10:55 14 Dezember 2017
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    Erdloch in Sybirien (Archiv)

    Mysteriöse Erdlöcher in Sibirien: So reagiert die Tundra auf die Klimaerwärmung

    © Sputnik/ Pressedienst von dem Autonomen Kreis der Jamal-Nenzen
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    Vor gut vier Jahren haben Piloten auf einem Flug über die russische Halbinsel Jamal einen riesigen Krater auf der Erde gefilmt. In kürzester Zeit wurde das Video im Netz Millionen Mal angeklickt. Doch was war da eigentlich zu sehen? Ein meteoritischer Krater, ein schwarzes Loch, das Tor zur Hölle oder etwa ein Bodeneinbruch über einem Gasvorkommen?

    Im Sommer 2014 wurde eine Expedition mit Dr. Marina Lejbman vom Geokryosphären-Institut in der sibirischen Abteilung der Russischen Akademie der Wissenschaften an der Spitze auf die Halbinsel geschickt, wo ihre Mitglieder diesen Krater erforschen sollten. Jamal liegt in der Region des Permafrostbodens, der Tundra und vieler Seen. Die Erde ist hier mit Erdgas gefüllt, das vom Boden und Bodenbakterien ausgestoßen wird. Der Ort, wo der Bodeneinbruch entdeckt wurde, liegt mehrere Dutzend Kilometer südlich vom Bowanenkowo-Vorkommen, einem der größten Gaskondensat-Vorkommen Russlands.

    Die Forscher haben dort ein riesiges praktisch senkrechtes Loch gesehen, mit 25 Meter Durchmesser und über 50 Meter Tiefe. An seinen Rändern lagen Geröllhaufen, was eindeutig davon zeugte, dass sie aus dem Erdinneren ausgestoßen worden waren. Also war das definitiv kein Bodeneinbruch.

    Geröllhaufen an den Rändern des Trichters zeugen davon, dass dieses Gestein aus dem Erdinneren ausgestoßen wurde.
    © Sputnik/ Pressedienst von dem Autonomen Kreis der Jamal-Nenzen
    Geröllhaufen an den Rändern des Trichters zeugen davon, dass dieses Gestein aus dem Erdinneren ausgestoßen wurde.

    Zur Erforschung des Kraters wurden mehrere Expeditionen organisiert. Die Geologen dokumentierten ihre Eindrücke ausführlich, machten Foto- und Videoaufnahmen mit Drohnen und stiegen in das Erdloch nieder. Geophysiker beschrieben ihrerseits die Form des Trichters und die Zusammensetzung des umliegenden Bodens. Niemand von den Experten hatte zuvor so etwas gesehen. „Wir waren Augenzeugen eines faszinierenden Naturphänomens“, schrieben die Forscher in einem Beitrag für die Zeitschrift „Cholodok“, der Ende 2014 veröffentlicht wurde.

    Ort, wo 2013 der erste nach einem Gasausstoß entstandene Trichter entdeckt wurde.
    © Sputnik/ Alina Polyanina
    Ort, wo 2013 der erste nach einem Gasausstoß entstandene Trichter entdeckt wurde.

    Krater in der Tundra und auf dem Meeresboden

    Der auf Jamal entdeckte Trichter ähnelt teilweise Kratern auf dem Ozeanboden, über deren Herkunft Wissenschaftler seit den 1970er Jahren diskutieren. Die russischen Forscher bewiesen, dass es sich um die Spuren von Methanausstößen handelt, das sich in jungen Bodenablagerungen anhäuft und irgendwann explodiert. Zwar sind Unterwasserobjekte wesentlich größer als das auf Jamal entdeckte „Loch“, aber nach einer gründlichen Analyse stellten die Wissenschaftler fest, dass es in der Tundra zu einem unterirdischen Gasausstoß gekommen war. Bei dieser Auffassung bleiben sie auch bis heute.

