11:30 26 April 2018
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    Gedenkstätte in Nanjing

    Eines der grausamsten Verbrechen des 20. Jh. wird Gegenstand von Spekulationen

    CC BY-SA 3.0 / Dr. Meierhofer / Nanjing Massacre Memorial Site, Nanjing (China)
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    Die japanische kaiserliche Armee hatte die chinesische Hafenstadt Nanjing vor exakt 80 Jahren besetzt, am 13. Dezember 1937. Sogleich tosten die Besatzer wie im Blutrausch durch die Stadt: Massenmorde, Vergewaltigungen, Folter – mehrere Wochen lang wurde Nanjing massakriert. Davon will in Japan so manch einer nichts mehr wissen.

    An grausamer Raffinesse waren die Täter kaum zu überbieten, schreibt das Portal „vz.ru“: Da hatten zwei Offiziere der kaiserlichen Armee – Mukai Toshiaki und Noda Tsuyoshi – gewettet, wer von ihnen schneller 100 Menschen umbringt. Wohlgemerkt: ohne Feuerwaffe. So ein Wettstreit könne doch die Kampfmoral der Soldaten nach den ermüdenden Häuserkämpfen in Schanghai heben, dachten sich die beiden, schreibt das Portal.

    Die Eroberung Shanghais nämlich war den japanischen Truppen schwerer gefallen als vom Oberkommando geplant: ungefähr jeder vierte Soldat der japanischen kaiserlichen Armee war in der Schlacht gefallen. Danach folgte der schwere Marsch von Shanghai nach Nanjing und – statt der erhofften Sofortkapitulation – der dreitägige, verlustreiche Kampf um diese Stadt. Die Bestialität der Japaner rechtfertigt dies keineswegs, so das Portal, denn in Nanjing wüteten sie jenseits aller menschlichen Moralvorstellungen.

    Massaker von Nanjing (Archivbild)
    Massaker von Nanjing (Archivbild)

    Die Wette der beiden Offiziere wurde jedenfalls von der japanischen Presse aufgegriffen. Wie über einen sportlichen Wettbewerb berichteten die Zeitungen in Tokio darüber: „Unvorstellbarer Rekord“, titelte eine von ihnen laut dem Portal.

    Nur stand da der Sieger immer noch nicht fest: Toshiaki und Tsuyoshi erfüllten ihr „Soll“ nahezu gleichzeitig. Eine neue Wette war schnell geschlossen: pro Mann 150 Hinrichtungen auf Zeit. Dass diese Hinrichtungen außergerichtlich stattfanden und internationale Abkommen über die Behandlung mit Kriegsgefangenen verletzten, war aus Sicht der Japaner keineswegs verwerflich, so das Portal.

    Das japanische Armeeministerium hatte die kaiserlichen Truppen laut dem Portal noch im August 1937 darüber informiert, dass völkerrechtliche Verträge in Bezug auf die Chinesen als ungültig angesehen werden dürfen. Die Kriegsverwaltung wurde angehalten, die Chinesen gar nicht erst als Kriegsgefangene zu bezeichnen.

    Vor der Einnahme Nanjings erging dann ein Befehl – von Prinz Asaka Yasuhiko, dem Oberbefehlshaber der Shanghaier Expeditionsarmee gezeichnet –, die Gefangenen zu töten. Einige Historiker behaupten, die Unterschrift des Prinzen sei von seinem Adjutanten gefälscht worden. Nur sei das, schreibt das Portal, kaum stichhaltig: Die Verantwortung des Prinzen als Kommandeur für die Taten seiner Truppen bleibe ohnehin bestehen.

    Eine Stadt im Gemetzel

    Sofort nach der Einnahme Nanjings machten die Japaner Jagd auf chinesische Soldaten. Als solche galten alle Männer im wehrfähigen Alter, die an ihren Körpern gewisse Spuren aufwiesen: Schürfwunden an den Schultern, blaue Flecken am Schlüsselbein (von den schweren Armeerucksäcken), Schwielen an den Händen, Wunden im Gesicht, aufrechter Gang oder auch nur ein dreister Blick – das alles war den japanischen Truppen laut dem Portal Beweis genug.

