22:32 18 Juli 2018
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    Politiker im Trauma: „Nicht nur Trump ist herzlich zur Therapie eingeladen“ – Experte

    © REUTERS / Hannibal Hanschke
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    Das derzeitige Politik- und Wirtschaftssystem bringt immer mehr Menschen hervor, die traumatisiert, also seelisch verletzt sind. Das sagt der renommierte Psychotherapeut Franz Ruppert aus München im exklusiven Sputnik-Interview. Laut ihm entsteht ein Trauma schon früh im Kindesalter. „Auch unsere Politiker sind betroffen“, warnt der Forscher.

    „Die Gesellschaft ist traumatisiert, weil ganz viele ihrer Mitglieder traumatisiert sind“, sagte Ruppert gegenüber Sputnik. „Umgekehrt ist eine Gesellschaft wieder traumatisierend und schafft wieder neue Traumatisierungen. Das bedingt sich wechselseitig und durchzieht das gesamte, gesellschaftliche System.“ Das Problem sei in allen gesellschaftlichen Bereichen zu finden, so Ruppert. Der Professor für Psychologie an der Katholischen Stiftungshochschule München arbeitet als Psychotherapeut mit eigener Praxis in der bayerischen Landeshauptstadt. Er hält er in ganz Europa, Asien und den USA Vorträge und Seminare zu der von ihm begründeten „Identitätsorientierten Psychotraumatherapie“.

    Er prägte den Begriff der „Traumabiografie“. Das bedeutet, dass viele Menschen nicht nur an den Folgen einer einmaligen Traumatisierung leiden, sondern ihr ganzes Leben durch Auswirkungen ihrer frühen Traumata (Mehrzahl von Trauma) bestimmt werden. In der Regel ist das den Betroffenen nur selten bewusst. „Ich definiere Trauma als Psychotrauma“, so der Therapeut. Es gehe um unterdrückte, abgespaltene Gefühle. „Ein Mensch spaltet sich psychisch.“ Diese Spaltung erfolge, sobald er überfordernde Eindrücke und Reize von außen sowie unterdrückte Emotionen im Inneren nicht mehr übereinstimmend verarbeiten kann. Es komme zur inneren Spaltung, um negative Inhalte aus dem Bewusstsein fernzuhalten.

    Ist die politische Elite traumatisiert?

    Die Menschen würden vom System mit ihren Traumatisierungen allein gelassen. Ein Grund dafür sei, dass Politiker oft selbst traumatisiert seien. „Wie soll es dann auch anders sein? Die kommen ja aus der Gesellschaft.“ Jede gesellschaftliche Gruppe könne betroffen sein. „Ich habe in meiner psychotherapeutischen Praxis Menschen aus allen Gesellschaftsschichten und kann dann sehen: Was führt eigentlich dazu, dass sich Menschen in das verstricken, was ich ‚Täter-Opfer-Dynamik‘ nenne?“ Da gehe es vor allem um Schuldzuweisungen. Der Täter schiebe die Schuld auf sein Opfer. Das Opfer wiederum schiebe die Schuld auf den Täter. „Eine unheilvolle Dynamik. Jeder denkt immer, er ist Opfer – aber in Wirklichkeit ist er oft auch ein Täter.“ 

    Donald Trump (Archivbild)
    © AP Photo / Pablo Martinez Monsivais

    Das sei auch bei Politikern der Fall. Als Beispiel nannte er den US-Präsidenten Donald Trump, der vermutlich eine „unübersehbare narzisstische Persönlichkeitsstörung“ hat. Seiner Theorie zufolge ist das eine Täterhaltung: „Täterhaltungen entstehen daraus, dass jemand früher ein Opfer war. Wenn ich als Kind beschämt worden bin – was man bei Trumps Vater annehmen kann, der war anscheinend wohl auch sehr gewalttätig – dann fange ich an, andere zu beschämen. Gleichzeitig will ich auch immer geliebt werden.“ Ein ungeliebtes Kind versuche, seine früheren negativen Trauma-Erfahrungen damit zu kompensieren, dass es „der mächtigste Mann der Welt“ wird.

    Was ist ein Trauma eigentlich?

