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16:04 22 Oktober 2019
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    Deniz Naki während eines Spiels für FC St. Pauli (Archivbild)

    Fußballer Naki unter Beschuss: Angriff auf Erdogan-Kritiker oder „mediale Kampagne“?

    © REUTERS / Christian Charisius
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    Auf das Auto des deutsch-türkischen Fußballers Deniz Naki ist geschossen worden. Der ehemalige Fußballprofi vom FC St. Pauli gilt als Kritiker der türkischen Regierung und vermutet ein politisches Motiv hinter dem Angriff. Während die Staatsanwaltschaft den Anschlag untersucht, wird der Fall von Experten kontrovers diskutiert.

    Deniz Naki, deutsch-türkischer Fußballspieler mit kurdischen Wurzeln, ist am Sonntag gegen 23 Uhr auf der Autobahn nahe Düren (Nordrhein-Westfalen) aus einem fahrenden Fahrzeug beschossen worden. Die Aachener Staatsanwaltschaft nahm Meldungen zufolge Ermittlungen gegen Unbekannt wegen versuchter Tötung auf. Mehrere Schüsse seien kurz vor Mitternacht auf das Auto des 28-Jährigen auf der A4 abgegeben worden, teilte die Staatsanwältin Katja Schlenkermann am Montag mit: „Wir ermitteln in alle Richtungen.“ Eine politisch motivierte Tat werde nicht ausgeschlossen. Eine Mordkommission sei eingerichtet.

    Gegenüber dem Online-Magazin „Bento“ sagte der Fußballer, dass er in der Türkei  „eine laufende Zielscheibe“ sei, weil er sich pro-kurdisch äußern würde. In der Türkei ist Naki aktuell beim Drittligisten Amed SK in der Kurdenmetropole Diyarbakir unter Vertrag. Ein Agent des türkischen Geheimdienstes „oder ein anderer, dem meine politische Haltung nicht passt“, könne hinter der Tat stecken, vermutet der Sportler. Er war im April 2017 in der Türkei wegen „Terrorpropaganda“ für die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK zu einer Bewährungsstrafe von rund 18 Monaten verurteilt worden.

    Auf Twitter schrieb der ehemalige Club des Fußballer FC St. Pauli: “Wir sind schockiert und fassungslos, aber heilfroh, dass Du wohlauf bist @DenizDersimNaki. Für immer mit Dir!“

    Kurdische Gemeinde macht sich Sorgen

    Mit seiner Vermutung liege Naki gar nicht so falsch, sagte der Generalsekretär der Kurdischen Gemeinde Deutschland (KGD e. V), Cahit Basar, gegenüber Sputnik:

    „Wir müssen tatsächlich davon ausgehen, dass hier in Deutschland und auch in Europa Menschen unterwegs sind, die sich das entweder selbst zum Auftrag gemacht haben oder im Auftrag gewisser Kreise innerhalb der Türkei unterwegs sind, um tatsächlich Oppositionelle und Erdogan-Kritiker in Europa zu verfolgen oder diese tatsächlich in Angst und Schrecken zu versetzen. Und somit dann von weiterer Kritik und ihrer politischen Arbeit abzuhalten.“

    Seit längerem vermuten Erdogan-Kritiker ein türkisches Netzwerk, welches in Deutschland Kritiker der türkischen Regierung in Deutschland überwacht. Dieses sei erst kürzlich durch die sehr engen Beziehungen mancher türkischer Abgeordneter zu Rockerbanden in Deutschland bekannt geworden, erklärte Basar. Er verwies unter anderem auf die „Osmanen Germania“, „die finanziell unterstützt und ihre Anweisungen aus Ankara erhalten und aus ihrer Nähe zur Regierungspartei AKP keinen Hehl machen“. Das seien letzten Endes politisierte Schlägertrupps, so der Experte.

    Zweifel an Sicherheitslage

    Auch der KGD-Vorsitzende Ale Ertan Toprak werde täglich bedroht und beschimpft, berichtete Basar: „Man muss sich zunehmend Gedanken machen, inwiefern man in diesem Land noch sicher ist. Leider geht die Bundesrepublik hier mit einer unglaublichen Naivität vor und hat längst nicht alle Schutzmaßnahmen oder Präventivmaßnahmen ergriffen, um die Menschen, die in diesem Land leben oder Schutz suchen oder auch Staatsangehörige von diesem Land sind, vor dem Zugriff ausländischer Kräfte oder mobilisierter Mobs zu schützen.“

    Cansu Özdemir, Co-Vorsitzende der Fraktion Die Linke in Hamburg und nach eigenen Angaben mit dem Fußballer bekannt, twitterte kurz nach dem Angriff: „Der Mordanschlag auf @DenizDersimNaki macht deutlich: Oppositionelle in DE sind nicht sicher. Befürchte, die Mordkommandos Erdoğans werden solange weitermachen bis jede/r unbequeme Mensch schweigt. Die ernste Bedrohungslage darf nicht weiterhin verharmlost werden.“

    Nur mediale Spekulationen?

    Der Anschlag würde instrumentalisiert werden, „von welcher Gruppe auch immer“, meinte dazu Haluk Yildiz, Vorsitzender der deutsch-türkischen Partei „Bündnis für Innovation & Gerechtigkeit“ (BIG). Nakis private Verhältnisse seien der Öffentlichkeit wenig bekannt: „Wenn die Tat ein politisches Motiv hätte, dann wäre er nicht der Einzige, der eine Zielscheibe sein könnte. Da gibt es genug Politiker, Sportler und Leute aus den Medien, die sich genau so kritisch geäußert haben.“ Yildiz sprach von einer medialen Kampagne, mit der auch versucht werde, Rockerbanden zu kriminalisieren. Er fragte: „Wenn es solche Beweise gibt dann müsste der Rechtsstaat sofort eingreifen und die Leute dingfest machen. Es ist ja die Rede von Waffen und deren Beschaffung. Die Frage ist: Wo sind diese Waffen? Wo sind die Beweise?“

    Von ernsthaften Entwicklungen, die beobachtet werden müssten, sprach die Berliner Politikwissenschaftlerin und Türkei-Expertin Gülistan Gürbey. Sie forderte Schutz für die Betroffenen.

    „Die Verfolgungen in der Türkei von Kritikern und Personen in allen Lebensbereichen, ob es die Wissenschaft, Journalismus oder Privatpersonen betrifft, sind nicht gesunken, sondern haben in den letzten Jahren weiter zugenommen. Es ist eine massive Verletzung der Pressefreiheit, der Meinungsfreiheit  und der Rechtsstaatlichkeit in der Türkei weiterhin zu beobachten.“

    Die AKP-nahe deutsche Organisation Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD) verurteile die Attacke auf Naki „aufs Schärfste“, sagte ihr Generalsekretär, Bülent Bilgi, gegenüber Sputnik. „Wir verurteilen die Tat, obwohl wir die Positionen von Herrn Naki nicht teilen. Er gibt sich offen PKK-freundlich und macht kein Hehl daraus.“

    Paul Linke

    Das komplette Interview mit Cahit Basar von der KGD e.V. zum Nachhören:

    Das komplette Interview mit Haluk Yildiz (BIG) zum Nachhören:

    Das komplette Interview mit Dr. Gülistan Gürbey zum Nachhören:

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    Tags:
    Kurden, Gründe, Kritiker, Mordanschlag, Attentat, Fußballspieler, Bundesliga, Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), Deniz Naki, Türkei, Deutschland