    Gesäubert wurde auch die internationale Sicherheitszone, die genau davor eigentlich geschützt sein sollte. Die Gefangenen wurden aus Maschinengewehren am Ufer des Jangtse erschossen. Das größte Gemetzel fand am 18. Dezember statt, so das Portal: Drei Stunden lang banden die Japaner chinesische Gefangene aneinander, teilten sie dann in vier Gruppen auf und erschossen sie. Wer im Kugelhagel nicht sofort umkam, dem wurde mit Bajonetten der Todesstoß verpasst. Die Leichen wurden in den Jangtse geworfen – nach gängigen Schätzungen 57.000 Menschen insgesamt.

    Massaker von Nanjing (Archivbild)
    Massaker von Nanjing (Archivbild)

    Dabei ging es nur um Männer, angeblich ehemalige Soldaten, die sich als Zivilisten verkleidet hatten. Frauen wurden dessen natürlich nicht verdächtigt. Nur eine Rettung war das für sie nicht, schreibt das Portal.

    Japanische Truppen stürmten in die Häuser Nanjings und vergewaltigten alle Frauen, die sie dort vorfanden – ohne Rücksicht auf das Alter. Bei geringstem Widerstand wurden die Opfer erdolcht und erstochen. Es wurden Fälle überliefert, dass Söhne gezwungen wurden, ihre Mütter zu vergewaltigen, und Väter ihre Töchter. Überliefert wurden auch Bilder getöteter Kinder und aufs Raffinierteste geschundener Leichen.

    In den Tokioter Prozessen wurde die Gesamtzahl der Vergewaltigungsopfer laut dem Portal mit 20.000 angegeben.

    Auch den Frauen hatte die internationale Sicherheitszone keinen Schutz geboten. Die Japaner kamen täglich dorthin und entführten junge Frauen. Das Internationale Komitee, das die Sicherheitszone beaufsichtigte, reichte 450 Beschwerden über das Verhalten der japanischen Truppen ein. Jede davon liest sich, so das Portal, wie ein Bericht über die Taten eines wahnsinnigen Serienmörders.

    Dennoch konnten bis zu 250.000 Menschenleben in der Sicherheitszone gerettet werden – vor allem auf Betreiben ihres Kommandanten John Rabe, der bei den Japanern als NSDAP-Mitglied Immunität genoss.

    Nach Kriegsende wurde gegen Rabe – dann bereits in Deutschland – wegen Beteiligung an Nazi-Verbrechen ermittelt: Zwei Mal wurde er deswegen festgenommen, zwei Mal wurde er wieder freigelassen. Er starb 1950, ein Denkmal am Mahnmal für die Opfer des Nanjing-Massakers erinnert an den Deutschen, der über 200.000 Menschen das Leben gerettet hatte.

    Verfälschung der Geschichte

    Das Massaker von Nanjing ist bis heute ein sehr wunder Punkt in den Beziehungen zwischen China und Japan, die laut dem Portal ohnehin ziemlich konfliktgeladen sind. Überraschend ist das nicht: Die Tragödie von Nanjing ist – besonders seit der zweiten Hälfte der 1980er Jahre – ein Geschichtsereignis, dessen Andenken alle Schichten der chinesischen Gesellschaft eint.

    Massaker von Nanjing (Archivbild)
    Massaker von Nanjing (Archivbild)

    Doch wie es mit nationalen Tragödien oftmals ist, werden ihre Ausmaße, so das Portal, unterschiedlich geschätzt: Die einen sprechen von 40.000, die anderen von bis zu 300.000 Opfern. Worin sich die chinesische Gesellschaft laut dem Blatt jedoch weitestgehend einig ist, ist die Forderung an die Japaner, die Tat endlich öffentlich zu bereuen.

