11:43 19 Juli 2018
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    Deutsch-russisches Jugendforum in Moskau

    Junge Russen und Deutsche diskutieren Rhetorik der deutschen Russlandpolitik

    © Sputnik / Nikolai Jolkin
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    Das zweite deutsch-russische Jugendforum in Moskau konstatiert Widersprüche in der deutschen Rhetorik bezüglich Russlands.

    Ljubow Jaroschenko, Projektmanagerin für internationale Beziehungen bei der En+Group, fasst den Stand der russisch-deutschen Beziehungen so zusammen: „Einerseits wird Russland als eine Gefahr für die osteuropäischen Länder dargestellt, andererseits wird im Klartext gesagt, die Sicherheit in Europa könne ohne Russland und gegen Russland nicht aufgebaut werden.“

    Deutsch-russisches Jugendforum in Moskau
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    Deutsch-russisches Jugendforum in Moskau

    Zwar könnten die Wirtschaft und die Energiepartnerschaft als Grundlage für unsere bilateralen Beziehungen fungieren, führt sie aus, jedoch „möchte man vor dem Hintergrund der Bildung einer neuen Regierung herausbekommen, wie groß die Risiken für die Erhaltung des Projekts ‚Nord Stream 2‘ sind angesichts der negativen Bewertung durch die Grünen.“

    Die Bildung einer neuen Regierungskoalition in Deutschland war eines der Hauptthemen der Debatten unter jungen Forumsteilnehmern, die mit unverstelltem Blick nach Wegen suchen, wie man die Entfremdung in den russisch-deutschen Beziehungen überwinden und eine neue Annäherung herbeiführen kann. Dabei legte Urs Unkauf von der Wintershall Holding GmbH die größte Hoffnung bei der Gestaltung der deutschen Beziehungen zu Russland und dem Sanktionsabbau auf die FDP.

    Unkauf bedauerte, dass sich in den letzten Jahren in Deutschland eine Denkweise herausgebildet habe, „die nicht mehr die Beurteilung von Argumenten nach dem Sachinhalt bemisst, sondern, wer etwas sagt. Und was die Russen sagen, wird dann schnell pauschal als Propaganda abgeurteilt. Diese Moralisierung von politischen Sachfragen führt zu einer Aversion gegen realistische Problemdiagnosen.“

    Deutsch-russisches Jugendforum in Moskau
    © Sputnik / Nikolai Jolkin
    Deutsch-russisches Jugendforum in Moskau

    Wenn man Probleme nicht richtig diagnostiziere, führte der junge Analytiker aus, dann könne man sie auch nicht richtig angehen. „In der internationalen Politik sind Interessen von Staaten und nicht die Werte von gewissen Denktraditionen die primären Ankerpunkte von Handlung, und demzufolge müssen wir die internationalen Beziehungen auf einer pragmatischen Ebene neu definieren.“

    Matthias Platzeck, der Vorstandsvorsitzende des Deutsch-Russischen Forums, das das Jugendtreffen zusammen mit der Gortschakow-Stiftung für öffentliche Diplomatie Russlands initiierte, pflichtete dem bei und meinte, dass die FDP, die mit Hans-Dietrich Genscher eine lange russlandfreundliche Tradition vorweise, ein wichtiges Signal gesetzt habe.

    Der DRF-Vorsitzende wies auch auf einen zweiten eventuellen Partner in der neuen Regierungskoalition hin, die CSU, die auch gewisse Unterschiede zum Mainstream zeige. „Übrigens habe ich auch von der deutschen Bundeskanzlerin im Wahlkampf dreimal Signale gehört, die so in der Klarheit vorher nicht formuliert wurden, nämlich, dass realiter ohne Russland keines der wichtigen Probleme im Moment lösbar ist, von Terror, Flüchtlingen, Klimawandel usw.“

    Deutsch-russisches Jugendforum in Moskau
    © RIA Novosti . Nikolai Jolkin
    Deutsch-russisches Jugendforum in Moskau

    Das sei zumindest auch eine Nuance, so Platzeck. „Und wenn man dann im Bundestag weiter schaut, hat die Linksfraktion auch deutlich russophilere Positionen als andere Parteien. Und wenn man die Summe bildet, übrigens auch mit der Sozialdemokratie (hat ja der noch amtierende Außenminister vor vier Wochen gesagt, wir bräuchten einen Neubeginn in der Russlandpolitik), und das jetzt mal addiert, nur ganz nüchtern, dann muss man feststellen, dass es nicht unwahrscheinlich wäre, wenn sich etwas tut.“

    Auch beim deutschen Nachbarland Österreich, führte der SPD-Politiker weiter aus, „geht es in die Richtung, dass auch zu den Sanktionen wahrscheinlich differenzierte Meinungen künftig innerhalb der EU mehr zu erwarten sind, als das bisher der Fall war. Von daher ist es schon spannend zu sehen, was in der Jamaika-Koalition zu Russland wirklich gesagt wird.“

    Auch der künftige russische Botschafter in Deutschland Sergei Netschajew betonte in seiner Ansprache an die jungen Leute, dass „es durch gemeinsame Anstrengungen mit vernünftigen Menschen in Deutschland gelang, den drohenden Verfall der deutsch-russischen Beziehungen zu verhindern. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben wir nämlich so viel Kräfte aufgeopfert, das Vertrauen wiederherzustellen, Hand in Hand über den Gräbern zu stehen, bis hin zu Elementen eines Bündnisses in unserer Außenpolitik, etwa bei der Irak-Krise, dass es unverantwortlich wäre, die aktuelle Entfremdung außer Acht zu lassen.“

    Sergei Netschajew bei dem deutsch-russischen Jugendforum in Moskau
    © Sputnik / Nikolai Jolkin
    Sergei Netschajew bei dem deutsch-russischen Jugendforum in Moskau

    Netschajew wies dabei darauf hin, dass es gelungen sei, trotz Sanktionen den Warenumsatz in diesem Jahr gegenüber dem Vorjahr um 40 Prozent zu steigern. „In Hamburg wurde unter russischer Beteiligung der weltgrößte Freie-Elektronen-Laser in Betrieb genommen, der nicht weniger wichtig ist als der bekannte große Hadronen-Speicherring im CERN.“ Der hochrangige Diplomat nannte auch andere Beispiele der zukunftsträchtigen wissenschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Russland und Deutschland.

    Nikolaj Jolkin

    Der volle Beitrag zum Nachhören:

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    Tags:
    Sergei Netschajew, Matthias Platzeck, Deutschland, Russland
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