    Experten vermuten, dass Erdgas wegen des schmelzenden Eisbodens ausgestoßen wird. Es wurde beispielsweise von einer „Methanbombe“ geschrieben, die Sibirien bedrohen würde, falls der Schelf des Arktischen Ozeans tauen sollte. „Die Gefahr solcher Methanausstöße ist aus meiner Sicht sehr übertrieben, und meine Meinung teilen auch viele andere Forscher“, erläuterte Marina Lejbman. Welche Formen diese Erscheinung annehmen könnte, konnte sich natürlich niemand vorstellen.

    Satellitenaufnahmen (von der Präsentation von Marina Lejbman) zeigen einen Hügel an der Stelle des künftigen Methanausstoßes (links) und einen Trichter (rechts).
    © Foto: © DigitalGlobe / RDC Scanex
    Satellitenaufnahmen (von der Präsentation von Marina Lejbman) zeigen einen Hügel an der Stelle des künftigen Methanausstoßes (links) und einen Trichter (rechts).

    Die Wissenschaftler haben viele in den vergangenen Jahren gemachte Satellitenfotos analysiert und die Entstehungsgeschichte des Kraters analysiert. Auf den Bildern vom 9. Oktober 2013 ist an dieser Stelle ein fünf bis sechs Meter hoher Hügel, und vom 1. November 2013 an derselben Stelle ein 16 Meter großes Loch zu sehen. Ein Jahr darauf war es bereits 25 Meter groß. Allmählich wurde der Krater mit Wasser gefüllt. Jetzt liegt hier ein 85 Meter breiter See.

    An der Stelle des Trichters befand sich 2016 bereits ein See
    © Foto: Archiv des Instituts der Geokryosphäre bei der Russischen Akademie der Wissenschaften
    An der Stelle des Trichters befand sich 2016 bereits ein See

    Gasattacke

    Der Boden auf Jamal ist bis in eine Tiefe von 130 Metern mit Methan gefüllt, das sich im Eisboden ansammelt. Das Gas ist dort zuverlässig blockiert, denn die Temperatur des Eisbodens beträgt etwa minus sieben Grad – selbst im Sommer. Aber in der Arktis wurde es in den letzten Jahrzehnten wesentlich wärmer: Seit 1993 ist die durchschnittliche Temperatur um 1,8 Grad gestiegen. Auch der Permafrostboden wurde wärmer. Vor diesem Hintergrund spielte der anomal warme Sommer 2012 nach Einschätzung der Wissenschaftler eine gewisse Rolle für den Gasausstoß.

    Die Forscher vermuten, dass dies mit der Zerlegung von im Eisboden „konservierten“ Gashydraten – Wasser- und Gaskristallen – verbunden ist. Das Methan befindet sich mitten im Eisboden und kann sich nicht befreien. Der Druck wird aber zunehmend größer, und irgendwann kommt es zu Gasausstößen. Das ist gefährlich für die Menschen, die sich eventuell dort aufhalten könnten. Allerdings ist die Gegend unbelebt, und deshalb sehen die Wissenschaftler keine besonderen Risiken in diesem Zusammenhang.

    Risikozonen

    Geologen haben insgesamt sechs Trichter entdeckt, die wegen Gasausstößen entstanden waren. Fünf von ihnen entstanden vermutlich 2013 und ein weiterer im Juni 2017. Dabei soll die Entstehung des letzteren laut Medienberichten ein Rentierzüchter beobachtet haben. Der Methanausstoß ereignete sich etwa 30 Kilometer vom Dorf Sejacha entfernt, am Ufer eines Flusses.

    Höchstwahrscheinlich wird es in der Tundra auch zu weiteren Gasausstößen kommen. Wie oft und wo genau, ist eine große Frage. Unter Mitwirkung der russischen Forschungsstiftung (Projekt Nr. 16-17-10203) entwickelt die Forschergruppe um Marina Lejbman eine Methode zur Erstellung einer Landkarte, auf der die „Risikozonen“ auf Jamal markiert werden. Aber vorerst „lassen sich die Orte, wo es mit Gas ‚gefüllte‘ Hügel gibt, nicht unifizieren“, räumte die Expertin ein.

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