04:28 16 Dezember 2017
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    Sarytschew-Vulkan-Ausbruch 2009 (Archiv)

    Nach 70-jährigem Schweigen: Militärvergangenheit von Kurilen-Vulkaninsel enthüllt

    CC BY-SA 2.0 / John / Sarychev Peak Volcano erupts on Matua Island
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    52 Quadratkilometer einsame Gegend, ein aktiver Vulkan und ein Friedhof von Militärschiffen im Küstengewässer – die Geschichte der Kurilen-Insel Matua blieb bislang ein Mysterium. Das russische Verteidigungsministerium unternahm in diesem Jahr erneut eine Expedition dorthin. Doch hat sie die Antworten auf die jahrzehntealten Fragen gebracht?

    Umarmt vom Ochotskischen Meer und dem Pazifischen Ozean beherbergt die Insel einen Fluss von Geheimnissen seit dem Zweiten Weltkrieg. Die neuen Entdeckungen führen allerdings zu neuen Fragen, auf die es noch keine Antworten gibt.

    Stillgelegter Militärstützpunkt

    Die Oberfläche von Matua ist grün und ruhig, während das echte Leben der Insel Dutzende Jahre lang im Untergrund brauste. Bis 1875 gehörte die Vulkaninsel zum Russischen Reich, wurde dann aber an Japan als Gegenleistung für die Anerkennung der Rechte Russlands auf Sachalin übergeben.

    Durch die Winde, den Nebel und die Wellen des Pazifiks machte sich die vom russischen Verteidigungsministerium und der Russischen Geographischen Gesellschaft organisierte Expedition auf den Weg nach Matua, um die Bastionen, die Gräben, die Flora sowie die ozeanische und insulare Fauna zu erforschen. Der Weg zur Insel ist durch Gestrüpp und ruppiges Gelände erschwert. Nicht ohne Grund kam es dort zu so vielen Schiffbrüchen. In einem Dokumentarfilm des russischen TV-Senders Swesda schildern Forscher, Taucher und Militärexperten der Expedition jeweils ihre Entdeckungen, die helfen sollen, die kniffelige Vergangenheit von Matua zu klären.

    Kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs entwickelte sich die Insel zum Hauptstützpunkt der Kurilen-Inselkette. Auf Matua entstand ein Bollwerk mit Panzerabwehrgräben, unterirdischen Tunnels und Verteidigungsgräben. Für die Offiziere wurde eine Untergrundresidenz in einer Anhöhe eingerichtet. Nach dem Kriegsausbruch lieferte Nazideutschland Brennstoff auf Matua. Die Insel wurde somit zu einem der Schlüsselmarinestützpunkte Japans. Im August 1945 kapitulierte dann die 7500 Mann starke japanische Garnison überraschend schusslos. Die Sowjetunion nahm Matua in Besitz.

    Bis 1991 war auf Matua dann eine sowjetische Formation stationiert. In dieser Zeit interessierten sich für die Geheimnisse der Insel nicht nur Historiker, sondern auch Politiker aus aller Welt. Der ehemalige US-Präsident Harry Truman bat Josef Stalin direkt nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, die Insel an die USA zu übergeben, die dort einen Marinestützpunkt einrichten wollten. Stalin schlug seinerseits vor, Matua gegen eine der Aleuten-Inseln (Alaska) zu tauschen. Die Frage wurde geschlossen.   

    Seit 1945 hielten russische Grenzschützer und später Luftabwehrtruppen auf der Insel die Stellung, bis ihre Basen im Jahr 2000 komplett stillgelegt wurden. Die Bewohner verließen Matua, bis heute ist die Insel unbewohnt. Sie beherbergt aber immerhin eine Vielzahl an Geheimnissen. Genau diese wollten die Spezialisten der russischen Expedition ergründen. 

    Geheimnisse von Matua

    Das größte Interesse schenkten die Experten den Untergrundanlagen. Die kampflose Kapitulation, die für Japaner absolut untypisch war, zeugt ihnen zufolge von einem durchdachten Plan. „Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass die Garnison ihre Hauptaufgabe erfüllte: Sie versteckte alle Spuren und vernichtete alle Fakten, die den echten Charakter der Geschehnisse auf der Insel hätten ans Licht bringen können“, sagte noch 2016 Admiral Sergej Awakjantz, Kommandeur der Pazifikflotte.

    Aus seiner Sicht war Matua eine strategische Plattform, die eine wichtige Rolle beim Ausbau und der Konfiskation von Kamtschatka spielen sollte. Das Geschirr mit den typischen Symbolen der Kaiser-Familie, das noch 2016 gefunden wurde, zeugt von der scharfen Aufmerksamkeit, die die japanische Führung dem Stützpunkt auf der Insel schenkte. Deren Hauptregel soll es gewesen sein, alles, was die Geheimnisse aufzudecken helfen konnte, wegzuschaffen, und den Rest zu verstecken. Die Tatsache, dass etwa 4000 Japaner auf der Insel nach der Kapitulation geblieben waren soll das bestätigen. 

    Warum kursierten so viele Schiffe nahe Matua?

    Unter den Schiffen, die nahe der Insel untergegangen waren, waren ein U-Boot der United States Navy USS Herring sowie mehrere japanische Schiffe.

    Die Herring, die knapp 1,3 Seemeilen vor der Küste von Matua stand, wurde eines Tages gegen 7.55 Uhr überraschend von einer nahe Point Tagan positionierten japanischen Küstenbatterie (52. Wachdivision) unter Beschuss genommen. Noch bevor das U-Boot vollständig abtauchen konnte, trafen zwei 14-cm-Granaten seinen Turm. Das Boot glitt mit durchlöchertem Turm unter die Wasseroberfläche; kurze Zeit später stiegen große Luftblasen auf. Ab diesem Zeitpunkt meldete sich die Herring nicht mehr und es gilt heute als sehr wahrscheinlich, dass das U-Boot durch die beiden Volltreffer der Küstenartillerie versenkt wurde.

    Die russische Expedition entdeckte vor Matua, wie zuvor berichtet wurde, zudem ein altes versunkenes Schiff. Der Pressemitteilung der Expedition zufolge handelt es sich dabei um den deutschen Kreuzer „Augsburg“. Der Name deutet auf den deutschen Panzerkreuzer hin, der 1920 im Rahmen von Reparationen an Japan übergegeben worden war. Nun wollen die russischen Spezialisten weitere Informationen bei ihren deutschen Kollegen einholen, um die Entstehungsgeschichte des Schiffs zu erfahren.

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    Tags:
    Geheimnisse, Pläne, Militär, Japan, USA, Russland