsichtgeräte und sogar eine 30 Kilogramm schwere selbstgefertigte Panzerweste aus Blei mit“, erinnert sich Maxim Aleksaschin.

    Die Einsteiger nehmen für eine Wanderung viele Sachen mit — im Endeffekt werden sie mehr als die Hälfte gar nicht brauchen. „Mein Wanderpartner hat einst ein Beil mitgenommen“, erinnert sich Juri Tomaschewski. „Wir haben es nicht einmal benutzt, denn wenn man Bäume fällt, erzeugt man unnötig Lärm. Auch Feuer in der Zone zu machen ist unerwünscht, denn darauf kann eine Streife aufmerksam werden.

    „Bei Wanderungen in die Zone mache ich es mir immer bequem“, erzählt Viktoria Polesski. „Im Gegensatz zu den Jungs habe ich ein etwas anderes Set: Ich nehme eine Salbe, die vor Reizungen schützt, spezielle Servietten, mindestens sieben Wäsche-Sets mit, da man sich wegen zu viel Staub unbequem fühlt. Und ich nehme immer ein kleines Kissen mit.“

    „Die Zone lässt dich nicht los“

    Keiner unter den Stalkern kann erklären, was er an diesem Ort so mag, aber alle sind sich einig: die Zone macht abhängig.

    „Ich bin ganz normal, habe eine gewöhnliche Anstellung, aber nach einem Monat kann ich es kaum mehr aushalten und will in die Zone zurück“, gesteht Viktoria. Maxim Aleksaschin möchte ich auch in der Sperrzone heiraten. „Es wäre toll, in einer Stadt zu leben, aber im Sommer für zwei bis drei Monate in sein Haus zu kommen. Auf die Frage, ob Maxim vor Gesundheitsproblemen Angst habe, antwortet er: „Ich habe es so verstanden, dass mich das nicht betreffen wird, aber dafür kann das meine Kinder und Enkel betreffen. Unser ganzes Leben ist ein Risiko."

    Juri Tomaschewski zufolge fühlt man die Energie des Ortes sogar physiologisch: „Du verlässt die Zone und fühlst, dass dir eine Last von den Schultern fällt.“ „Die Zone lässt dich nicht los“, sagt Tomaschewski. „Bei meiner ersten misslungenen Wanderung, die bereits nach zehn Kilometern zu Ende war, habe ich entschieden, dass ich diesen Ort ein für alle Mal vergessen werde. Aber kaum nach Hause gekommen, wurde mir klar, dass ich zurück will.“

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