18:16 07 Dezember 2019
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    Deutsche U-Boote aus dem Zweiten Weltkrieg (Archivbild)

    Deutsche U-Boote in sibirischem Fluss: Mythos oder Wahrheit?

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    Deutsche U-Boote tauchen in einem nordsibirischen Fluss auf und bringen Agenten ans Land. Diese wiegeln die Einheimischen zu einem Aufstand auf, der vom sowjetischen Geheimdienst dann niedergeschlagen wird. Fast 50 Menschen sterben. Seit 74 Jahren beschäftigt diese Legende sibirische Historiker. Sputnik klärt auf, was es damit auf sich hat.

    November 1943: Während die Rote Armee die ukrainische Hauptstadt Kiew erfolgreich von der Wehrmacht befreit, bekommt die Regierung in Moskau ein Funktelegramm von der nordwestsibirischen Halbinsel Jamal. Major Medwedew, Regionalchef des sowjetischen Geheimdienstes NKGB, berichtet: Im Ob-Busen seien deutsche U-Boote aufgetaucht, Agenten seien an Land gegangen und hätten die Einheimischen mit einer „großen Anzahl von Glattrohrwaffen“ ausgestattet.

    Tieftaucher vor Krim-Küste (Symbolbild)
    © Foto : Katastrophenschutz der Krim

    „Aufstand“ gegen die Sowjetmacht

    Gleichzeitig informiert Medwedew die Parteileitung in der näher gelegenen Kreisstadt Salechard über einen „bewaffneten Aufstand“ von 200 Personen gegen die Sowjetmacht und fordert militärische Verstärkung an: „Die Lage ist schwer. Wir bitten um Maschinengewehre und können uns noch drei bis fünf Tage halten.“

    Einen Monat später erfolgt ein Militäreinsatz: Eine mit RPD-Maschinengewehren bewaffnete Kompanie des Geheimdienstes rückt in die Tundra vor. Sieben „Aufständische“ werden auf der Stelle erschossen, weitere 51 verhaftet. Nur neun von ihnen werden überleben. Alle Opfer sind Nenzen, ein Urvolk von Rentierzüchtern, die seit Jahrhunderten in Abgeschiedenheit leben und ihre traditionelle Lebensweise pflegen.

    Wassili Beloussow will die Ereignisse miterlebt haben. Im Herbst 1943 nahm der damals 22-Jährige an der NKGB-Operation als Funker teil. „Ich habe persönlich nach Salechard gemeldet, dass im Fluss Drowjanaja ein deutsches U-Boot aufgetaucht war“, sagte Beloussow 67 Jahre später der Regionalzeitung „Tjumenskije Iswestija“. Er selbst habe das U-Boot aber nicht gesehen: Den Text zum Funken habe ihm ein Parteifunktionär in die Hand gedrückt.

    Im Krieg war die deutsche Unterwasserflotte vor der sowjetischen Küste im Nordpolarmeer sehr aktiv: Allein durch Angriffe des U-Bootes U-365 auf Nordmeergeleitzüge in der Karasee wurden bis zu 300 Menschen getötet. Das U-Boot U-639 kreuzte im Ob-Busen auf, um dort zahlreiche Magnetminen des Typs TMB-2 auszusetzen. Die Minen konnten erst 2012 vollständig geräumt werden. Deshalb ist es nicht weiter verwunderlich, dass es nach der Zerschlagung des Nenzen-Aufstandes Orden hagelte: für Medwedew, seinen Stellvertreter Garanin und den NKGB-Chef des Gebietes Omsk. Nur vier Jahre später werden alle drei im Gefängnis landen.

    Der Betrug fliegt auf

    Deutsche U-Boote im Ob wie auch der Aufstand selbst seien nichts weiter als eine Erfindung gewesen, sagt der Ex-KGB-Offizier und Historiker Alexander Petruschin in einem Gespräch mit Sputnik Deutschland. Der 67-jährige Oberst i.R. hatte an der Rehabilitierung der Opfer der politischen Repressalien mitgewirkt und Zugriff auf Geheimarchive des sowjetischen Geheimdienstes gehabt.

    Nach seinen Erkenntnissen wurde der „Aufstand der Nenzen“, der in die Geschichte der Region als „Mandala“ (Nenzisch für „Menschenmenge“) einging, von den örtlichen Partei- und Geheimdienstspitzen erfunden, um die eigene Fehlpolitik vor der zentralen Führung in Moskau zu vertuschen. Mitten im Krieg mangelte es auf Jamal extrem an Brot und Brennholz. Dennoch wurden die Rentierhirten mit Steuern belegt, die für sie einfach nicht stemmbar waren – Grund genug für einen Aufstand.

    „Unmöglich“, ist Petruschin überzeugt. Denn die Nenzen seien „naiv und bei weitem zu rückständig“ gewesen und seien es immer noch. „Sie hatten nur eine vage Vorstellung davon, was die Sowjetmacht überhaupt ist.“ Zu einem organisierten Aufstand, geschweige denn einer „Konterrevolution“ wären sie einfach nicht fähig gewesen.

    „Deutsche Marine auf dem Ob“

    Der Betrug flog bereits nach Kriegsende auf: Nachdem 1946 Viktor Abakumow zum neuen Minister für Staatssicherheit ernannt worden war, begannen auch beim Geheimdienst Säuberungen, so der Historiker weiter.

    Eine neue Kommission sei für Ermittlungen nach Jamal geschickt worden. Die Kommission sei zu dem Schluss gekommen, dass Bykow, Garanin und Medwedew mit gezielten Provokationen die Unzufriedenheit der Einheimischen geschürt hätten, um deren Unmut dann als einen „konterrevolutionären Aufstand gegen die Sowjetmacht“ zu präsentieren. In einem Prozess im September 1947 wurden alle drei zu mehrjährigen Strafen im Arbeitslager verurteilt.

    Auch deutsche Unterwasserschiffe im Ob seien ein Märchen, so Petruschin weiter. Die Untersuchungsakte „Mandala“ umfasse sieben Bände, aber ein Auftauchen deutscher U-Boote werde nirgends erwähnt. „Der Ob-Busen ist eigentlich ein Flachwassergebiet und für Unterwasserfahrten nicht gerade sehr geeignet, und schon gar nicht zur winterlichen Jahreszeit“, sagt der Historiker.

    Nach Kriegsende habe die Sowjetunion dort vergeblich versucht, einen Stützpunkt für U-Boote zu bauen. Doch das Projekt habe aufgegeben werden müssen, nachdem die Baustelle durch einen heftigen Sturm zum Jahreswechsel 1950/1951 zerstört worden sei.

    Sergej Pirogow

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    Tags:
    Nenzen, Tundra, U-Boot, Zweiter Weltkrieg, Rote Armee, Wehrmacht, Kriegsmarine, Drittes Reich, Sowjetunion, Sibirien, Jamal, Deutschland, Russland