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10:28 19 August 2019
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    Plastikmüll in China

    Westen durch China in Gefahr – wegen Millionen Tonnen eigenen Plastikmülls

    © AFP 2019 / FRED DUFOUR
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    Drohen die westlichen Wohlstandsländer nun in Plastikmüll zu ersticken, weil China zum 1. Januar die Einfuhr von Kunststoffabfall verboten hat? Deutschland exportiert ein Viertel seines Mülls und verwendet so viel Plastik wie kaum jemand in Europa. Dagegen engagiert sich der Berliner Christoph Schulz und erklärt im Interview, warum.

    China hat den Umweltschutz als wichtige Investition in die Zukunft entdeckt und dies auf dem vergangenen Parteitag der Kommunistischen Partei als Priorität festgeschrieben. Im Zuge dessen wurden mehr als 500 Modelle von Dieselautos verboten – und nun auch die Einfuhr von Plastikmüll untersagt.

    Europa trifft dieses Umdenken Chinas nahezu unvorbereitet, obwohl sich der Politikwandel Pekings seit Längerem andeutete. Deutschland exportiert bisher ein Viertel seines Mülls. Allein 2016 waren dies 560.000 Tonnen –  vor allem nach China.  Mit dem neuen Einfuhrverbot bleibt die westliche Welt auf Millionen Tonnen Plastiktüten und Flaschen sitzen. Es fehlt hierzulande sowohl an Lagerplätzen als auch an Recycling-Anlagen. Darüber hinaus gelingt es selbst dem Recycling-Weltmeister Deutschland bisher nur, knapp die Hälfte des Kunststoffabfalls wiederzuverwerten. Ein Viertel wird verbrannt, der Rest exportiert.

    Holz-Zahnbürsten und Strände aufräumen

    Der 29jährige Berliner Christoph Schulz hat sich vor knapp zwei Jahren gefragt, wie er als Jungunternehmer nicht nur Geld machen, sondern auch etwas für die Umwelt tun könnte. So gründete er das StartUp „CareElite“ (www.careelite.de) und begann, Alternativen zu Plastik-Utensilien wie zum Beispiel Holz-Zahnbürsten anzubieten. Inzwischen betreibt Schulz einen gut gefüllten Online-Shop mit Plastik-Alternativen und leistet in einem Blog Aufklärungs- und Lobbyarbeit dazu, wie Plastikmüll vermieden werden kann. Schulz lebt selbst fast plastikfrei und organisiert regelmäßig sogenannte Beach-Clean-Ups (Strand-Aufräumaktionen).

    Schulz sieht den Importstopp Chinas als Gelegenheit, unseren eigenen Plastikverbrauch zu überdenken:

    „Gerade jetzt, wo China die Importe verbietet, sehen wir, wo die Probleme sind. Wir leben in einer Wohlstandsgesellschaft, wo wir uns schon daran gewöhnen, dass wir alles jederzeit wiederkaufen können. Wir schmeißen Dinge weg, die man reparieren könnte oder die man auch für andere Sachen verwenden kann.“

    Kaum ein Land in Europa generiert so viel Plastikmüll wie Deutschland. 37 Kilo pro Kopf jährlich geht auf das der  Deutschen. Trotz dramatischer Bilder wie der Plastikinseln auf den Weltmeeren ist der Pro-Kopf-Verbrauch an Plastik hierzulande in den letzten zehn Jahren noch einmal um ein Drittel angewachsen. Während Frankreich bereits im vergangenen Jahr Plastiktüten generell verboten hat, ist dies in Deutschland bisher noch der Initiative des Einzelhandels überlassen. Das Hauptproblem ist vor allem die Plastikverpackung von Lebensmitteln.

