03:22 23 Januar 2018
SNA Radio
    Eisbär (Symbol)

    Eisbärenzucht ist ein Irrweg – Tierschutzbund

    CC0
    Panorama
    Zum Kurzlink
    0 812

    Im Tierpark Berlin und in Gelsenkirchen gibt es Nachwuchs bei den Eisbären. Doch der Deutsche Tierschutzbund kritisiert: Die Eisbären sind ein Beispiel, bei dem die Zootierhaltung nicht funktioniert. Das zeige sich an der hohen Sterberate bei den Jungtieren.

    Finden junge Eisbären hierzulande die Bedingungen zum Aufwachsen? Die nackten Zahlen sagen eher: Nein. Seit 2005 haben in Deutschland fast 60 Prozent der geborenen Jungtiere nicht überlebt, schreibt der Tierschutzbund in einer Pressemitteilung. Auch der bekannteste Eisbär der Welt taucht in dieser Statistik auf: „Knut“ wurde im Dezember 2006 im Zoologischen Garten in Berlin geboren und starb plötzlich und unerwartet im März 2011. Bei dem Tier wurde ein Gehirnschaden festgestellt.

    Dass Jungtiere sterben, ist auch in freier Wildbahn nichts Ungewöhnliches. Darum kommen pro Wurf meist zwei oder sogar drei zur Welt. „Da die Jungtiersterblichkeit aber in Zoos augenscheinlich nicht besser ist als in der Natur, obwohl man im Zoo Faktoren wie Nahrungsmangel und Krankheiten ausschalten kann, kritisieren wir die Haltung der Eisbären“, sagt James Brückner vom Deutschen Tierschutzbund. Die große Frage ist: Warum sterben die Eisbären trotz besserer Bedingung in den Zoos?

    Ist Deutschland zu laut für Eisbären?

    Im Gelsenkirchener Zoo gab es Anfang Dezember Nachwuchs. Doch nur eines von drei neugeborenen Eisbärbabys hat die ersten Tage überlebt. Im Tierpark Berlin wurden im vergangenen Jahr zwei Eisbären geboren. Ein Junges starb wenige Stunden nach der Geburt, das zweite, der Eisbärjunge Fritz, im Alter von vier Monaten. Anfang Dezember dieses Jahres brachte die jetzt 8-jährige Mama Tonja ein neues Baby zur Welt.

    Der Tod von Fritz ist aber trotz intensiver Untersuchungen unterschiedlicher Fachärzte bis heute ein ungelöstes Rätsel. Eine mögliche Erklärung: „Eisbären sind während der Geburt und Aufzuchtzeit sehr störanfällig für alles, was von draußen an Unruhe reinkommt“, erklärt Tierschützer Brückner. Ein Problem in den Zoos: Lärmquellen könnten nicht einfach abgeschaltet werden. Dort herrsche nun mal Betrieb. Ob Eisbärenmütter ihren Nachwuchs verstoßen, weil es zu laut ist, sei laut Brückner Spekulation. Feststehe, dass viele Tiere Verhaltensauffälligkeiten zeigten und die Gehege unzureichend ausgestattet seien. Auch die Aufzuchtquote sei zu niedrig. Deshalb hält der Tierschutzbund Eisbären für nicht Zoo-tauglich. 

    Können Eisbären nur in Zoos überleben?

    In freier Natur steht es schlecht um den Eisbären. Wegen der Klimaerwärmung schmilzt das Eis. Wildlebende Bären finden schwerer Futter. Die Population schwindet. Der Tierpark Berlin argumentiert, der Eisbär sei der beste Botschafter, um auf den Klimawandel hinzuweisen. „Da muss man sich anschauen, was machen die Zoos eigentlich?“ fragt Brückner. „Sie halten Eisbären, aber sie wildern sie nicht aus. Das würde nicht funktionieren. Die Tiere haben weder gelernt zu jagen noch mit den Bedingungen zurechtzukommen.“

    Es sei eine Grundsatzfrage: Sollen Zoos diese Tiere erhalten? Auch wenn sie sich nicht so verhalten, wie sie es in der Natur täten? „Salopp gesagt sind es dann nur Abziehbilder, die nichts mit der eigentlichen Tierart zu tun haben“, gibt Brückner zu bedenken. Eisbären seien Flaggschiff-Arten und für die Besucher attraktiv. Der Artenschutzbeitrag sei aber gering oder gar nicht vorhanden. Man müsse sich fragen, ob die Bemühungen und der finanzielle Aufwand sich lohnten. Es gebe Tierarten, die man wesentlich leichter züchten und auswildern könne, wie etwa Amphibien, deren Lebensraum in Deutschland bedroht ist.

    In Gelsenkirchen und im Tierpark Berlin hoffen Besucher und Personal, dass die jungen Eisbären über den Winter kommen. Damit würde die Sterblichkeitsquote wieder sinken. Ob dann auch die Diskussion verstummt, darf eher bezweifelt werden.

    Matthias Witte

    Das komplette Interview mit James Brückner zum Nachhören:

    Zum Thema:

    Warum „Laika“ vor 60 Jahren ins All flog – Goldfische und andere Tiere folgten
    Brennpunkt Tiergarten: Kommt nach „Rambo-Aktion“ neue Strategie?
    Tierischer Todeskampf: Netzwelt schockiert über grausamen Mord an Biene – VIDEO
    Tags:
    Bedingungen, Tod, Eisbären, Tierschutz, Zoo, Berlin, Deutschland