20:45 22 Juli 2018
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    In einer katholischen Kirche (Symbolbild)

    „Ich konnte nicht mehr anders“ – die Pfarrerin, die nun ein Pfarrer ist

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    Seit 40 Jahren empfand sich Pfarrerin Silke Wolfrum als Mann, letzten Sonntag sprach sie vor ihrer Gemeinde davon – und wurde akzeptiert. Dem war ein langer Prozess von Zweifeln und Gesprächen mit Freunden und Kirchenvertretern vorangegangen.

    Nachdem sie den Schlusssegen gesprochen hatte, bat die Pfarrerin Silke Wolfrum ihre Gemeinde am Sonntag, noch sitzen zu bleiben. Sie habe ihr etwas mitzuteilen. Zu dem Zeitpunkt war sie noch Pfarrerin Silke Wolfrum in Veitshöchheim, im nächsten Augenblick war sie Pfarrer Finn Wolfrum. Aus der Gemeinde sei ihm „sehr viel Wohlwollen“ entgegengekommen, aber auch „Überraschung“ habe sich breitgemacht, beschreibt Wolfrum die Reaktion seiner Mitmenschen. Die Situation habe sich am Ende aufgelöst in lautem Applaus, die Gemeinde hatte die Entscheidung des Geistlichen akzeptiert.

    Der lange Weg von der Kindheit bis zur Entscheidung

    Eine erste Ahnung von seiner Identität habe der nun 46-jährige Pfarrer Wolfrum bereits im Alter von sechs Jahren gehabt. Glücklicherweise sei er „in einer nicht so polarisierten Zeit“ aufgewachsen, was Rollenbilder betreffe. So habe er sich schon sehr früh gegen Röcke gewehrt und seine Eltern hätten diese Entscheidung auch akzeptiert.

    Im Konfirmantenalter von 13 Jahren habe sich Wolfrum von der Religion angezogen gefühlt. Auch habe er in der Jugend die Konfrontation mit seiner Identität vermeiden wollen und sei deswegen eine Zeitlang zu frommen Fundamentalisten gegangen. Kurz vor dem Abitur habe er sich dann für ein Theologiestudium entschieden, im Studium habe er sich auch vom Fundamentalismus gelöst und der Befreiungstheologie so wie Dietrich Bonhoeffers Schriften zugewendet. Seit 2001 ist Silke Wolfrum Pfarrerin der Bayerischen Landeskirche.

    Seiner Entscheidung sei ein „intensives Ringen“ vorangegangen. Doch irgendwann habe sich die damalige Silke Wolfrum gesagt: „Ich kann nicht mehr anders.“ Deswegen habe sie im Juni kurz nach Pfingsten für sich die Entscheidung gefällt sich auf den Weg zu machen und im September  die Landeskirche informiert und eine Zusage erhalten.

    Vor zwei Wochen habe er dann auch den Kirchenvorstand in Kenntnis gesetzt, der dann ohne ihn beraten hat. Nach kurzer Beratungszeit wurde er hereingerufen und seine Entscheidung war angenommen. Ob er sich Sorgen gemacht habe? „Auf der persönlichen Ebene nicht“, sagt Wolfrum, allerdings war er sich nicht sicher gewesen, ob der Kirchenvorstand auch bereit wäre, die Entscheidung in der Öffentlichkeit mitzutragen.

    Finn Wolfrum, der sich als „transident“ bezeichnet, möchte in Zukunft auch äußerlich noch mehr zu einem Mann werden und spricht von einer „Angleichung“ statt von einer Geschlechtsumwandlung, denn: „Das ist nicht der Körper, der zu meinem Denken und Fühlen passt.“ Also werde der Körper lediglich der Identität angeglichen. Für die Gründung einer Familie sei er zu alt, sagt Wolfrum, doch der Wunsch, künftig in einer Partnerschaft zu leben, sei da.

    In Bayern ist das bereits der zweite offene Fall eines transidenten Pfarrers, in Deutschland sollen es insgesamt vier sein.

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    Tags:
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