23:16 20 November 2019
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    Smartphone-Sucht: Was der Weihnachtsmann beachten sollte

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    Smartphones verändern bei unkritischem Gebrauch die Hirnchemie und haben teils fatale körperliche und geistige Folgen. Entgegen der Behauptung, dass an Schulen mehr mit digitaler Informationstechnik gearbeitet werden sollte, senken solche Geräte bei Schülern die Lernfähigkeit.

    Immerzu vibriert und läutet das Smartphone. Ob beim konzentrierten Lesen eines Artikels, in der Schlange vor der Kasse, in einem Vier-Augen-Gespräch oder bei einem Spaziergang im Wald – das Gerät macht sich bemerkbar und reißt aus jedem Zusammenhang heraus. Die Zerfahrenheit, die damit einhergeht, ist vielen Smartphone-Nutzern bekannt und führt mitunter auch mal zu ernsteren Zerwürfnissen in Familie und Freundeskreis.

    Eine Reihe von Untersuchungen an Smartphonesüchtigen hat jüngst auch auf der Ebene der Hirnchemie Hinweise geliefert, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen Smartphone und etwa Depressionen, Ängstlichkeit, Schlaflosigkeit und Impulsivität. Was nach und nach in Form solcher Studien an den Tag kommt, betonen Psychiater allerdings schon seit einiger Zeit.

    So kritisiert Prof. Manfred Spitzer vom Universitäts-Klinikum Ulm, dass bei der „Vermarktungsorgie“ der recht jungen Geräte „jegliche verantwortungsvolle Technikfolgenabschätzung auf der Strecke geblieben“ sei. Bedenklich sei das, weil nach gegenwärtigem Wissensstand der unkritische Gebrauch von Smartphones „der körperlichen, emotionalen, geistigen und sozialen Entwicklung junger Menschen und damit deren Gesundheit“ schaden kann. Und diese nachgewiesenen Folgen führt der Forscher an.

    Körperliche Folgen:

    • Bewegungsmangel und Haltungsschäden
    • Kurzsichtigkeit
    • Übergewicht
    • Bluthochdruck
    • eine prä-diabetische Stoffwechsellage
    • Schlafstörungen
    • erhöhtes Risikoverhalten beim Geschlechts- und Straßenverkehr (hier habe das Smartphone bei jüngeren Verkehrsteilnehmern den Alkohol als Unfallursache Nummer eins abgelöst)

    Seelische Folgen:

    • Aufmerksamkeitsstörungen, Ängste, Depressionen
    • Stress, Sucht (Computersucht, Internetsucht, Spielsucht, Smartphone-Sucht, aber auch mehr Alkohol- und Tabak-Konsum)
    • geringerer akademischer Erfolg bis hin zum Schulversagen
    • eine verminderte Lebenszufriedenheit und Empathiefähigkeit
    • geschwächte eigenständige Willensbildung

    Solche Befunde gelten aber nicht nur für Smartphones, sondern für die Verwendung digitaler Informationstechnik generell, wie sie derzeit an Schulen gepriesen und großflächig umgesetzt wird. So soll nach dem Forscher der Einsatz dieser Technik ablenken und zu vermindertem Lernen um 10 bis 15 Prozent führen. Auch Suchmaschinen seien nur bei erfahrenen Nutzern sinnvolle Mittel zur Informationsbeschaffung. Bei Schülern hingegen, die noch wenig Bildung haben, zeigten sie sich Lehrbüchern unterlegen. Smartphones und Tablets verführen Spitzer zufolge zur Oberflächlichkeit, sodass weniger gelernt und behalten wird.

    Außerdem zeige eine sehr umfangreiche Studie an 90 Schulen im Großraum London, die in den Jahren 2002 bis 2012 ein Handyverbot eingeführt hatten, dass bei den über 130.000 Schülern eine stetige und signifikante Verbesserung der Schulleistungen in den Jahren nach dem Verbot zu verzeichnen war.

    Besonders wichtig: Je schlechter die Schüler vor dem Verbot waren, desto mehr steigerten sich ihre Leistungen. Anders gesagt: Die 20 Prozent besten Schüler wurden nach dem Handy-Verbot nicht besser, die 20 Prozent schwächsten Schüler verbesserten sich dagegen am deutlichsten. Daraus zieht der Psychiater den Schluss, dass Smartphones nicht mehr Bildungsgerechtigkeit bewirken, sondern bei geringerer Bildung zu einer zusätzlichen Benachteiligung führen.

    Bevor der Weihnachtsmann also die Wunschliste kritiklos übernimmt, sollte er sich überlegen, ob er auch für die Folgen eines smarten Geschenks geradestehen möchte, das die Beschenkten womöglich alles andere als smart machen wird. Bleibt nur zu hoffen, dass er selbst diesen Text zu Ende liest, ohne von den Vibrationen seines Santa-Phones zu sehr abgelenkt zu werden.

    Valentin Raskatov

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    Schule, Nutzer, Liste, Körperverletzung, Forschung, Smartphones