    Als erster hatte 1972 Japans damaliger Premierminister Tanaka Kakuei eine entsprechende Rede gehalten. 1995 entschuldigte sich der damalige Premier Murayama Tomiichi für die Massenvergewaltigungen in Nanjing. Als Tomiichi sich dann im August desselben Jahres auch für Japans Kriegsverbrechen in China öffentlich entschuldigte, schien es so, als stünde der Normalisierung der Beziehungen dieser beiden Länder nichts im Wege – bis zur Schulbuchreform von 2001.

    Die neuen Geschichtsbücher für japanische Schulen – herausgegeben mit Zustimmung der Regierung in Tokio – verschwiegen nämlich laut dem Portal alle japanischen Kriegsverbrechen seit 1910. Zum Thema Nanjing stand in einem Lehrwerk: „Die japanische Armee besetzte Nanjing im Dezember 1937.“ Massenproteste in China und Südkorea waren die Folge dieser Veröffentlichung.

    Danach äußerten sich mehrere japanische Politiker zu diesem Thema ausgesprochen reaktionär – offenbar um die Wählerschaft am rechten Rand zu mobilisieren, schreibt das Portal. „Das Massaker von Nanjing hat es möglicherweise gar nicht gegeben“, sagte etwa der Bürgermeister der Millionenstadt Nagoya, Takashi Kawamura.

    Dass das Massaker wirklich stattgefunden hatte, ist in der japanischen Gesellschaft und unter den meisten Historikern indes Konsens, so das Portal. Mehr noch: Auch die Zahl der Opfer, die in den Tokioter Prozessen genannt wurde, entspricht im Großen und Ganzen dem, was die Wissenschaft dazu angibt. Im Jahr 2010 ist sogar eine gemeinsame Abhandlung chinesischer und japanischer Militärhistoriker dazu veröffentlicht worden.

    In der Politik aber findet offenbar ein Bewusstseinswechsel statt. Japans Kriegsverbrechen wurden vor den 2000er Jahren allein von Ultrarechten bestritten, schreibt das Portal. 2014 aber erklärte der Vorstandsvorsitzende des japanischen TV-Senders NHK, das Nanjing-Massaker habe es nicht gegeben. NHK ist übrigens der größte Sender des Landes – und eine der größten Sendeanstalten weltweit. Der Staat ist daran direkt beteiligt.

    Wann es angesichts solcher Ausgangsvoraussetzungen soweit sein wird, dass die Tragödie von Nanjing das Verhältnis Chinas und Japans nicht länger bestimmt, ist schwer zu sagen. Für japanische Ultranationalisten kommt Reue jedenfalls nicht in Frage: Die Erinnerung an Nanjing ist für diese Kreise laut dem Portal ein Akt der nationalen Selbstkasteiung.

    Eine weiße Blume als Gedenksymbol für Opfer des Massakers von Nanjing
    © AFP 2018 / Chandan Khanna
    Eine weiße Blume als Gedenksymbol für Opfer des Massakers von Nanjing

    Doch auch für die chinesische Gesellschaft wären Vergebung und Frieden mit den Japanern aktuell eher ein Hemmnis, dienen Japaner doch laut dem Portal als universelles Feindbild, welches die Gesellschaft durchaus zu einen vermag.

    Und für die südkoreanische Führung sind geschichtliche Gräben zwischen China und Japan ein willkommener Anlass, sich Peking anzunähern, um somit ein sanftes Druckmittel gegen Japan und die USA in die Hand zu bekommen.

    Dass China das bestialische Wüten der Japaner in Nanjing nicht vergessen wird, ist indes sicher, so das Portal – ebenso sicher wie die Tatsache, dass Russland die Opfer des Großen Vaterländischen Krieges nicht vergessen wird.

    Tags:
    Massaker, Geschichte, Hinrichtung, Genozid, Nanjing, Japan, China
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