    Schulz beobachtet hier zumindest ein langsames Umdenken: „Es gibt Ketten, die sich sehr darauf einlassen, dass es diese neue Zielgruppe der Menschen gibt, die keinen Müll machen wollen. Dadurch, dass die Nachfrage geändert wird, passen sich dann auch die Unternehmen zwangsweise an. Manche machen das jetzt schon. Andere werden das in ein paar Jahren machen müssen, weil da sonst kaum noch einer einkauft. Denn die Leute werden langsam bewusster, gerade hier in Berlin merkt man das.“

    Schulz sieht die Politik in der Pflicht, da sich Unternehmen in erster Linie dem Profit und nicht der Umwelt verpflichtet sehen: „Da muss die Politik auf jeden Fall mit Gesetzen und höheren Gebühren eingreifen. Und die Unternehmen müssen auch einfach in der Pflicht sein, den in Umlauf gebrachten Plastikmüll, den Verpackungsmüll, auch wieder ordnungsgemäß zu recyceln. Da gibt es überhaupt keine Auflage bisher. Ich glaube, 2019 kommt da ein Gesetz, aber das ist alles noch viel zu lange hin.“ Die neuen Gesetze in China könnten somit tatsächlich Deutschland zwingen, früher strengere Gesetze zur Vermeidung von Plastikmüll zu erlassen.

    Eine Million Seevögel sterben an Plastikmüll

    Besonders die Meere sind vom Plastikmüll betroffen. Jedes Jahr gelangen 32 Millionen Tonnen Kunststoff in die Umwelt und davon mindestens acht Millionen Tonnen direkt ins Meer. Das heißt, jede Minute wird etwa eine LKW-Ladung Plastikmüll ins Meer gekippt. Da das Material nicht biologisch abbaubar ist, treibt eine Plastikflasche mindestens 450 Jahre im Meer, bevor sie sich zu kleinerem Partikeln zersetzt hat.
    Besonders verheerend ist dieser Müll für die Tierwelt, wie Schulz erläutert: „Laut Naturschutzbund sterben jedes Jahr 100.000 Meeressäuger und eine Million Seevögel an Plastikmüll. Die fressen den Plastikmüll, gerade die kleinen Teile. Und im Laufe ihres Lebens haben die so viel Plastik im Magen, das sich nicht zersetzt. Dadurch sterben die Vögel irgendwann.“

    Selbst in herkömmlichen Shampoos ist Mikroplastik enthalten. Es gelangt übers Abwasser direkt ins Meer gelangt, da dies von Kläranlagen bisher nicht gefiltert werden kann. Als Alternative zu herkömmlicher Plastik aus Rohöl schlägt Schulz Ersatz aus Maisstärke vor. Diese zersetzt sich sehr schnell und wird bereits von den ersten Firmen verwendet. Allerdings gebe es hier noch Probleme beim Recycling: „Das Problem ist, dass die Recyclingsysteme noch nicht auf Bioplastik vorbereitet sind und das noch nicht sehr gut verwerten können. Das ist jetzt eine technologische Aufgabe, das weiter zu entwickeln, dass es irgendwann zum Standard gehört und Plastikmüll nicht einfach mehr für 500 Jahre im Meer treibt.“, so Schulz.

    Müll vermeiden auf einfachem Weg

    Schulz setzt auf den „Zero Waste“-Lebensstil. Das heißt, „keinen Müll machen, keine Lebensmittel verschwenden, beim Einkaufen darauf achten, keinen oder so wenig wie möglich Plastikmüll zu machen.“ Der Berliner Jungunternehmer empfiehlt den Gang in den Supermarkt mit dem eigenen Stoffbeutel. Größtes Potential sieht er bei Wasser und Kaffee:

    „Kaufen Sie sich eine Trinkflasche, die Sie wiederverwenden können, und trinken Sie Leitungswasser. Es gibt eine App, die heißt ‚Refill‘, was sich ziemlich schnell ausbreitet mittlerweile. Da machen ganz viele Cafés mit. Das heißt, unterwegs können Sie dann Ihre Flasche einfach in Cafés auffüllen. Dann gucken Sie in die App, wo das nächste Café liegt, das an dem Programm teilnimmt, und dann füllen Sie Ihre Flasche kostenlos auf und haben immer Wasser, ohne es in Plastikflaschen kaufen zu müssen – und zu einem wahrscheinlich 400mal niedrigeren Preis. Auch Coffee to go kann man mittlerweile ganz einfach in den Geschäften in einen mitgebrachten Becher füllen lassen.“

    Armin Siebert

    Das komplette Interview mit Christoph Schulz zum Nachhören:

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    Tags:
    Umwelt, Müll, Plastik, Deutschland, China