22:22 05 Juli 2020
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    Arte zeigt am 12. Dezember den Dokumentarfilm „Tod eines Bankers“ von Moritz Enders über den mysteriösen Tod des Pressesprechers der ältesten Bank der Welt. Der Film erzählt auch von kriminellen Machenschaften im europäischen Bankensektor. Eine Schlüsselrolle beim italienischen Bankenskandal spielt EZB-Chef Mario Draghi.

    Der Pressechef der Banca Monte dei Paschi di Siena, David Rossi, stürzte am 6. März 2013 aus dem Fenster seines Büros. War es Selbstmord oder Mord? Dieser Frage geht Moritz Enders in seinem Dokumentarfilm „Tod eines Bankers – Der Skandal um die älteste Bank der Welt“ nach. Der Autor deckte bei seinen Recherchen nicht nur weitere mysteriöse Todesfälle im Umfeld der Bank auf, sondern stößt auch auf semi-kriminelle Verbindungen im internationalen Bankensektor, grundlegende Systemkrankheiten der Finanzindustrie und die unrühmliche Rolle von Politik und Europäischer Zentralbank. Der so entstandene Dokumentarfilm hat am 12. Dezember auf dem deutsch-französischen TV-Sender ARTE Premiere.

    Enders gelingt zusammen mit Co-Autor Ingolf Gritschneder ein packender Finanzkrimi, der noch lange nicht zu Ende erzählt ist. Die Umstände des Todes von David Rossi sind bis heute nicht geklärt. Klar ist, dass er kurz davor stand auszupacken. Dies hatte er zwei Tage vor seinem Tod dem Chef der Bank per Email angekündigt. Die Aufnahmen der Überwachungskamera, auf der sein Sturz aus dem Fenster zu sehen ist, wurden zum Teil gelöscht. Experten, die den Sturz nachkonstruiert haben, sind sich sicher, dass Rossi nicht gesprungen ist, sondern aus dem Fenster gestoßen wurde.

    Die älteste Bank der Welt

    Die Monte dei Paschi wurde im Jahre 1472 in der italienischen Kleinstadt Siena in der Toskana gegründet. Durch wertkonservatives Wirtschaften stieg das Geldhaus bis zu den Neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zur drittgrößten Bank Italiens mit 30.000 Mitarbeitern auf. In den 2000er Jahren expandierte die Monte dei Paschi und kaufte diverse Kreditinstitute auf. Mit der völlig überteuerten Übernahme der Bank Antonveneta für 17 Milliarden Euro geriet die Bank in eine finanzielle Schieflage. Die Übernahme wurde vom damaligen Chef der italienischen Notenbank und damit Chef der italienischen Bankenaufsicht Mario Draghi abgesegnet. Draghi ist heute Chef der Europäischen Zentralbank (EZB).

    Autor Enders sagt im Interview mit den Deutschen Wirtschafts-Nachrichten:

    „Die Bank wurde in den 90ger Jahren privatisiert, aber im Grunde von der Politik nie von der Leine gelassen. Vor allem die italienische PD (Partito Democratico – stärkste politische Partei in Italien, Anm. d. R.) nutzte sie als ihren Bankautomaten. Zum Sündenfall kam es dann im Jahr 2009, als man die Banca Antonveneta zu einem aberwitzigen Preis übernahm. Denn hier war nicht nur der Kaufpreis zu stemmen, sondern auch die Schulden des übernommenen Bankhauses. Die italienische Bankenaufsicht – angesiedelt bei der Banca d‘Italia – hätte diesem Deal niemals zustimmen dürfen. Und deren Gouverneur war seinerzeit Mario Draghi.“

    Zocken in London

    Die eigentliche Story des Films entfaltet sich aber nicht in der Kleinstadt Siena, sondern auf dem europäischen Finanzparkett in London. Dort spekulierte die Monte dei Paschi vor allem mit Derivaten, hochriskanten Modellen, die auf Preisentwicklungen in der Zukunft wetten. In diesem Finanzbereich kann man überdurchschnittlich hohe Gewinne erzielen, wobei gleichzeitig ein unkalkulierbares Verlustrisiko eingegangen wird. Es wird quasi gezockt, auf die Zukunft gewettet. Die Bank verbuchte diese Hochrisiko-Geschäfte allerdings als sichere Staatsanleihen in ihren Büchern. Durch diese Fälschung kam der Schuldenberg erst relativ spät ans Licht.

    Der Pressechef der Monte dei Paschi David Rossi
    Der Pressechef der Monte dei Paschi David Rossi

    Pressechef Rossi, als rechte Hand des inzwischen verhafteten damaligen Chefs der Monte dei Paschi Giuseppe Mussari, kannte mit Sicherheit die Bilanzen der Bank. Und Rossi blieb nicht der einzige Todesfall im Umfeld der Monte dei Paschi. Die Autoren des Films listen mindestens sechs Todesfälle auf. So erhängte sich ebenfalls unter mysteriösen Umständen einer der bekanntesten Derivatehändler der Deutschen Bank in London, der der Monte dei Paschi geholfen haben soll, ihre Bilanzen zu fälschen und die Milliardenverluste zu verschleiern.

