21:41 19 Juli 2018
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    Heilpraktiker auf dem Prüfstand: „Humbug“ oder „unliebsame Konkurrenz“?

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    Die Bundesärztekammer attackiert seit jüngstem Heilpraktiker und fordert eine starke Einschränkung ihres Tätigkeitsgebietes. Der Fachverband Deutscher Heilpraktiker ist überzeugt: Hier soll unliebsame Konkurrenz beseitigt werden. Eine Medizinethikerin verurteilt dagegen die Willkür und die niedrigen Standards in der Heilpraktiker-Ausbildung.

    Juli 2016. In einem alternativen Krebszentrum im deutschen Brüggen-Bracht an der Grenze zu Holland sterben eine Belgierin sowie eine Frau und ein Mann aus den Niederlanden kurz nach einer Behandlung mit dem nicht als Arzneimittel zugelassenen Wirkstoff 3-Bromopyruvat. Die Krefelder Staatsanwaltschaft leitet Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung ein.

    Am 5. Dezember 2017 spricht sich der Vorsitzende der Bundesärztekammer Frank Ulrich Montgomery im Gespräch mit dem Tagesspiegel für die höchstmögliche Einschränkung des Handlungsspielraums von Heilpraktikern aus. Das ist kein Zufall, denn im Jahr 2018 sollen Änderungen der Überprüfungsrichtlinien für Heilpraktiker vorgenommen und die Prüfungen zum Heilpraktiker vereinheitlicht werden. Diese Vereinheitlichungen können für die Heilpraktiker enger oder weiter ausfallen. Besonders kritisiert Montgomery in seinem Angriff auf die Branche, dass die Alternativmediziner invasive Eingriffe vornehmen und auch Krebspatienten behandeln dürfen. Als Beispiel führt er den Vorfall aus Brüggen-Bracht an.

    Für Christian Wilms, den Präsidenten des Fachverbands Deutscher Heilpraktiker, steht fest: „Hier will man unliebsame Konkurrenz beseitigen.“ Dafür kreiere Montgomery „ein Gefährdungspotential, das nicht existiert“, denn der Fall sei noch nicht abgeschlossen, deswegen bewege sich Montgomery an der Grenze zur Vorverurteilung.

    Für den Stand der Heilpraktiker gelte aber, so Wilms, dass die Naturheilkunde, deren sie sich bedient „mit den jetzigen wissenschaftlichen Methoden nicht nachweisbar“ sei. Trotzdem hätten viele Methoden ihre Wirksamkeit. Dabei beruft er sich auf jahrhundertelange Praxis, also Erfahrungsheilkunde im Gegensatz zur wissenschaftlichen Schulmedizin.

    Ein positives Beispiel sei die Akupunktur, die vor einigen Jahrzehnten nicht nachweisbar wirkte, deren Wirkung dann nachgewiesen wurde, sodass die Behandlungen mittlerweile auch von den Krankenkassen übernommen werden. Die vereinheitlichten Richtlinien sollten nach Wilms schlichtweg gewährleisten, dass der Heilpraktiker „verantwortungsvoll im Beruf ist und erkennt, wo seine Grenzen sind und weiß, wo er nicht mehr weiterbehandeln darf“.

    Diese Argumente genügen Prof. Bettina Schöne-Seifert nicht. Sie war maßgeblich am Münsteraner Memorandum beteiligt, einer Schrift, in der eine Abschaffung oder radikale Neuorganisation des Heilpraktikerwesens gefordert wird. Sie ist mit Montgomerys Forderungen einverstanden, weil „es immer wieder zu Zwischenfällen und schwerwiegenden Fehlbehandlungen durch Heilpraktiker kommt“ – wie etwa bei den bereits erwähnten Krebsbehandlungen.

    Weit schlimmer sind für sie aber „die Fehler durch Unterlassung oder Verschieben von rechtzeitigen Diagnosen“. Über solche Fälle gebe es keine Daten, denn eindeutig zu bestimmen, ob etwas sowieso eingetroffen wäre oder durch Unterlassung geschehen ist, ist keine einfache Angelegenheit.

    Aber nicht nur, dass Heilpraktiker wichtige medizinische Behandlungen mit alternativer Medizin hinauszögern. Die alternative Medizin selbst ist weder in der Ausbildung noch in der Praxis geregelt. Es gebe 200 bis 300 unterschiedliche alternativmedizinische Therapien, von der Reinkarnationstherapie bis zu Homöopathie. „Das meiste ist aus den Augen der wissenschaftsorientierten Therapie Humbug“, so die Medizinerin.

    Kein Wunder, denn einer 11-jährigen Ausbildungsphase der Ärzte stehen derzeit nach Schöne-Seifert eine mündliche Prüfung sowie eine Multiple-Choice-Prüfung gegenüber, bei der man 45 von 60 Antworten richtig haben muss. Hinzu kommen noch die Bestimmungen, dass der Geprüfte über 25 Jahre alt sein muss, keinen Eintrag im Führungszeugnis haben darf und eine Grundschulausbildung abgeschlossen hat. Ist das gegeben, erhalte man das staatliche Siegel und könne praktizieren. Das Problem an dem Siegel: Es vermittle, die Betreffenden seien „so etwas wie Ärzte light, aber sie sind es ganz und gar nicht“.

    Die Antwort auf Wilms‘ Darstellung, die Wirksamkeit sei nur noch nicht erforscht, lautet: „Das ist eine selbstimmunisierende Behauptung, die man immer formulieren kann.“ Studien und Metastudien hätten ergeben, dass an Homöopathie nichts dran sei. Im Übrigen würde alles, was als wirksam nachgewiesen werden kann, in die wissenschaftliche Medizin integriert, das sei auch im Fall der Akupunktur bei Kopf- und Rückenschmerzen geschehen. Zu erwarten sei ein Wirksamkeitsnachweis nach Schöne-Seifert auch bei bestimmten Aspekten der manuellen Therapie und Osteopathie.

    Von der Vereinheitlichung der Heilpraktikerprüfung 2018 erhofft sich die Medizinerin aber „nicht viel“. Etwas schwieriger und anspruchsvoller würde die Prüfung zwar werden, aber an der „Grundproblematik ändert das nichts“. Aus ihrer Sicht gelte es, Heilpraktikern alle invasiven Handlungen, bei denen dem menschlichen Körper Substanzen zugeführt werden, zu verbieten oder die Ausbildungsstandards zu ändern, indem zum Beispiel Heilpraktiker nur werden könnte, wer vorher einen medizinischen Fachberuf erlernt hat.

    In einer Sache steht für Schöne-Seifert die Schulmedizin der alternativen Medizin nach: Sie geht mit dem Patienten nicht so um, wie sie sollte – unter Zeitdruck, ohne recht zuzuhören, ohne die nötige Empathie. Das treibe viele Patienten zu den Heilpraktikern. Hier wäre wohl für die wissenschaftlich orientierte Medizin noch etwas zu lernen.

    Valentin Raskatov

    Tags:
    Heilpraktiker, Arbeit, Tätigkeit, Verbot, Bundesärztekammer, Deutschland
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