07:59 20 November 2019
SNA Radio
    DHL-Packstation in Potsdam

    DHL-Krimi: „Bomben-Pakete“ zur Adventszeit - Hat Polizei heiße Spur?

    © AFP 2019 / DPA/ Gregor Fischer
    Panorama
    Zum Kurzlink
    3130
    Abonnieren

    Eine Paket-Bombe sorgt für Panik auf dem Potsdamer Weihnachtsmarkt. Nun ist klar: Der Paketdienst DHL wird um Millionen Euro erpresst. „Wir ermitteln mit Hochdruck“, so ein Polizei-Sprecher gegenüber Sputnik. Es gebe Hinweise auf die Herkunft der Täter. Und: Sie könnten weitere Bomben versenden. Wie groß ist die Gefahr? Worauf müssen Kunden achten?

    Der Konzern DHL mit Sitz in Bonn wird erpresst. Vermutlich von Tätern aus dem Raum Berlin-Brandenburg. „Wir gehen von einem Täter oder einer Tätergruppe aus, die in Berlin und Brandenburg aktiv ist“, sagte Mario Heinemann, Sprecher des Polizeipräsidiums Brandenburg, gegenüber Sputnik. Der Bombenbausatz gebe Hinweise auf eine entsprechende Professionalität des Täters. „Der Täter nimmt hier ganz bewusst die Schädigung von Leben und Gesundheit von Personen in Kauf.“ Die Paketbomben könnten zu schwersten Verletzungen oder sogar zum Tod führen. DHL-Kunden sind nur zufällige Opfer. Ziel ist das Liefer-Unternehmen.

    Die Polizei habe zum jetzigen Stand „keine weiteren verdächtigen Pakete im Raum Berlin und Brandenburg feststellen können.“ Zur Zeit stehe für die Polizeibehörden die „Gefahrenabwehr und Sicherheit für die Bürger“ neben den Ermittlungen im Fokus. Denn es sei wahrscheinlich, dass die unbekannten Täter im Weihnachtsgeschäft weitere Paketbomben versenden würden. Das Brandenburger Polizeipräsidium sucht derzeit weiter nach Zeugen aus der Bevölkerung.

    Kann SOKO „Quer“ den Fall lösen?

    Bei der Polizei arbeitet aktuell die Sonderkommission „Quer“ auf Hochtouren. Dort versuchen mittlerweile 50 Mitarbeiter, den Fall zu lösen.

    „Nachdem klar war, dass das am Freitag gefundene Paket nicht zum Weihnachtsmarkt gehört, haben wir das Ermittler-Team aufgestockt“, berichtete Polizeisprecher Heinemann weiter, „auf jetzt 50 Ermittler des LKA Brandenburg. Die Ermittler ziehen jetzt alle Hinweise heran, die aus der Bevölkerung gekommen sind. Alle kriminalpolizeilichen Erkenntnisse werden dort abgearbeitet.“

    Die Polizei habe zwar zahlreiche Hinweise erhalten, aber noch keine heiße Spur. Bis zum Dienstagmorgen seien 53 Hinweise aus der Bevölkerung eingegangen, teilte sie mit. Seit Freitag laufe die Suche nach den noch unbekannten Absendern auf Hochtouren.

    Spektakulär: Roboter entschärft Paket-Bombe

    Unbekannte Täter gaben das verdächtige Paket am frühen Donnerstagmorgen auf: an einer DHL-Packstation in Potsdam, Ecke Kantstraße/Roseggerstraße, bei der sich Kunden nicht registrieren müssen. Die Packstation steht in einem Wohngebiet direkt neben einem Supermarkt. Am Freitag nahm dann um etwa 14.30 Uhr eine Apotheke nahe dem Weihnachtsmarkt das verdächtige Paket an.

    „Beim Öffnen hörte ich ein Zischen, und da schauten so komische Drähte heraus“, sagte der Apothekeninhaber den „Potsdamer Neuesten Nachrichten“. Daraufhin habe er die Polizei informiert. Im Paket selbst befanden sich Nägel, Batterien, Pulver, Drähte und ein Feuerwerkskörper, der in Deutschland illegal ist, ein sogenannter „Polen-Böller.“ Die Behörden sprechen hierbei von einer „unkonventionellen Spreng- oder Brandvorrichtung (USBV)“.

    In der Folge wurde der Potsdamer Weihnachtsmarkt evakuiert. „In Zeiten des internationalen Terrors wurde natürlich sofort Großalarm ausgelöst“, so ein Ermittler gegenüber TV-Medien. Sofort rissen das Landeskriminalamt und der Staatsschutz die Ermittlungen an sich. Nun ermitteln sie wegen versuchter Herbeiführung einer Explosion und schwerer räuberischer Erpressung. Gegen 17.30 Uhr öffneten Spezialisten der Bundespolizei mit der Hilfe eines Spezial-Roboters das Paket und entschärften es. Dabei zerschossen sie das Paket mit einem speziellen Hochdruck-Wasserstrahl, der aus dem Roboter schoss. Die Polizei teilte daraufhin mit, das Paket hätte explodieren und Menschen schwer verletzen und töten können.

    Die Spur führt über einen „QR-Code“ …

    Den Ermittlern gelang es, die Fetzen eines im Paket liegenden Briefes zusammenzusetzen. So stießen sie auf einen sogenannten „QR-Code“. Das ist ein zweidimensionales, schwarz-weißes Muster, das mit dem Smartphone ausgelesen werden kann. Durch das Lesen des QR-Codes wurde technisch ein Erpresserschreiben lesbar: In diesem fordern die Täter vom DHL-Konzern eine Millionensumme – sonst würden weitere „Bomben-Pakete“ verschickt. Das Schreiben nimmt Bezug auf ein Paket, das bereits Anfang November an einen Onlinehändler in Frankfurt (Oder) gesendet worden war.