    Schuldenberge

    Die älteste Bank der Welt ist Sinnbild für die Banken- und damit die Systemkrise der kapitalistischen Finanzwelt. Lokale Player, die bei der Globalisierung mitmischen wollen und Finanzmodelle wie Derivate oder Cum-Cum und Cum-Ex-Geschäfte nutzen, die so kompliziert sind, dass sie selbst von Experten oft nur zum Teil durchschaut werden und sich so leichter hinter Fragezeichen verstecken lassen.

    Das Schmieröl der heutigen Finanzwelt sind Schulden. Allein die italienischen Banken sitzen auf faulen Krediten von über 300 Milliarden Euro – Geld in einer unvorstellbaren Größenordnung, das nie zurückgezahlt werden kann und wird. Allein die Monte dei Paschi hatte Kredite von fast 50 Milliarden Euro vergeben.

    Mario Draghis Unterschrift unter der Genehmigung der Banca d'Italia für den kauf der Antonveneta durch die Monte Paschi
    Mario Draghis Unterschrift unter der Genehmigung der Banca d'Italia für den kauf der Antonveneta durch die Monte Paschi

    Ganz Italien ist mit 900 Milliarden Euro im Ausland verschuldet. Oft ist Deutschland der Kreditgeber. Italien lebt quasi auf Pump. Die EU setzt alles daran, die Staatspleite abzuwenden, damit das ganze Konstrukt nicht ins Wanken gerät. Wenn Italien aus dem Euro austritt oder Pleite geht, wären auch die 900 Milliarden futsch. Und genau davon lebt das System und muss immer weiter laufen. Die EZB druckt immer neues Geld, und die Banken geben immer neue Kredite. Sollten große, sogenannte systemrelevante Banken in Schieflage geraten, werden sie vom Staat mit Steuergeldern gestützt – so auch jetzt die Monte dei Paschi. Sollte dies nicht geschehen, würde es zu einem Aufstand der vielen zehntausend Kleinanleger der Bank in Italien kommen. Das wiederum wäre Gift für die Politik. Und damit sind wir wieder bei Mario Draghi und der Rolle der EZB.

    Der Fehler hat System

    Der Verdienst von Enders‘ Film besteht darin, den Wahnsinn des heutigen Finanzsystems aufzuzeigen. So ist die Einordnung des Geschehens durch hochkompetente Experten, die es schaffen, die komplizierte Materie anschaulich zu machen, der größte Mehrwert dieses Films.

    Wie der Ökonom Daniel Stelter bei der Vor-Premiere von „Tod eines Bankers“ den Fall Monte die Paschi mit einfachen Worten erklärte: „Eigentlich ist die Bank pleite, aber man tut so, als sei sie nicht pleite, weil die tatsächliche Pleite viel schlimmer wäre für alle – für die Bank, für die Anleger und für die Politik.“

    Der ehemalige Chef des Bundesverbandes Öffentlicher Banken Deutschlands Bernd Lüthje, der ebenfalls zur Filmpremiere auf dem Podium saß, schlägt vor, Investmentbanken von „normalen“ Banken zu trennen, und dass die normalen Banken, die das Geld der Sparer verwalten, nicht zocken dürfen. Investmentbanken auf der anderen Seite sollten „ganz streng kontrolliert“ werden.

    Es wird deutlich, dass die Gier Banker sogar über Leichen gehen lässt und die Politik ein vitales Interesse daran hat, dass immer weiter Geld gedruckt wird und das System immer wieder weitere vier Jahre Wahlperiode durchdreht. Für einen Full-Stop, für eine grundlegende Systemänderung scheint es zu spät zu sein. Sie ist auch nicht möglich, so lange ehemalige Banker wie Mario Draghi selbst an den Gelddruckmaschinen sitzen und somit das System am Laufen halten. Draghi wird in seiner Position alles dafür tun, seine eigene Schuld zu verwischen und die italienische Blase nicht platzen zu lassen. Es steht jedoch zu befürchten, dass der nächste Crash der Finanzwelt viel heftiger ausfallen wird als 2008 und das gesamte System ins Wanken bringen könnte. Die Männer an der Londoner Börse und an den Schalthebeln der Macht dürften bis dahin ihre Schäfchen im Trockenen haben. Der kleine Sparer wird zahlen.

    „Tod eines Bankers – Der Skandal um die älteste Bank der Welt“ läuft am 12. Dezember um 21.50 Uhr auf ARTE.

    Armin Siebert

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    Tags:
    Spekulationen, Wirtschaft, Kriminalität, Schulden, Bankrott, Bank, Europäische Zentralbank (EZB), arte, Mario Draghi, Italien