08:43 25 November 2017
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    Wenn die Bundeswehr über Sex spricht (kommt Peinliches raus) – Y-Magazin Spezial

    © Foto: Screenshot aus Y-Magazin
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    Mit irgendwelchen Sexismus-Skandalen hat das neueste Spezialheft der Bundeswehr zur Sexualität nichts zu tun. Dieses zeigt vielmehr: Die Bundeswehr ist bunt, sie ist vielfältig und um die Aufklärung ihrer Soldat*innen bemüht. Nur die Aufklärung wirkt bisher ein wenig peinlich.

    Die Bundeswehr hat in ihrem Y-Magazin ein Spezialheftchen zur Sexualität herausgebracht. Keins von denen, die man heimlich mit aufs Klo schmuggelt. Sondern eins von denen, die den Leser liebevoll bei der Hand nehmen und ihn sanft aber bestimmt in das verwirrende Reich des zweiten menschlichen Grundbedürfnisses einführen.

    Sex und Bund? War da nicht —? Oder —? Nein, nein, nein, unterbricht ein Sprecher des Verteidigungsministeriums solche Überlegungen: „Das Y-Spezial wurde langfristig geplant und steht daher nicht in Zusammenhang mit etwaigen Medienereignissen.“

    Und überhaupt geht es bei der Bundeswehr zutiefst human zu, was folgende Worte des Sprechers beweisen: „Es ist ein Aufruf zu noch mehr Toleranz.“ Es gibt also bereits viel Toleranz beim Bund, man will nur die mühsam errungene Vorbildfunktion noch weiter festigen, um weiterhin als Sinnbild der Tugend in aller Welt zu glänzen. Und dafür drückt die Bundeswehr ihren Soldat*innen dieses Heftlein in die Hand:

    Und da stellt der blätternde Soldat fest: Wow, wie bunt ist der Bund! Und dafür sorgt nicht nur die comichafte Gestaltung der ersten Seiten des Hefts, sondern vor allem der Umstand, dass alle sexuellen Orientierungen bei den Streitkräften vertreten sind:

    Auf den Plan werden alle sexuellen Orientierungen gerufen und unter dem Motto „Bunter als du denkst“ vorgestellt. Und der Soldat dann so: Woher wisst ihr, wie ich denke? Habt ihr meine Gedanken gelesen? Spioniert mich wer aus? Ja, die Y-Redaktion hat wohl so einen Durchschnittshetero-Soldatenrüpel im Sinn und klärt ihn hier darüber auf, nach dem Schema: Junge, schreib’s dir hinter die Ohren.

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    Bei ihrem Versuch, das sexuelle Erleben fasslich zu machen, bemüht die Redaktion des Y-Magazins sogar einen Dichter.

    Geil, denkt sich der Soldat vielleicht jetzt, läuft bei uns! Ja, es scheint, die Bundeswehr hat kein Sexismusproblem, sie will nur aufklären. Bis der Soldat sich – wenn er so weit kommt oder kommen möchte – in die Mitte (S.54) durchgekämpft hat. Denn im Zentrum des Magazins schlägt die Bombe ein in Form eines Artikels mit dem Titel: „Nein heißt Nein“.

    Hier lernt der Soldat: Geschmacklose Witze und anzügliche Bemerkungen sind nicht in Ordnung, Anfassen geht gar nicht und überhaupt sollte man in die Ecke und sich schämen. Aber nur mit der Ruhe, denn die Bundeswehr bleibt weiter das glänzende Vorbild. Es gibt da nämlich Zahlen, die zeigen, dass sexuelle Gewalt beim Bund seltener ist als in der Bevölkerung.

    Nur um sicherzugehen, dass die Inhalte auch wirklich verinnerlicht worden sind, wirft zum Schluss des Artikels noch Ursula von der Leyen einen kritischen Blick auf den Soldaten.

    Aber bei alledem darf man nicht vergessen zu relativieren. Deswegen schwenkt die Kamera im Anschluss an diesen schweren Brocken nach Afrika und berichtet über die Genitalverstümmelungen, die Frauen dort erleiden müssen. Das ist nämlich wahre Gewalt, so ein blöder Spruch unter Männern dagegen – ein Luxusproblem. Später wird dann über die Sexsklavinnen des IS berichtet und die Schattenseiten der Prostitution beleuchtet. Da ist Pfullendorf natürlich schon wieder verpufft. Der Soldat gafft und denkt: Im Namen der Weiblichkeit – da muss ich einmarschieren.

    Also nein, das Heftchen der Bundeswehr – das jeder frei ist, mit aufs Klo zu nehmen – hat besser nichts mit der Sexismusdebatte zu tun. Es ist ein mitunter queerbeeter Comic mit kleinen aufklärerischen Anstößen, dem Thema Sexismus im (selten gelesenen) Zentrum und wesentlich skandalöseren Welt-„Trends“ gegen Ende hin.

    Ich weiß, ich weiß … Was muss ich auch immer Beziehungen herstellen zwischen Dingen, die ausdrücklich nicht zusammenhängen sollen? Die Wahrheit lautet: Ich kann’s nicht lassen, der Mensch ist nun einmal ein sinnstiftendes Wesen – auch wenn in den meisten Fällen dabei nur Unsinn rauskommt.

    Wladimir W. Wahnowitz

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    Tags:
    Skandal, Aufklärung, Sex, Bundeswehr, Deutschland
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