    Für Ruppert beginnt ein Trauma immer in der Psyche eines Menschen. Diese Psyche entwickle sich – ebenso wie der menschliche Körper – mit der Zeit. Frühe Störungen, frühe negative Erfahrungen können die noch junge Psyche belasten und Auslöser für eine spätere, lebenslange Traumatisierung sein. „Unsere Psyche ist ein sehr empfindliches und sensibles Instrument. Das ist wunderbar. Auf der anderen Seite kann sie aber auch sehr schnell Defekte erleiden.“ Daher müsse sich die Traumaforschung die psychische Entwicklung von Menschen „von Anfang an anschauen. Da können wir feststellen, dass Menschen schon sehr früh psychisch schwer beschädigt werden können.“ Selbst Geburts- und vorgeburtliche Prozesse spielten eine Rolle. So sieht Ruppert erste Grundlagen für spätere Traumata bereits im frühzeitigen Trennen des frischgeborenen Säuglings von der Mutter kurz nach der Geburt. Auch Kaiserschnitte, das operative Öffnen der Gebärmutter, würden ein Trauma begünstigen. Sowohl für Mutter und Kind.

    Die Traumatisierung beginne für viele Menschen „ganz früh“ im Leben. Die Betroffenen können darunter ein Leben lang leiden, so der Therapeut. „Durch diesen Zwang, Privatleben und Arbeitsleben zu vereinbaren, werden oft auch Kinder von ihren Eltern ganz früh in Kinderkrippen abgegeben“, erklärte er. „Was auch wieder die Kinder überfordert, was ihr Bindungssystem überfordert. Wo sie dann Angst bekommen, wo sie ihre Gefühle letztendlich auch wieder abspalten müssen. So dass dann der Eingewöhnungsprozess in der Krippe letztlich darin besteht, das Kind psychisch zu spalten.“

    Der Krieg – „Mutter aller Traumata“?

    Die heutige Gesellschaft führe dazu, dass Kinder „systematisch“ in einem sehr instabilen, psychischen Zustand gehalten werden. „Leider noch gefördert“ durch ein Konkurrenz- und Wettbewerbssystem in Schule, Politik und Wirtschaft. Die Gesellschaft fördere diese Strukturen noch. Beispielsweise durch ein „Medizinsystem, wo Kaiserschnittgeburten als normal angesehen werden. Dann ein Familienpolitiksystem, wo Kinderkrippen als normal angesehen werden. Dann eben auch ein Wirtschaftssystem, in dem die Konkurrenz als normal angesehen wird.“ Alle Volkswirtschaften und Nationen stehen laut ihm in einem internationalen Wettbewerb. Die Folge? „Dass selbst Krieg als normal angesehen wird.“

    Traumaforscher sprechen von der „Normalisierung von Trauma. Es wird so getan, als wäre Traumatisierung normal. Als müsste das zum Leben dazu gehören, dass wir Menschen uns gegenseitig traumatisieren. Die Gesellschaft erzeugt ihren eigenen, traumatisierten Nachwuchs.“ Allein der Krieg, der so gut wie alle Teilnehmer nachhaltig traumatisiert, werde in der heutigen Gesellschaft als „Normalzustand“ angesehen. „Die Gesellschaft denkt, nur so geht es.“ Das sei ein fataler Irrtum. „Das Trauma, das Psychotrauma ist eines der meist tabuisierten Phänomene nach wie vor.“ Es müsse eine neue gesellschaftliche Debatte geben. Über die wahren Ursachen der traumatisierten Gesellschaft: die menschlichen Beziehungen. Besonders die „Eltern-Kind-Beziehung“. Aber eben auch die Beziehung zwischen politischer Führung und Bevölkerung. Eine Möglichkeit zur Überwindung persönlicher Traumata sei eine Traumatherapie. Auch Politikern rät Ruppert dringend, sich zu therapieren: „Trump wäre auch herzlich eingeladen, mal zu mir zu kommen und sich sein eigenes Anliegen anzuschauen. Mal zu gucken, warum er denkt, das machen zu müssen, was er macht.“

    Die Bücher von Franz Ruppert wurden in mehr als zehn Sprachen übersetzt. Darin beschreibt er traumatische Prozesse, deren Konsequenzen für die menschliche Psyche und Lösungskonzepte. 2018 wird voraussichtlich sein neues Buch „Wer bin Ich in einer traumatisierten Gesellschaft?“ erscheinen. Mehr Infos im Internet

    Alexander Boos

    Das komplette Interview mit Prof. Dr. Franz Ruppert zum Nachhören:

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