    Der Polizei zufolge ist das eine eindeutige Drohung und ein Erpressungsversuch an das Unternehmen DHL. Laut TV-Medienberichte prüfen derzeit IT-Experten der Polizeibehörden, ob sie über das technische Auslesen des Erpresserschreibens Hinweise auf den Ursprungs-PC und damit auf die Täter erhalten können. Eventuell könnten Protokolle mit entsprechenden IP-Adressen hinterlassen worden sein, so die Experten.

    „Allein technisch gesehen hat die Polizei unglaublich viele Tools zur Verfügung, um solche Protokolle auszulesen“, kommentierte IT-Experte Christopher Kühn gegenüber Sputnik. „Das wird oft unterschätzt: Techniker der Polizei könnten hier relativ schnell zum Erfolg kommen. Selbst wenn die Täter alle online-relevanten Sachen im Internet-Café gemacht hätten, gibt es immer noch die Möglichkeit der Videoüberwachung.“

    Eine schnelle Feststellung der Täter durch die Ermittler würde ihn nicht überraschen. 

    Christstollen statt Bomben

    „Wir haben zwar weitere verdächtige Pakete, die uns Bürger gemeldet haben“, kommentierte Polizeisprecher Heinemann im Sputnik-Interview. Das seien aber bisher Fehlalarm-Meldungen gewesen. So ging am Montagvormittag ein Paket in der Zentralen Bußgeldstelle einer brandenburgischen Kleinstadt ein. Doch nach der Räumung der Behörde erfolgte die Entwarnung: In dem verdächtigen Paket befand sich nur ein Christstollen.

    Ebenfalls am Montag erwies sich ein in der Erfurter Staatskanzlei gefundenes verdächtiges Paket als harmlos. Es waren nur zusammengerollte Kataloge darin.

    „Nicht öffnen!“: Warnungen für Paket-Kunden

    Das Polizeipräsidium Brandenburg warnt dennoch eindringlich davor, eine verdächtige Zustellung zu öffnen: „Wenn Sie solch ein Paket bekommen: Nicht öffnen! Es könnte zur Zündung kommen!“ Unbekannte oder unerwartete Päckchen sollten nicht geöffnet werden. Die Polizei geht davon aus, dass weitere explosive Sendungen folgen könnten.

    Die Anschrift und der Absender auf dem „Bomben-Paket“ in Potsdam hätten „auffällige Rechtschreibfehler“ enthalten, so die Polizei. Verdächtige Zusendungen erkennen die Kunden daran, dass das Paket beschmutzt ist: Flecken, Verfärbungen oder herausragende Drähte seien Hinweise auf eine Paketbombe. Auch gaben die Ermittler bekannt, was der Absender über den Inhalt aussagt. Wenn der Absender handschriftlich oder auch fehlerhaft geschrieben habe oder schlecht lesbar sei, dann ist er verdächtig. Gar kein oder ein unbekannter Absender sei ein weiterer Hinweis darauf, dass die Post möglicherweise eine Briefbombe ist.

    Erpressung trifft Vorweihnachts-Geschäft ins Herz

    Eine Anfrage bei der für den Fall zuständigen Pressestelle des Unternehmens ergab folgende Antwort.

    „Zum Erpressungsversuch selbst: Wir bitten um Verständnis, dass wir aufgrund der laufenden Ermittlungen dazu keine Auskünfte geben“, sagte Tina Birke, Pressesprecherin bei der „Deutsche Post DHL Group“ für die Region Brandenburg und Sachsen, gegenüber Sputnik. „Wir unterstützen die Ermittlungsbehörden und stellen diesen alle notwendigen Informationen für eine schnelle Aufklärung zur Verfügung. Wir bitten um Verständnis, dass wir weder bestimmte Details zu dem am Wochenende bekannt gewordenen Fall noch zu unseren Sicherheitsvorkehrungen öffentlich kommentieren.“

    Aus ermittlungstaktischen Gründen werde weder die Polizei Brandenburg noch das Brandenburger Innenministerium weitere Informationen zum aktuellen Ermittlungsstand geben. Das Polizeipräsidium des Landes Brandenburg arbeite jedoch länder- und organisationsübergreifend mit anderen Sicherheitsbehörden zusammen. Entsprechend gebe es einen regen Informationsaustausch mit der Sicherheitsabteilung des Konzerns DHL, dem Bundeskriminalamt (BKA) und anderen Landeskriminalämtern wie dem in Berlin.

    In der Adventszeit versendet der DHL-Konzern täglich über acht Millionen Pakete. Der zur Deutschen Post gehörende Paketdienst hatte im letzten Jahr als Marktführer über 1,2 Milliarden Pakete in Deutschland zugestellt. Der Konzern betreibt in Deutschland etwa 13.000 Filialen, rund 10.000 Paketshops und 2.750 Packstationen. 2016 betrug der Umsatz des Bonner Unternehmens mehr als 57 Milliarden Euro. Seit 2002 gehört der DHL-Konzern zur Deutschen Post.

    Alexander Boos

    Das Interview mit Mario Heinemann (Polizei Brandenburg) zum Nachhören:

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Paket, Bomben, Erpressung, DHL, Brandenburg, Potsdam, Deutschland